Das erschütterte ihn so, daß er den ganzen Tag wie ein Kranker dasaß; er nahm sein Gesangbuch und sang, und die Leute bei ihm im Hause dachten, irgend was müßte da nicht seine Richtigkeit haben. Abends aber ging er fort; es war heller Mondschein; er ging nach dem Gehöft seines Bruders, grub auf der Brandstätte nach und fand wirklich ein zusammengeschmolzenes Klümpchen Gold; das war die Uhr.
Mit dem Gold in der Hand war er am selben Abend zu seinem Bruder hineingegangen, hatte um Frieden gebeten und alles aufklären wollen. Aber wie es ihm da erging, ist ja schon erzählt.
Ein kleines Mädchen hatte ihn an der Brandstelle graben sehen, ein paar Burschen, die zum Tanz gegangen waren, hatten ihn am Sonntagabend auf das Gehöft zuschreiten sehen, die Leute bei ihm im Hause erzählten, wie wunderlich er am Montag gewesen war, und weil ja alle wußten, daß er mit seinem Bruder verfeindet war, so wurde Anzeige erstattet und eine Untersuchung angeordnet.
Keiner konnte ihm etwas beweisen, aber der Verdacht blieb an ihm hängen; weniger als je konnte er sich jetzt seinem Bruder nähern.
Anders hatte sofort an Baard gedacht, als die Scheune in Flammen stand, aber er hatte es keinem gesagt. Als er ihn am Abend darauf bleich und verstört in seine Stube kommen sah, durchzuckte ihn der Gedanke: jetzt hat ihn die Reue gepackt, aber eine so schändliche Handlungsweise dem eigenen Bruder gegenüber ist unverzeihlich. Später hörte er dann von den Leuten, daß sie ihn an dem Abend, da das Feuer auskam, auf das Haus hatten zugehen sehen, und obwohl durch das Verhör nichts Gewisses festgestellt wurde, glaubte er steif und fest, Baard sei der Täter. Sie trafen sich beim Verhör, Baard in seinen guten Kleidern, Anders in seinen geflickten; Baard sah, als er hereinkam, mit einem so flehenden Blick zu ihm hin, daß es Anders durch und durch ging. Er will, ich soll nichts sagen, dachte Anders, und als er gefragt wurde, ob er seinem Bruder die Tat zutraue, sagte er laut und bestimmt: "Nein."
Doch von diesem Tage an ergab sich Anders dem Trunk, und es ging ihm erbärmlich schlecht. Noch viel schlimmer aber stand es um Baard, obschon der nicht trank; aber er war kaum wiederzuerkennen.
Da kam eines Abends spät eine ärmliche Frau in die kleine Kammer, die Baard sich gemietet hatte, und bat ihn, mitzukommen. Er kannte sie; es war die Frau seines Bruders. Baard ahnte gleich, was für ein Anliegen sie hatte; er wurde leichenblaß, zog sich an und ging mit ihr, ohne ein Wort zu sagen. Ein schwacher Lichtschein kam aus Anders' Fenster, blitzte auf und verschwand wieder, und sie gingen dem Scheine nach, denn durch den Schnee führte kein Pfad. Als Baard wieder auf der Diele stand, schlug ihm ein eigentümlicher Geruch entgegen, daß ihm ganz übel wurde. Sie gingen hinein. Ein kleines Kind saß am Herd und knabberte an den Kohlen, es war ganz schwarz im Gesicht, aber es blickte auf und lachte mit weißen Zähnchen; das war das Kind seines Bruders. Im Bett aber, mit allen möglichen Kleidungsstücken zugedeckt, lag Anders, abgemagert, mit klarer, hoher Stirn und schaute seinen Bruder aus hohlen Augen an. Baard zitterten die Knie, er setzte sich ans Fußende des Bettes und brach in heftiges Weinen aus. Der Kranke sah ihn unverwandt an und schwieg. Schließlich bat er seine Frau, hinauszugehen; aber Baard winkte ihr, sie möge bleiben,—und dann sprachen sich die Brüder aus. Sie sprachen über alles von dem Tage an, da sie auf die Uhr geboten hatten, bis zu der Stunde, da sie hier zusammentrafen. Baard holte schließlich den Goldklumpen heraus, den er immer bei sich trug, und nun sahen die Brüder ein, daß sie sich in all den Jahren nicht einen einzigen Tag glücklich gefühlt hatten.
Anders sagte nicht viel, dazu war er zu schwach; aber Baard blieb am Bett sitzen, solange Anders krank war. "Jetzt bin ich wieder ganz gesund," sagte Anders eines Morgens, als er aufwachte, "jetzt wollen wir noch lange zusammenleben, mein Herzensbruder, und nie mehr auseinandergehen, ganz wie damals." An dem Tage aber starb er.
Frau und Kind nahm Baard zu sich, und sie hatten es fortan gut. Was aber die Brüder am Krankenbett zusammen gesprochen hatten, das drang hinaus durch die Wände und durch die Nacht und alle Leute im Dorf erfuhren es, und Baard kam hoch zu Ansehen. Alle grüßten ihn wie einen Mann, der schweres Leid gehabt hat, und dem dann ein Glück widerfahren ist, oder wie einen, der sehr lange fortgewesen ist. Baard richtete sich an dieser allgemeinen Freundlichkeit auf, er wurde ein frommer Mensch, und da er etwas schaffen wollte, wie er sagte, so machte der alte Korporal einen Schulmeister aus sich. Was er den Kindern als erstes und letztes einprägte, war Liebe, und auch sich selbst wünschte er, daß ihn die Kinder wie einen guten Kameraden und wie einen Vater lieb haben sollten.
Das war die Geschichte, die von dem alten Schulmeister erzählt wurde, und in Öyvinds Herzen schlug sie so fest Wurzel, daß sie für ihn Religion und Erzieher zugleich wurde. Der Schulmeister war für ihn fast ein übermenschliches Wesen geworden, obgleich er so umgänglich zwischen ihnen saß und so gemütlich vor sich hinbrummte. Daß er je seine Aufgaben nicht hätte wissen sollen, war ganz undenkbar, und lächelte ihm der Schulmeister zu oder strich er ihm gar übers Haar, wenn er seine Lektion hergesagt hatte, so war ihm den ganzen Tag lang froh und warm ums Herz.