Er versuchte jedoch nach und nach dieser Niedergeschlagenheit Herr zu werden; es kam darauf an, ob er heute Nummer eins würde, und das wollte er abwarten. Der Schulmeister pflegte immer noch eine Weile beim Herrn Pfarrer zu bleiben, um die Rangordnung festzustellen, und dann herunterzukommen und den Kindern das Ergebnis mitzuteilen. Es war ja noch nicht die endgültige Entscheidung, aber doch der Beschluß, zu dem der Herr Pfarrer und er einstweilen gelangt waren. Die Unterhaltung in der Stube wurde lebhafter, je mehr geprüft und durchgekommen waren; jetzt aber sonderten sich die Ehrgeizigen von den Fröhlichen; diese gingen, sobald sie Gesellschaft fanden, fort, um den Eltern ihr Glück zu verkünden, oder sie warteten auf andere, die noch nicht fertig waren. Jene dagegen wurden immer stiller, und die Augen blickten gespannt nach der Tür.

Endlich war die Prüfung zu Ende, der letzte war heruntergekommen, und jetzt sprach der Schulmeister also mit dem Herrn Pfarrer, Öyvind sah Margit an; sie war so vergnügt, und doch blieb sie hier—ob in ihrem eigenen oder in anderer Interesse, wußte er nicht. Wie schön Margit geworden war! Blendend weiß die Haut, wie er es noch nie gesehen hatte; die Nase strebte ein bißchen nach oben, der Mund lächelte. Die Augen waren halbgeschlossen, wenn sie nicht gerade jemanden ansah; hob sie aber den Blick, so hatte er eine überraschende Macht,—und als wolle sie selbst betonen, daß sie sich gar nichts dabei denke, lächelte sie zugleich ein bißchen. Ihr Haar war eher dunkel als hell, aber es war kraus und lag in tiefen Scheiteln um das Gesicht, so daß es ihr, zusammen mit den halbgeschlossenen Augen, etwas Geheimnisvolles gab, das man nie enträtseln konnte. Man wußte nie ganz genau, wen sie eigentlich ansah, wenn sie allein oder im Kreise der andern saß, auch nicht, was sie eigentlich dachte, wenn sie sich irgendeinem zuwandte und mit ihm sprach, denn sie nahm gewissermaßen sofort alles wieder zurück, was sie gab. "Und hinter all dem steckt wohl eigentlich Jon Hatlen", dachte Öyvind,—trotzdem sah er fortwährend zu ihr hinüber. Da kam der Schulmeister. Alle stürmten von ihren Plätzen und umringten ihn. "Welche Nummer habe ich?"—"Und ich?"—"Und ich? Ich?"—"Schscht! Ihr Bande, keinen Spektakel!—Ruhig, Ihr sollt's erfahren, Kinder!" Er sah sich bedächtig um. "Du bist Nummer 2", sagte er zu einem Jungen mit blauen Augen, der ihn bittend ansah, und der Junge tanzte aus dem Kreise heraus. "Du bist Nummer 3",—er schlug einem rothaarigen flinken Knirps, der ihn am Rockschoß zupfte, auf die Finger. "Du bist Nummer 5, Du Nummer 8", und so weiter. Da fiel sein Blick auf Margit: "Du bist Nummer 1 von den Mädchen"; sie wurde glühend rot übers ganze Gesicht und versuchte zu lächeln. "Du Nummer 12, bist 'n Faulpelz gewesen und ein rechter Herumtreiber; Du Nummer 11, war nicht anders zu erwarten, mein Junge; Du Nummer 13, mußt tüchtig lesen und recht oft zum Überhören kommen, sonst geht's Dir schlecht!"—Öyvind konnte es nicht länger aushalten; Nummer 1 war freilich noch nicht genannt, aber er hatte die ganze Zeit über so gestanden, daß der Schulmeister ihn hatte sehen können. "Herr Lehrer!"—er hörte nicht. "Herr Lehrer!" Dreimal mußte er rufen, bis er hörte. Da endlich sah der Schulmeister ihn an; "Nummer 9 oder 10, ich weiß nicht genau", sagte er und wandte sich zu einem andern. "Wer ist denn Nummer 1?" fragte Hans, Öyvinds bester Freund. "Du nicht, Du Krauskopf!" sagte der Schulmeister und schlug ihm mit einer Papierrolle auf die Hand. "Wer denn?" fragten ein paar andere. "Ja, wer? wer ist das?"—"Das wird der erfahren, der die Nummer hat", antwortete der Schulmeister streng, weil er keine weiteren Fragen haben wollte.—"Geht jetzt hübsch nach Hause, Kinder, dankt dem lieben Gott und macht Euren Eltern Freude. Bedankt Euch auch bei Eurem alten Lehrer; Ihr wäret gewiß so dumm wie Bohnenstroh geblieben, wenn er nicht gewesen wäre."—Sie bedankten sich bei ihm und lachten und zogen jubelnd von dannen, denn in diesem Augenblick, wo es nach Haus zu den Eltern ging, waren alle vergnügt. Bloß einer konnte seine Bücher nicht gleich finden, und als er sie zusammengesucht hatte, da setzte er sich hin, als wolle er wieder von vorn zu lernen anfangen.

