Laubschwerer Apfelbaum, den nichts zieht
Über die hohen Berge,—
Der da blüht, wenn der Winter flieht,
Der es trägt, wenn der Sommer schied;—
Was deine Vögel singen,
Bleibt dir ein taubes Klingen.

Wer sich seit zwanzig Jahren gesehnt
Über die hohen Berge,
Wer die Arme sich wund gedehnt,
Fruchtlos immer sich aufgelehnt,
Hört, was die Vögel singen,
Die deine Zweige tragen.

Törichte Schwätzer, was kamt ihr hierher
Über die hohen Berge,
Ließt eure Nester da draußen leer,
Flöhet von Sonne, Menschen, Meer,—
Nur daß ihr einen verlachtet,
Der hier schwingenlos schmachtet?

Soll ich denn niemals, niemals fort
Über die hohen Berge,—
Bis mich entseelt dieser Schreckensort,
Bis er vereist mir mein letztes Wort?
Bis sie nach Hangen und Harren
Mich hier im Keller verscharren!

Laßt mich hinaus! o weit, weit, weit
Über die hohen Berge!
Hier tropft träge wie Blei die Zeit,
Und mein Mut so nach Leben schreit,—
Laßt ihn zur Sonne, zum Hellen,
Nicht an der Felswand zerschellen!

Einmal, das weiß ich, da reicht es hinaus
Über die hohen Berge.
Wartest du, Herr, schon im Himmelshaus?
Hast schon dein Wort für mein Trachten kraus?
Doch—wenn das Tor noch nicht offen,
Laß mich ein Weilchen noch hoffen!

Arne stand, bis der letzte Vers, das letzte Wort verklungen war. Wieder hörte er die Vögel schäkern und lachen, doch er wagte sich nicht zu rühren. Wissen, wer es war, mußte er aber; er hob den Fuß und schlich so behutsam, daß nicht einmal das Gras raschelte. Ein kleiner Schmetterling setzte sich gerade vor seinem Fuß auf eine Blume, flatterte in die Höhe, flog ein kleines Stück weiter, flatterte wieder in die Höhe, flog wieder ein kleines Stück und flatterte wieder hoch und so ging es den ganzen Abhang, den er hinaufklomm. Dann kam ein dichtes Gebüsch, und er wollte nicht weiter, denn jetzt konnte er alles sehen; ein Vogel flog aufgeschreckt aus dem Busch auf, kreischte und schwebte über den Abhang weg; da blickte das Mädchen auf, das dort saß; er duckte sich tief zur Erde und hielt den Atem an, das Herz klopfte ihm, er hörte jeden Schlag, er lauschte und wagte kein Blatt anzurühren; denn das war sie ja,—war Eli!—Nach langer, langer Zeit sah er ein klein wenig in die Höhe und wäre gar zu gern einen Schritt näher gegangen; aber der Vogel konnte unter dem Busch sein Nest haben, und das durfte er nicht zertreten. Er lugte also durch die Blätter, je nachdem sie zur Seite wehten oder sich zusammenschlossen. Die Sonne fiel voll auf Eli; sie saß da in einem schwarzen, ärmellosen Kleid und hatte einen Strohhut auf dem Kopf, der einem Jungen gehören mußte; er saß nicht fest und rutschte immer nach einer Seite. Auf dem Schoß hatte sie ein Buch, außerdem aber einen großen Haufen Feldblumen; ihre rechte Hand spielte wie in Gedanken damit, die linke hatte sie aufs Knie gestützt, und ihr Kopf ruhte darin. Sie blickte nach der Richtung, wohin der Vogel geflogen war, und es war ungewiß, ob sie geweint hatte.

Etwas Schöneres hatte Arne sein Lebtag weder gesehen, noch erträumt; die Sonne warf aber auch all ihr Gold über sie und über die Stätte, wo sie saß, und das Lied umschwebte sie, wiewohl es längst ausgesungen war, so daß seine Gedanken und sein Atem, ja, sogar sein Herzschlag im Takte danach gingen.

Sie nahm das Buch und schlug es auf, machte es aber schnell wieder zu und saß wie zuvor, während sie anfing, leise vor sich hinzusummen. Es war das Lied: "Mit Blatt und Knospen stand fertig der Baum"—er hörte es, obwohl sie weder die Worte, noch die Melodie genau behalten hatte und sich oftmals irrte. Den letzten Vers konnte sie noch am besten, deshalb fing sie ihn immer wieder von vorn an; aber sie sang ihn so:

Und der Baum trug Früchte, reif schimmernd wie Gold.
Sie seufzte: "Die möcht' ich!" Sie war just so hold.
"Die alle, o ja,
Für dich sind sie da!"
Sprach der Baum—trala, la, la, hold!—