Wie gewöhnlich redete sein Vater nicht viel; sie hieben beide drauf los und schichteten die Stämmchen auf. Ab und zu kamen sie dabei zusammen, und bei einer solchen Begegnung sagte Öyvind schwermütig: "Ein Häusler muß sich doch recht plagen!"—"Wie jeder andere auch!" sagte sein Vater, spuckte in seine Hand und faßte die Axt. Als der Baum gefällt war und sein Vater ihn auf den Haufen schleppte, sagte Öyvind: "Wenn Du Bauer wärst, brauchtest Du nicht so zu schleppen!"—"Na, dann würde mich eben was anderes drücken!" und dabei packte er mit beiden Händen zu. Die Mutter brachte ihnen das Mittagessen herauf, und sie setzten sich hin. Sie war sehr lustig, trällerte ein Lied und schlug die Füße im Takt aneinander. "Was willst Du denn eigentlich werden, wenn Du groß bist, Öyvind?" fragte sie plötzlich.—"Für einen Häuslerjungen gibt es nicht viele Möglichkeiten", sagte er.—"Der Schulmeister meint, Du müßtest aufs Seminar", sagte sie. "Kann man da umsonst hin?" fragte Öyvind. "Das bezahlt die Schulkasse", antwortete sein Vater und aß weiter.—"Hast Du denn Lust?" fragte seine Mutter.—"Ich habe Lust, was zu lernen, aber nicht Schulmeister zu werden."—Die drei schwiegen eine Zeitlang; die Frau summte vor sich hin und sah geradeaus. Öyvind aber stand auf und setzte sich etwas abseits.

"Wir haben's doch eigentlich nicht nötig, uns an die Schule zu wenden", sagte seine Mutter, als er fort war. Der Mann sah sie an: "Arme Leute wie wir?"—"Ich mag nicht, Tore, daß Du Dich immer für arm ausgibst, wo Du es nicht bist."—Sie sahen beide verstohlen nach dem Jungen hin, ob er es auch nicht hören konnte. Dann sagte der Vater barsch zu seiner Frau: "Du red'st, wie Du's verstehst." Sie lachte; "auf die Weise soll man auch gerade nicht Gott dafür danken, daß es einem gut gegangen ist", sagte sie und machte ein ernstes Gesicht. "Man kann ihm auch wohl ohne silberne Knöpfe danken", sagte der Vater.—"Ja, aber Öyvind zum Tanz gehen lassen wie gestern, das ist auch kein Dank."—"Öyvind ist ein Häuslerjunge."—"Deshalb kann er doch ordentlich gekleidet gehen, wenn wir es dazu haben."—"Nu schrei noch so, daß er's hört!"—"Er hört's schon nicht, übrigens schadete das ja auch nicht", sagte sie und sah tapfer ihren Mann an, der mit finsterem Gesicht den Löffel beiseite legte und seine Pfeife herausholte. "Wo wir solche elende Wirtschaft haben", sagte er. "Ich finde es lächerlich, daß Du immer von der Wirtschaft redest; warum sprichst Du nie von der Mühle?"—"Ach, Du und Deine Mühle! Du kannst wohl nicht vertragen, wenn sie geht?"—"Oh ja, Gott sei Dank! Wenn sie nur Tag und Nacht gehen wollte."—"Jetzt steht sie schon seit vor Weihnachten."—"In den Weihnachtstagen mahlen die Leute doch nicht."—"Sie mahlen, wenn Wasser da ist; aber seit in Nyström die neue Mühle steht, geht's mit unsrer recht jämmerlich."

"Der Schulmeister hat heute was andres gesagt."—"Ich muß wohl unser Geld lieber von einem weniger schwatzhaften Kerl verwalten lassen, als der Schulmeister ist."—"Ja, vor allem darf er mit Deiner eigenen Frau nicht drüber reden."—Tore antwortete hierauf nicht; er hatte gerade seine Pfeife in Brand gesetzt und lehnte sich gegen einen Reisighaufen; seine Augen wichen dem Blick seiner Frau und dann seinem Sohn aus und blieben schließlich an einem alten Krähennest haften, das halb zerfetzt von einem Fichtenzweige herunterhing.