Der Schulmeister trat zu ihm hin: "Nun, Öyvind, willst Du nicht mit den andern gehen?"—Keine Antwort. "Weshalb schlägst Du Deine Bücher auf?"—"Ich will nachsehen, was ich heute falsch geantwortet habe."—"Du hast nicht die kleinste falsche Antwort gegeben."—Da blickte Öyvind auf, die Tränen stiegen ihm in die Augen, er sah ihn unverwandt an, eine Träne nach der andern rann hinunter, aber er sagte kein Wort. Der Schulmeister setzte sich ihm gegenüber. "Freust Du Dich denn nicht, daß Du durchgekommen bist?"—Es bebte um seinen Mund, aber er antwortete nicht. "Deine Eltern werden sich sehr freuen", sagte der Schulmeister und sah ihn an.—Öyvind kämpfte lange, um ein Wort herauszubringen, schließlich fragte er leise und abgebrochen: "Wohl deshalb…, weil ich … ein Häuslerjunge bin … bekomm' ich den neunten oder zehnten Platz?"—"Natürlich deshalb", antwortete der Schulmeister.—"Dann hat es ja gar keinen Zweck zu arbeiten", sagte er klanglos und brach über all seinen Träumen zusammen. Plötzlich richtete er den Kopf in die Höhe, hob die rechte Hand, schlug mit aller Macht auf den Tisch, warf sich über den Tisch und brach in heftiges Weinen aus.

Der Schulmeister ließ ihn liegen und weinen, so recht sich ausweinen. Es dauerte lange, aber der Schulmeister wartete, bis das Weinen kindlicher wurde. Da faßte er seinen Kopf mit beiden Händen, richtete ihn in die Höhe und sah in das verweinte Gesicht. "Glaubst Du, daß jetzt eben Gott bei Dir gewesen ist?" fragte er freundlich und hielt ihn fest, Öyvind schluchzte noch, aber leiser, und die Tränen flossen schon sachter, aber er konnte den Frager noch nicht ansehen und auch nicht antworten.—"Öyvind, dies ist Dein wohlverdienter Lohn gewesen. Du hast nicht gelernt aus Liebe zum Christentum und zu Deinen Eltern, Du hast aus Eitelkeit gelernt."—Es blieb still in der Stube, wenn der Schulmeister eine Pause machte; Öyvind fühlte seinen Blick auf sich ruhen, und unter diesem Blick taute in ihm etwas auf, und er wurde ganz demütig.—"Mit solchem Hochmut in Deinem Herzen konntest Du doch den Bund mit Deinem Gott nicht schließen, nicht wahr, Öyvind?"—"Nein", stammelte der, so gut er konnte.—"Und wenn Du dagestanden hättest mit der eitlen Freude, daß Du Nummer Eins bist, wäre das nicht eine Sünde gewesen?"—"Ja", flüsterte er, und seine Mundwinkel zitterten.—"Hast Du mich noch lieb, Öyvind?"—"Ja"; zum erstenmal blickte er auf.—"So will ich Dir sagen: ich war es, der den niedrigeren Platz Dir ausgewirkt hat, denn Du bist mir lieb, Öyvind."—Der andere sah ihn an, blinzelte ein paarmal mit den Augen, und die Tränen rannen wieder heftiger.—"Du bist mir deshalb doch nicht böse?"—"Nein"; er sah groß und klar zu ihm auf, wenn seine Stimme auch gequält klang.—"Mein liebes Kind! ich will um Dich sein, solang ich lebe."

