Den größten Eindruck auf die Kinder machte es immer, wenn der Schulmeister vor dem Singen eine kleine Ansprache an sie hielt und ihnen, mindestens einmal jede Woche, ein paar Strophen vorlas, die von der Nächstenliebe handelten. Wenn er den ersten Vers vorlas, bebte seine Stimme, ob er ihn nun auch schon an die dreißig Jahre gelesen hatte; der Vers lautete:

Lieb' deinen Nächsten nach Christenpflicht,
Unter dem Absatz zertritt ihn nicht,
Liegt er auch schon im Staube;
Alles, was lebet, ist Untertan—
Alles der Liebe, die neuschaffen kann:
Trau' du ihr nur und glaube!

Wenn aber das Lied zu Ende war, und er noch eine Weile schweigend dagestanden hatte, dann sah er sie an und zwinkerte mit den Augen: "Vorwärts, kleines Gesindel, geht hübsch brav nach Hause und macht nicht solchen Lärm,—seid hübsch artig, daß ich immer bloß Gutes von Euch höre, Ihr kleinen Dachse!" Und wenn sie dann beim Zusammenpacken der Bücher und Eßkober einen Höllenspektakel machten, dann klang seine Stimme durch das Getöse: "Kommt morgen wieder, sowie es Tag wird, sonst sollt Ihr mich kennen lernen!—Kommt ja rechtzeitig, Kinderchen, dann wollen wir sehr fleißig sein."

Viertes Kapitel

Von Öyvinds Weiterentwicklung bis zu dem Jahr vor seiner Konfirmation ist nicht viel zu erzählen. Morgens lernte er, tags arbeitete er, und abends spielte er.

Weil er gar so einen fröhlichen Sinn hatte, dauerte es nicht lange, bis die Kinder aus der Nachbarschaft sich in den Freistunden dort einfanden, wo er war. Von seinem Hause fiel ein hoher Abhang zur Bucht ab, der, wie schon erwähnt, an einer Seite von der Bergwand, an der andern vom Wald begrenzt war, und hier veranstaltete die Dorfjugend an jedem schönen Abend und auch Sonntags Schlittenfahrten. Öyvind konnte es am besten; er hatte zwei Schlitten, "Scharftraber" und "Kratzer" hießen sie; diesen lieh er den andern Kindern, jenen aber steuerte er selbst und hatte Margit auf dem Schoß.

Wenn Öyvind aufwachte, war in dieser Zeit sein erstes, aus dem Fenster zu schauen, ob's Tauwetter sei, und sah er, daß es grau über den Büschen jenseits der Bucht hing, oder hörte er es vom Dach tropfen, so ging es so langsam mit dem Anziehen, als sei mit dem Tag rein gar nichts anzufangen. Wachte er aber zu knisternder Kälte und klarem Himmel auf und war's noch dazu Sonntag, wo es den guten Anzug und keine Arbeit gab, bloß Überhören und vormittags Kirchgang und dann den ganzen Nachmittag und Abend frei,—hei! da war der Bursch mit einem Satz aus dem Bett, zog sich an, als brenne es, und konnte vor Aufregung kaum essen. Sowie es Nachmittag war, und der erste Junge auf Schneeschuhen den Weg entlang kam, den Stab über dem Kopf schwang und juchzte, daß es von den Höhen wiedertönte,—und dann einer auf dem Schlitten daherkam und noch einer und noch einer,—dann stürmte der Bursch mit seinem "Scharftraber" auf und davon, rannte den Hügel hinauf und machte bei den Zuletztgekommenen halt mit einem langen schmetternden Jodler, der an der Bucht von Berg zu Berg klang und weit, weit hinten erstarb.

Er schaute dann wohl nach Margit aus, aber wenn sie erst da war, kümmerte er sich nicht mehr recht um sie.

Dann aber kam Weihnachten, wo der Bursch und das Mädel beide ins siebzehnte Jahr gingen und im Frühjahr konfirmiert werden sollten. Am vierten Weihnachtstage sollte auf dem oberen Heidehof bei Margits Großeltern, bei denen sie aufgewachsen war, eine große Festlichkeit stattfinden; sie hatten ihr das schon seit drei Jahren versprochen und mußten es jetzt endlich wahr machen. Hierzu wurde Öyvind eingeladen.

Es war ein halbklarer, nicht kalter Abend; Sterne waren nicht zu sehen, und am andern Tage würde es wohl Regen geben. Ein schläfriger Wind strich über den Schnee, der hier und da von der weißen Heide fortgeweht war und sich an anderen Stellen zu Schneewehen angesammelt hatte. Wo nicht gerade Schnee lag, war der ganze Weg mit Eis bedeckt, das blauschwarz zwischen dem Schnee und dem nackten Felde schimmerte und sich in blanken Streifen hinzog, soweit das Auge reichte. Die Berge herab waren Schneestürze gekommen; düster und kahl war ihr Bett, und nur zu beiden Seiten lag noch der helle Schnee, wo nicht gerade der Birkenwald sich zusammenschob und Dunkelheit schuf. Wasser war nicht zu sehen, nur halbnackte Sandflächen und Moore umsäumten schwer und strichweise die Berge. Die Gehöfte lagen in dichten Gruppen mitten im Felde; sie sahen im Dunkel des Winterabends wie schwarze Klumpen aus, aus denen Licht über das Land hinstrahlt, bald aus diesem Fenster, bald aus jenem; an dem Lichtschein sah man, daß es drinnen geschäftig herging. Die ganze Jugend, Große und Halberwachsene strömten von verschiedenen Seiten zusammen; die wenigsten blieben auf dem Wege; zum mindesten verließen sie ihn und stahlen sich beiseite, sobald sie an das Gehöft kamen; einer kroch hinter den Kuhstall, ein paar unter den Vorratschuppen, andere jagten um die Scheune und heulten wie Füchse, wieder andere antworteten aus der Ferne mit Katzenstimmen, einer stand hinterm Backofen und bellte wie ein alter bissiger Köter, dem die Stimme eingerostet ist, bis von allen Seiten Jagd auf ihn gemacht wurde. Die Mädchen kamen scharenweise und hatten ein paar Burschen, meistens halbwüchsige, bei sich, die sich unterwegs in einemfort prügelten, weil sie ein bißchen erwachsener aussehen wollten. Wenn ein solcher Mädchenschwarm in den Hof kam, und einer oder der andere von den Burschen ihn gewahrte, dann stoben die Mädchen auseinander, liefen auf den Hausflur oder in den Garten und mußten eine nach der andern wieder hervor und in die Stube hineingezogen werden. Ein paar waren so blöde, daß Margit erst kommen und sie hineinkomplimentieren mußte. Zuweilen war auch eine dabei, die eigentlich gar nicht eingeladen war und deshalb auch beileibe nicht hineinwollte, bloß ein bißchen zusehen, bis es sich dann doch so fügte, daß sie wenigstens einen Tanz mittanzen mußte. Wen Margit gut leiden konnte, den nötigte sie zu den Großeltern hinein in eine kleine Stube, wo der Alte saß und rauchte und die Großmutter geschäftig hin und her ging. Da wurden sie bewirtet und freundlich begrüßt. Öyvind war nicht darunter, und das kam ihm ein bißchen sonderbar vor.