Öyvind saß allein und sah seine Zukunft vor sich wie eine weite, blanke Eisfläche, und er sauste zum erstenmal von einem Ufer zum andern über sie hin. Daß die Armut bei jedem Schritt hemmte, fühlte er, aber gerade deshalb war das Ziel aller seiner Gedanken, sie zu überwinden. Von Margit hatte sie ihn wohl für immer getrennt; sie sah er schon halbwegs als Jon Hatlens Braut, aber wenigstens wollte er sein Leben lang mit den beiden gleichen Schritt halten. Beiseite stoßen wie gestern würde er sich nicht mehr lassen, sondern sich fernhalten, bis er etwas geworden war, und daß er mit Gottes gütiger Hilfe etwas werden würde, das war sein Wunsch, und er zweifelte keinen Augenblick, daß ihm das gelingen würde. Er hatte das unbestimmte Gefühl, durch Lernen werde es ihm am besten glücken; zu welchem Ziel das führen könne, das mußte er sich überlegen.

Abends war Schlittenbahn, die Kinder kamen alle auf den Hügel, nur Öyvind nicht. Am Herde saß er und lernte und hatte keine Zeit zum Spielen. Die Kinder warteten lange auf ihn, schließlich wurde einigen die Zeit zu lang, sie kamen herauf, drückten das Gesicht an die Scheiben und riefen ihn. Aber er tat, als höre er nicht. Es kamen mehr Kinder, und Abend für Abend; sie liefen in heller Verwunderung draußen auf und ab, er aber drehte ihnen den Rücken zu und las und mühte sich redlich, den Sinn zu erfassen. Später hörte er, Margit komme auch nicht mehr. Er lernte mit einem Eifer, den selbst sein Vater übertrieben fand. Er wurde sehr still; sein Gesicht, das so rund und weich gewesen war, wurde magerer und schärfer, und die Augen wurden härter; selten nur noch sang er, nie spielte er, es schien, als reiche die Zeit nicht mehr dazu. Wenn die Versuchung an ihn herantrat, war's ihm, als flüstere einer: "Später, später!" und immer wieder: "Später."—Die Kinder sprangen, jauchzten und lachten eine Zeitlang wie sonst, aber weil sie ihn weder durch ihre helle Lust, noch durch die Rufe am Fenster zu sich herauslocken konnten, blieben sie schließlich fort; sie fanden andere Plätze zum Spielen, und der Hügel blieb leer.

Der Schulmeister merkte bald, daß das nicht der alte Öyvind war, der lernte, weil es doch mal so sein mußte, und spielte, weil das nötig war. Er sprach oft mit ihm und forschte und drang in ihn, aber es wollte ihm nicht gelingen, das Vertrauen des Knaben so schnell zu gewinnen wie in alten Tagen. Er sprach auch mit den Eltern über ihn, und in Übereinstimmung mit ihnen kam er Ende des Winters an einem Sonntag abend zu ihnen und sagte, als er eine Zeitlang gesessen hatte: "Komm mit, Öyvind, wir wollen ein Stück gehen, ich habe mit Dir zu reden."—Öyvind machte sich fertig und kam mit. Sie wanderten in der Richtung der Heidehöfe und sprachen lebhaft miteinander, wenn auch über nichts Wichtiges. Als sie sich den Gehöften näherten, bog der Schulmeister nach dem mittleren ab, und als sie weitergingen, hörten sie drinnen fröhliche Stimmen. "Was ist hier los?" fragte Öyvind. "Hier wird getanzt", sagte der Schulmeister; "wollen wir nicht hineingehen?"—"Nein."—"Magst Du denn nicht tanzen, Junge?"—"Nein, noch nicht."—"Noch nicht? Wann denn?"—Er antwortete nicht.—"Was meinst Du mit dem noch nicht?"—Als der Bursch nicht antwortete, sagte der Schulmeister: "Komm, mach' keine Redensarten."—"Nein, ich gehe nicht mit!"—Er sprach sehr bestimmt und schien aufgeregt zu sein. "Soll denn Dein eigener Lehrer hier stehen und Dich bitten, zum Tanz zu gehen!"—Ein langes Schweigen entstand. "Ist da drin jemand, vor dem Du Angst hast?"—"Ich kann doch nicht wissen, wer hier ist."—"Aber könnte denn einer da sein?"—Öyvind schwieg. Da trat der Schulmeister auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. "Fürchtest Du, Margit zu treffen?" Öyvind sah zu Boden, sein Atem ging schwer und stoßweise. "Sag's mir, Öyvind."—Öyvind schwieg. "Du schämst Dich vielleicht, es einzugestehen, weil Du noch nicht mal konfirmiert bist; aber mir kannst Du es sagen, Öyvind, es soll Dich nicht gereuen,"—Öyvind blickte auf, aber er konnte kein Wort herausbringen und wandte die Augen zur Seite. "Du bist in letzter Zeit auch gar nicht mehr fröhlich; hat sie andere lieber als Dich?" Öyvind schwieg beharrlich, der Schulmeister fühlte sich etwas verletzt und ließ ihn stehen; sie gingen zurück.