Er wartete, bis Öyvind sich beruhigt hatte und seine Bücher zusammenpackte, dann sagte er, er wolle mit ihm nach Hause gehen. Sie gingen langsam ihres Weges. Anfangs war Öyvind noch sehr still und kämpfte mit sich, nach und nach aber überwand er sich. Er war fest davon überzeugt, so wie es gekommen war, war es das beste für ihn, und ehe er noch zu Hause war, hatte dieser Gedanke sich so in ihm befestigt, daß er seinem Gott dankte und das auch dem Schulmeister sagte. "Ja, jetzt können wir dann ja überlegen, wie wir etwas erreichen im Leben," sagte der Schulmeister, "und nicht blind drauflos rennen. Was meinst Du zum Seminar?"—"Ja, dahin möchte ich sehr gern."—"Du meinst auf die Ackerbauschule?"—"Ja."—"Das ist auch wohl das beste; da gibt es andre Aussichten als eine Schulmeisterstelle."—"Aber wie komme ich dahin? Ich habe große Lust, aber ich weiß mir keinen Rat."—"Sei nur fleißig und brav, dann wird schon Rat werden."

Öyvind war ganz überwältigt von Dankbarkeit. Vor seinen Augen leuchtete es, der Atem ging so leicht, und er fühlte das Feuer unendlicher Liebe in sich, wie es uns geschieht, wenn wir von andern unerwartet Güte erfahren. Es ist uns, als könnten wir immer fortan in frischer Bergluft wandern; wir fliegen mehr, als wir gehen.

Als sie nach Hause kamen, waren beide Eltern in der Stube und hatten dort in stiller Erwartung gesessen, wiewohl es Arbeitszeit und viel zu tun war. Der Schulmeister trat zuerst ein, Öyvind kam hinterher und beide lächelten. "Nun?" fragte der Vater und legte das Gesangbuch fort, in dem er gerade das "Gebet eines Konfirmanden" gelesen hatte. Die Mutter stand am Herd und wagte nichts zu sagen; sie lachte, aber die Hände zitterten ihr; sie erwartete augenscheinlich etwas Gutes, wollte sich aber nicht verraten. "Ich bin bloß hergekommen, um Euch die freudige Nachricht zu bringen, daß er alles gewußt hat, was er gefragt worden ist, und daß der Herr Pfarrer, als Öyvind fort war, gesagt hat, er habe nie einen besseren Konfirmanden gehabt."—"Ach, nein!" sagte die Mutter und war sehr gerührt.—"Das ist ja nett", sagte der Vater und räusperte sich unsicher.

Nach langem Schweigen fragte die Mutter leise: "Was für eine Nummer bekommt er?"—"9 oder 10", sagte der Schulmeister ruhig.—Die Mutter blickte den Vater an, der Vater erst sie, dann Öyvind; "mehr kann ein Häuslerjunge nicht erwarten", sagte er. Öyvind sah ihn auch an; es war, als steige ihm wieder etwas im Halse hoch, aber er zwang sich, an allerlei Liebes zu denken, immerfort, bis er's wieder herunter hatte.

"Jetzt muß ich wohl gehen", sagte der Schulmeister, nickte ihnen zu und wandte sich zur Tür. Die Eltern begleiteten ihn wie gewöhnlich hinaus; draußen nahm der Schulmeister einen Priem und sagte schmunzelnd: "Er wird natürlich der erste, aber es ist besser, er erfährt es erst, wenn der Tag da ist."—"Ja, ja", sagte der Vater und nickte. "Ja, ja", sagte die Mutter und nickte auch; dann griff sie nach der Hand des Schulmeisters; "schönen Dank auch für alles, was Du an ihm tust", sagte sie. "Ja, schönen Dank", sagte der Vater, und der Schulmeister ging; die beiden aber standen noch lange und sahen ihm nach.

Siebentes Kapitel