"Öyvind!" flüsterte es draußen auf dem Hof; "Öyvind!" Er hielt inne und lauschte. Das mußte die sein, an die er dachte. "Ja", antwortete er ebenfalls flüsternd, trocknete schnell seine Tränen ab und trat heraus. Da huschte eine Mädchengestalt über den Hof. "Bist Du da?" fragte sie. "Ja", antwortete er und stand still.—"Wer ist noch da?"—"Nur Hans."—Hans wollte gehen. "Nein, nein!" bat Öyvind. Sie kam jetzt langsam dicht an die beiden heran; es war wirklich Margit. "Du warst ja plötzlich weg!" sagte sie zu Öyvind. Er wußte nicht, was er darauf antworten solle. Da wurde sie auch verlegen, und alle drei schwiegen. Hans aber stahl sich allmählich bei Seite. Die beiden standen einander gegenüber, sahen sich nicht an und rührten sich auch nicht. Schließlich sagte sie flüsternd: "Ich hab' schon den ganzen Abend ein bißchen Weihnachtliches für Dich in der Tasche, Öyvind, aber ich konnte es Dir nicht eher geben." Sie holte ein paar Äpfel heraus, ein Stück Kuchen und ein Fläschchen, steckte es ihm zu und sagte, das könne er behalten.

Öyvind nahm es, sagte "danke" und gab ihr die Hand; ihre war warm, und er ließ sie schnell los, als habe er sich verbrannt. "Du hast heut abend viel getanzt."—"Das habe ich," sagte sie, "aber Du gerade nicht", fügte sie hinzu.—"Nein, ich nicht", antwortete er.—"Warum denn nicht?"—"Ach—"

"Öyvind!"—"Ja?"—"Warum hast Du mich immerzu so angesehen?"—"Ach—"

"Margit!"—"Ja?"—"Warum wolltest Du nicht angesehen sein?"—"Es waren doch soviele Menschen da."

"Du hast heut abend viel mit Jon Hatlen getanzt."—"Ach ja."—"Er kann gut tanzen."—"Findest Du?"—"Findest Du nicht?"—"Ach ja."

"Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich kann es heut abend nicht sehen, daß Du mit ihm tanzst." Er wandte sich ab; es hatte ihn Überwindung gekostet, das zu sagen. "Ich versteh' Dich nicht, Öyvind."—"Ich versteh' es ja auch nicht; es ist so dumm von mir.—Adieu, Margit, jetzt will ich gehen." Er tat einen Schritt, ohne sich umzusehen. Da rief sie ihm nach: "Das ist ganz falsch, was Du gesehen hast, Öyvind." Er blieb stehen. "Daß Du ein erwachsenes Mädchen bist, ist nicht falsch."—Er sagte nicht das, was sie erwartet hatte, deshalb schwieg sie; aber mit einem Mal sah sie nicht weit von sich eine Pfeife aufglimmen; das war ihr Großvater, der gerade um die Ecke bog und vorüberkam. Er blieb stehen. "Hier bist Du, Margit?"—"Ja."—"Mit wem sprichst Du denn da?"—"Mit Öyvind."—"Mit wem, sagst Du?"—"Mit Öyvind Pladsen!"—"So, mit dem Häuslerjungen von Pladsen;—gleich kommst Du mit hinein."

Fünftes Kapitel

Als Öyvind am andern Morgen die Augen aufmachte, hatte er fest und erquickend geschlafen und wunderschön geträumt Margit hatte oben auf dem Berg gelegen und ihn mit Blättern beworfen; er hatte sie aufgefangen und wieder hinauf geworfen. Tausendfarbig und -gestaltig war es hinauf und hinabgeflattert. Die Sonne schien hell, und der ganze Berg leuchtete vom Gipfel bis zum Fuß. Als er aufwachte, sah er um sich und suchte das, was er geträumt; da fiel ihm der gestrige Abend ein, und gleich war der stechende, wehe Schmerz in der Brust wieder da. "Den werde ich wohl nie mehr los", dachte er und fühlte sich so schlaff, als sei ihm seine ganze Zukunft entwichen.

"Du hast aber lange geschlafen", sagte seine Mutter, die am Bett saß und spann. "Jetzt flink auf und iß! Dein Vater ist schon im Wald und haut Holz."—Es war, als tue diese Stimme ihm gut. Er stand mit ein bißchen mehr Mut auf. Die Mutter dachte wohl an ihre eigenen Tanzjahre, denn sie trällerte ein Lied vor sich hin, wie sie am Rocken saß, während er sich anzog und aß. Deshalb mußte er vom Tisch aufstehen und ans Fenster treten; wieder befiel ihn diese Bangigkeit und Unlust; er mußte sich zusammennehmen und an die Arbeit denken. Das Wetter war umgeschlagen, die Luft war etwas kälter geworden, so daß statt des Regens, der gestern gedroht hatte, heute ein feuchter Schnee fiel. Er zog sich Gamaschen an, holte seine Pelzmütze, die Seemannsjacke und die Fausthandschuhe hervor, sagte adieu und ging mit der Axt über die Schulter fort.

Der Schnee fiel langsam in großen, nassen Flocken. Öyvind klomm mühsam die Schlittenbahn hinauf, um zur Linken in den Wald einzubiegen; nie—weder im Winter, noch im Sommer—war er sonst hier entlang gegangen, ohne an irgend etwas zu denken, was ihn fröhlich gemacht hatte, oder was er sich wünschte. Jetzt war es ein toter, beschwerlicher Weg für ihn; er glitt in dem feuchten Schnee aus, und die Knie waren ihm steif, vielleicht vom Tanzen gestern, vielleicht auch von der Unlust. Jetzt fühlte er: es war vorbei mit dem Schlittenfahren für dieses Jahr und damit für immer. Etwas anderes war's, wonach er sich sehnte, wie er durch den lautlos fallenden Schnee zwischen den Stämmen dahinschritt. Ein aufgescheuchtes Schneehuhn kreischte und flatterte ein Stückchen weiter; sonst stand alles da, als sei es eines Worts gewärtig, das nie gesprochen wurde. Was es war, wonach er sich sehnte, das wußte er selbst nicht recht; nur nach der Heimat nicht und auch nicht nach der Fremde, nach Fröhlichkeit nicht und auch nicht nach Arbeit; es stieg hoch in die Lüfte empor wie ein Lied, allmählich aber verdichtete es sich zu einem ganz bestimmten Wunsch,—dem Wunsch, zu Ostern konfirmiert zu werden und dabei Nummer Eins zu sein. Er bekam Herzklopfen, wie er daran dachte, und ehe er noch die Axtschläge seines Vaters in den schwachen Bäumchen hören konnte, hatte dieser Wunsch stärkere Gewalt über ihn als irgend etwas bisher in seinem Leben.