Als sie eine lange Strecke gegangen waren, wartete der Schulmeister, bis Öyvind ihn eingeholt hatte. "Du sehnst Dich wohl danach, konfirmiert zu werden?" fragte er.—"Ja."—"Was willst Du denn nachher anfangen?"—"Ich möchte gern aufs Seminar."—"Und Schulmeister werden?"—"Nein."—"Das ist Dir wohl nicht fein genug?"—Öyvind schwieg. Wieder gingen sie eine lange Strecke. "Wenn Du mit dem Seminar fertig bist, was willst Du dann?"—"Das habe ich mir noch nicht ordentlich überlegt."—"Wenn Du Geld hättest, würdest Du Dir wohl einen Hof kaufen, nicht?"—"Ja, aber die Mühle behalten."—"Dann ist's am besten, Du gehst auf die Ackerbauschule."—"Lernt man da ebensoviel wie auf dem Seminar?"—"Ach nein, aber man lernt das, was man später braucht."—"Bekommt man da auch Nummern?"—"Warum fragst Du danach?"—"Ich möchte gern sehr tüchtig werden."—"Das kannst Du auch ohne Nummern."—Sie gingen schweigend weiter, bis Pladsen in Sicht kam; ein heller Lichtschein drang aus dem Hause, der Berg neigte sich an diesem Winterabend schwarz darüber, drunten lag der Fjord mit der blanken, schimmernden Eisdecke. Der Wald rahmte die stille Bucht ein, es lag kein Schnee, der Mond stand am Himmel und spiegelte den Wald im Eise. "Es ist schön hier in Pladsen", sagte der Schulmeister. Öyvind konnte zu Zeiten die Gegend noch mit denselben Augen anschauen wie damals, als seine Mutter ihm Märchen erzählte, und mit dem Gesicht, womit er so oft auf den Hügel gelaufen war; jetzt hatte er dies Gesicht: alles lag so klar und erhaben vor ihm. "Ja, hier ist es schön", sagte er, aber er seufzte dabei.—"Dein Vater hat sein gutes Brot hier gehabt; Du könntest hier auch wohl zufrieden sein."—Mit einem Schlage hatte die Gegend ihr frohes Gesicht verloren. Der Schulmeister blieb stehen, als erwarte er eine Antwort; als keine kam, schüttelte er den Kopf und ging mit hinein. Eine Weile noch blieb er bei ihnen, aber er schwieg mehr, als er sprach, so daß auch die andern verstummten. Als er sich verabschiedete, begleiteten ihn Mann und Frau vor die Tür; sie schienen beide darauf zu warten, daß er etwas sage. Inzwischen standen sie und sahen in den Abend hinaus. "Hier ist es so merkwürdig still geworden," sagte die Mutter, "seit die Kinder hier nicht mehr spielen."—"Ihr habt eben jetzt keine Kinder mehr im Hause", sagte der Schulmeister; die Mutter verstand, was er damit sagen wollte. "Öyvind ist in der letzten Zeit gar nicht mehr recht fröhlich."—"Nein, nein, wer ehrgeizig ist, der ist nie fröhlich"; und er blickte mit der Ruhe des Greises zu Gottes stillem Himmel auf.

