Der Hauptmusikant des Gaus konnte erst später kommen; bis dahin mußten sie sich mit dem alten begnügen, einem Häusler; Grauknut hieß er. Er konnte vier Tänze, zwei Hoppser, einen Halling und den alten sogenannten Napoleonwalzer; allein im Laufe der Zeit hatte er den Halling in einen Schottischen umgewandelt, indem er den Takt veränderte, und ein Hoppser war auf dieselbe Weise zu einer Polka-Mazurka geworden. Er spielte also los, und der Tanz begann. Öyvind wagte nicht gleich mit anzufangen, weil hier so viele Große waren; aber die Halbwüchsigen taten sich flink zusammen, pufften sich gegenseitig vorwärts, tranken sich in starkem Bier ein bißchen Mut an, und da tat denn auch Öyvind mit. Heiß war es in der Stube; die Fröhlichkeit und das Bier stiegen ihnen zu Kopf. Margit tanzte am meisten den Abend, wohl weil ihre Großeltern das Fest gaben, und deshalb sah sich auch Öyvind oft nach ihr um; aber immer tanzte sie mit andern. Er wollte auch gern mal mit ihr tanzen; deshalb saß er einen Tanz über, um, sowie er zu Ende war, gleich auf sie zustürmen zu können, und das tat er auch, aber ein großer, sonngebräunter Mensch mit vollem Haar schob ihn beiseite. "Weg da, Bengel!" rief er und gab Öyvind einen Puff, daß er fast der Länge nach über Margit gefallen wäre. So etwas war ihm noch nie passiert, nie waren die Leute anders als nett zu ihm gewesen, und nie hatte ihn einer "Bengel" genannt, wenn er mittun wollte; er wurde feuerrot, sagte aber kein Wort und zog sich zurück, dahin, wo der neue Musikant, der eben gekommen war, saß und sein Instrument stimmte. Alle waren still geworden und warteten auf den ersten, kräftigen Ton von "dem Richtigen". Er probierte und stimmte, es dauerte lange, aber endlich legte er mit einem Hoppser los; die Burschen kreischten auf und schwenkten ihre Mädel im Kreise. Öyvind blickte Margit nach, wie sie mit dem haarbuschigen Menschen tanzte; sie lachte über seine Schulter hinweg, daß man ihre weißen Zähne sah, und Öyvind fühlte zum erstenmal in seinem Leben einen wunderlich stechenden Schmerz in der Brust.

Er sah immer eifriger zu ihr hin, und je mehr er sie betrachtete, desto mehr kam es ihm vor, als sei Margit schon ganz erwachsen; das kann ja nicht sein, dachte er, denn sie fährt doch immer noch mit Schlitten. Aber erwachsen war sie doch, und der haarbuschige Mann zog sie, als der Tanz zu Ende war, auf seinen Schoß; sie machte sich los, blieb aber doch neben ihm sitzen.

Öyvind sah sich den Mann an; er hatte einen feinen blauen Tuchanzug an, ein blaukariertes Hemd und ein seidenes Halstuch; dazu ein schmales Gesicht, blaue, energische Augen, und einen lachenden, trotzigen Mund. Es war ein hübscher Mensch. Öyvind sah ihn sich ganz genau an, und dann beschaute er sich selbst; er hatte ein Paar neue Hosen zu Weihnachten bekommen und hatte sich sehr darüber gefreut; jetzt sah er aber, daß sie bloß aus grauem Fries waren; die Jacke war aus demselben Stoff, aber sie war alt und schäbig, und die Weste, aus gewürfeltem, durchgewebtem Stoff, war auch alt und hatte zwei blanke Knöpfe und einen schwarzen. Er sah umher und fand, wenige nur seien so dürftig gekleidet wie er. Margit hatte ein schwarzes Kleid aus feinem Stoff an, im Brusttuch steckte eine Brosche und in der Hand hatte sie ein seidenes Taschentuch. Auf dem Kopf trug sie ein kleines schwarzseidenes Häubchen, das mit breitem gestreiftem Atlasband unterm Kinn zusammengebunden war. Sie hatte rote Backen und lachte; der Mann plauderte mit ihr und lachte auch. Wieder wurde aufgespielt, und der Tanz fing von neuem an. Ein Schulkamerad kam und setzte sich neben ihn. "Warum tanzst Du nicht, Öyvind?" fragte er freundlich.—"Ach nein," sagte Öyvind, "ich sehe nicht danach aus."—"Siehst nicht danach aus?" fragte der andere; aber ehe er weitersprechen konnte, sagte Öyvind: "Wer ist das mit dem blauen Tuchanzug, der mit Margit tanzt?"—"Das ist doch Jon Hatlen; er ist auf der Ackerbauschule gewesen und will jetzt den Hof übernehmen."—Im selben Augenblick setzten Margit und Jon sich hin. "Was ist das für ein Junge mit dem hellen Haar, der da neben dem Musikanten sitzt und mich fortwährend anglotzt?" fragte Jon. Da lachte Margit und sagte: "Das ist der Häuslerjunge von Pladsen."