Sechstes Kapitel

Ein halbes Jahr später, im Herbst (die Konfirmation war bis dahin verschoben worden), saßen die Konfirmanden der Gemeinde bei dem Pfarrer in der Leutestube und sollten ihre Nummern bekommen; Öyvind Pladsen und Margit vom Heidehof waren auch dabei. Margit war gerade vom Herrn Pfarrer heruntergekommen, der ihr ein schönes Buch geschenkt und sie sehr gelobt hatte. Sie lachte und schwatzte mit ihren Freundinnen und spähte zu den Burschen hinüber. Margit war jetzt erwachsen, hatte ein gefälliges, sicheres Benehmen, und Burschen und Mädchen wußten, daß der stattlichste Junggesell im ganzen Gau, Jon Hatlen, um sie freie. Ja, die konnte sich freuen! Dicht an der Tür standen ein paar Knaben und Mädchen, die bei der Prüfung durchgefallen waren; sie weinten, während Margit und ihre Freundinnen lachten; bei ihnen stand auch ein kleiner Bursch, der hatte seines Vaters Stiefeln an und das Sonntagstaschentuch von seiner Mutter in der Hand. "O Gott, o Gott," schluchzte er, "ich darf ja nicht nach Hause kommen." Da ergriff alle, die noch nicht oben gewesen waren, die Macht des Zusammengehörigkeitsgefühls; eine allgemeine Stille entstand. Die Angst saß ihnen im Hals und in den Augen, sie konnten nicht ordentlich sehen und nicht schlucken, wozu sie fortwährend das Bedürfnis hatten. Einer saß da und überlegte sich, was er alles konnte, und obwohl er vor ein paar Stunden noch gedacht hatte, er wisse alles, wurde ihm nun ohne Zweifel klar, daß er gar nichts konnte, nicht einmal lesen. Ein anderer stellte sein Sündenregister zusammen von dem Tag, seit er denken konnte bis zu dem Augenblick, wo er hier saß, und er fand es gar nicht merkwürdig, wenn der liebe Gott ihn noch nicht haben wollte. Ein dritter saß und legte sich alle möglichen äußerlichen Zeichen zurecht; wenn die Uhr, die gleich schlagen mußte, erst anfing, wenn er bis zwanzig gezählt habe, dann würde er durchkommen. Wenn der, der draußen über die Diele ging, Lars, der Hofknecht sei, dann komme er durch; wenn der große Regentropfen, der sich an der Fensterscheibe hinunterarbeitete, bis zur Holzleiste gelange, dann würde er durchkommen. Die letzte und entscheidende Probe sollte sein, ob er den rechten Fuß um den linken schlagen könne, und das wollte ihm durchaus nicht gelingen. Ein Vierter war fest überzeugt: wenn er in der Biblischen Geschichte nach Joseph gefragt würde, im Katechismus nach der Heiligen Taufe, oder nach Saul oder nach der Haustafel, oder nach Jesus, oder nach den zehn Geboten, oder—er war noch mitten im Aufzählen, als er aufgerufen wurde. Ein Fünfter hatte eine seltsame Vorliebe für die Bergpredigt gefaßt; ihm hatte von der Bergpredigt geträumt, und er glaubte steif und fest, er würde nach der Bergpredigt gefragt werden, und er sagte fortwährend die Bergpredigt auf; er ging sogar vor die Haustür, um sie schnell noch einmal durchzulesen,—da wurde er hineingerufen und wurde in den großen und kleinen Propheten geprüft. Ein Sechster dachte, der Herr Pfarrer sei ein so seelensguter Mann und kenne seinen Vater so gut, und er dachte auch an den Schulmeister mit dem freundlichen Gesicht, und an Gott, der so gut war und schon so vielen geholfen hatte, Jacob und Joseph zum Beispiel, und dann fiel ihm ein, daß Mutter und Geschwister zu Haus saßen und für ihn beteten, und das würde wohl helfen. Der Siebente saß da und schloß mit allem ab, was er hier in dieser Welt hatte werden wollen. Zuerst hatte er geglaubt, er werde es bis zum König bringen, dann bis zum General oder zum Pfarrer; das war lange vorbei; aber noch als er hergekommen war, hatte er bei sich gedacht, er wollte zur See gehen und Kapitän werden oder auch Seeräuber und ungeheure Reichtümer erwerben; jetzt verzichtete er auf Reichtum, auf Seeraub, auf Kapitän, auf Steuermann,—er wollte sich mit dem Matrosen begnügen, und vielleicht wurde er dann gar Bootsmann, aber es war auch möglich, daß er überhaupt nicht zur See ging, sondern bei seinem Vater auf dem Hof blieb. Der Achte war seiner Sache etwas sicherer, wenn auch nicht ganz; auch der fleißigste war nicht ganz sicher. Er dachte an seinen Konfirmationsanzug, und wozu der wohl gebraucht würde, wenn er nicht durchkomme. Kam er aber durch, dann ginge er in die Stadt und trüge nur noch Tuchanzüge, und wenn er wiederkomme, dann würde er in der Weihnachtszeit tanzen, daß die Burschen sich ärgerten und die Mädels staunten. Der Neunte rechnete anders: er hatte für unsern Herrgott ein kleines Kontobuch angelegt; auf der einen Seite stand als Debet "Wenn er mich durchkommen läßt," und auf der andern als Kredit "so will ich auch nie wieder lügen, nie wieder petzen, jeden Sonntag in die Kirche gehen, die Mädchen in Ruh lassen und mir das Fluchen abgewöhnen." Der Zehnte aber dachte, wenn Ole Hansen voriges Jahr durchgekommen sei, so wäre es mehr als ungerecht, wenn er dies Jahr nicht durchkomme, denn er war in der Schule viel besser gewesen und war auch besserer Leute Kind. Neben ihm saß der Elfte, der sich mit den fürchterlichsten Racheplänen trug, falls er nicht durchkommen sollte: er wollte die Schule in Brand stecken oder ausreißen und wiederkommen zu furchtbarem Gericht über Pfarrer und Schulkommission; aber großmütig würde er schließlich Gnade für Recht ergehen lassen. Zunächst wollte er im benachbarten Kirchspiel zu dem Pfarrer in Dienst ziehen, und im nächsten Jahr da zu oberst stehen und Antworten geben, daß die ganze Kirche staunen sollte. Der Zwölfte aber saß ganz allein unter der Klingel, hatte die Hände in die Taschen gesteckt und sah wehmütig über die andern hin. Keiner von denen da wußte, was für eine Last auf ihm lag, was für eine Verantwortung er hatte. Zu Hause war eine, die wußte es; das war seine Braut. Eine große, langbeinige Spinne kroch über den Fußboden und kam an seinen Fuß heran; sonst pflegte er das ekelhafte Gewürm tot zu treten, heute aber hob er sorglich den Fuß hoch, damit sie ungestört ihres Wegs gehen konnte. Er sprach so mild wie ein Kollektensammler; in seinen Augen stand der unerschütterliche Glaube, daß alle Menschen gut sind; seine Hand führte er mit einer demütigen Bewegung aus der Tasche zum Haar, um es glatter zu streichen. Wenn er bloß glimpflich durch dies gefährliche Nadelöhr hindurchkomme, dann wollte er schon wieder anders werden und Tabak kauen, und seine Verlobung öffentlich machen. Auf einem niederen Schemel aber saß mit eingezogenen Beinen unruhig der Dreizehnte. Seine kleinen blanken Augen wanderten dreimal in der Sekunde durch die ganze Stube, und unter dem dichten, struppigen Haar wälzten sich die Gedanken der andern Zwölf in bunter Unordnung, von den stolzesten Hoffnungen zum niederschmetterndsten Zweifel, von den demütigsten Vorsätzen zu den vernichtendsten Racheplänen gegen das ganze Dorf, und währenddessen hatte er von seinem rechten Daumen schon alles überflüssige Fleisch abgeknabbert, machte sich jetzt an die Nägel und spuckte sie in großen Stücken auf den Fußboden.

Öyvind saß am Fenster; er war schon oben gewesen und hatte alles gewußt, was er gefragt worden war; und doch hatte der Herr Pfarrer kein Wort gesagt, und der Schulmeister auch nicht; über ein halbes Jahr hatte er sich ausgemalt, was die beiden sagen würden, wenn sie merkten, wie er gearbeitet hatte, und er war jetzt sehr enttäuscht und gekränkt. Da saß Margit und hatte für viel weniger Mühe und weniger Wissen Lob und eine Belohnung bekommen; gerade, um vor ihr groß dazustehen, hatte er gearbeitet, und jetzt hatte sie lachend erreicht, was er unter so viel Entsagung sich hatte erarbeiten wollen. Ihr Lachen und Scherzen schnitt ihm in die Seele; die Freiheit, mit der sie sich gab, tat ihm weh. Er hatte seit jenem Abend peinlich vermieden, mit ihr zu sprechen; es müssen erst Jahre darüber hingehen, dachte er; aber ihr Anblick, wie sie so fröhlich und überlegen dasaß, drückte ihn zu Boden, und all seine stolzen Vorsätze hingen wie welkes Laub im Winde.