Öyvind hatte freilich immer gewußt, daß er ein Häuslerjunge war, aber bis jetzt hatte er das nie weiter empfunden. Er kam sich mit einem Mal so klein vor, kleiner als alle andern; um sich einen Halt zu geben, versuchte er, an all das zu denken, was ihn bis zu dieser Stunde froh und stolz gemacht hatte—vom Schlittenfahren angefangen bis zu den einzelnen Äußerungen. Als er auch an Vater und Mutter dachte, die zu Haus saßen und sich vorstellten, wie gut er es jetzt haben mochte, konnte er die Tränen kaum zurückhalten. Um ihn lachten und scherzten die andern, die Fiedel schrillte ihm gerade in die Ohren, und einen Augenblick war's, als wolle etwas Finsteres in ihm aufsteigen, dann aber fiel ihm die Schule ein und die Kameraden und der Schulmeister, wie er ihn streichelte, und der Herr Pfarrer, der ihm bei der letzten Prüfung ein Buch geschenkt und gesagt hatte, er sei ein fleißiger Junge; sein Vater hatte dabei gesessen und es mitangehört und ihm zugenickt. "Sei brav, Öyvind", meinte er den Schulmeister sagen zu hören, indem er ihn auf den Schoß nahm wie damals, als er klein war. "Du lieber Gott, das alles hat ja so wenig zu sagen, und im Grunde sind alle Menschen gut; es sieht bloß manchmal so aus, als seien sie es nicht. Aus uns beiden soll schon was Tüchtiges werden, Öyvind, ebensoviel wie aus Jon Hatlen; werden schon auch feine Kleider kriegen und mit Margit in der hellen Stube tanzen, wo Hunderte von Menschen dabei sind, und wir lachen und plaudern zusammen; Brautpaar und Pfarrer, und ich auf dem Chor lächle Dir zu, und die Mutter daheim, und ein großer Hof mit zwanzig Kühen und drei Pferden, und Margit ist so lieb und gut wie einst in der Schule——"

Der Tanz war zu Ende; Öyvind sah Margit vor sich auf der Bank sitzen und Jon daneben, den Kopf dicht an ihrem; wieder fuhr ihm ein scharfer, stechender Schmerz durch die Brust, und es war, als sage er zu sich selbst: Ach, stimmt ja, ich hab's ja so schlecht.

Im selben Augenblick stand Margit auf und kam gerade auf ihn zu. Sie beugte sich zu ihm hinunter. "Du darfst nicht so dasitzen und mich immerfort anstarren", sagte sie; "Du kannst Dir doch denken, daß es auffällt; hol' Dir doch eine und tanz' mit ihr."

Er antwortete nicht, er sah nur auf zu ihr, und—er konnte nicht dafür: seine Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte sich schon aufgerichtet und wollte gehen, da sah sie es und stand still; sie wurde plötzlich feuerrot, drehte sich um und ging auf ihren Platz zurück; da aber machte sie wieder Kehrt und setzte sich anderswohin. Jon ging schnell ihr nach.

Öyvind stand von der Bank auf, drängte sich zwischen die Menschen hindurch, ging auf den Hof hinaus, setzte sich in eine der Außengalerien und wußte doch nicht, was er da eigentlich wollte; er stand also auf, setzte sich aber wieder hin, denn er saß hier ja ebensogut wie irgendwo anders. Nach Haus gehen mochte er nicht, wieder hinein erst recht nicht; das kam alles auf eins heraus. Er war nicht imstande, sich klar vorzustellen, was eigentlich geschehen war; er wollte gar nicht daran denken; an die Zukunft wollte er auch lieber nicht denken, denn es gab ja nichts, wonach er sich hätte sehnen können.

"Aber woran denke ich denn bloß?" fragte er sich halblaut, und als er seine eigene Stimme hörte, dachte er: sprechen kannst Du also noch. Kannst Du auch noch lachen? Und er probierte es: ja, er konnte noch lachen, und so lachte er denn ganz laut, immer lauter, und plötzlich kam es ihm sehr drollig vor, daß er da saß und so ganz für seinen eigenen Schatten lachte,—und da mußte er noch mehr lachen. Hans aber, sein Schulkamerad, der neben ihm gesessen hatte, kam ihm nach. "Um Gotteswillen, worüber lachst Du?" fragte er und blieb am Eingang stehen. Da hielt Öyvind inne.

Hans stand und wartete ab, was sich nun begeben würde. Öyvind erhob sich, sah sich vorsichtig um und sagte dann leise: "Jetzt will ich Dir sagen, Hans, warum ich immer so vergnügt gewesen bin; darum, weil ich niemand so richtig lieb gehabt habe; von dem Augenblick an, da man einen Menschen lieb hat, kann man nicht mehr fröhlich sein", und er brach in Tränen aus.