"Das ging noch gut ab", sagte Margit, als sie wieder zusammen waren.—"Es kommt noch schlimmer, meinst Du?"—"Ich weiß, daß uns jemand belauern wird."—"Dein Großvater?"—"Natürlich."—"Aber er soll uns nichts anhaben!"—"Nicht so viel."—"Versprichst Du mir das?"—"Ja, das verspreche ich, Öyvind."—"Wie hübsch Du bist, Margit!"—"Das sagte der Fuchs auch zum Raben und stahl ihm den Käse."—"Ich will eben den Käse auch gern haben."—"Du kriegst ihn aber nicht."—"Ich nehme ihn mir aber." Sie drehte den Kopf weg, und er bekam den Käse nicht. "Jetzt will ich Dir mal was sagen, Öyvind!" sie sah ihn von der Seite an. "Nun?"—"Wie häßlich Du geworden bist!"—"Du wirst mir den Käse trotzdem geben."—"Nein, das werde ich nicht", und sie wandte sich wieder ab.
"Ich muß jetzt gehen, Öyvind."—"Ich begleite Dich."—"Aber nur durch den Wald; nachher kann Großvater Dich sehen."—"Ja, nur durch den Wald. Aber warum läufst Du denn so?"—"Wir können hier doch nicht nebeneinander gehen."—"Aber dann ist es doch keine Begleitung!"—"So fang mich doch!"—Sie lief davon, er hinterher, bald blieb sie hängen, und er fing sie.—"Habe ich Dich jetzt für immer gefangen, Margit?" er hatte den Arm um sie gelegt.—"Ich glaube", sagte sie leise und lachte, aber dann errötete sie und wurde ernst. "Jetzt muß es aber gehen", dachte er, und er zog sie an sich und wollte sie küssen; doch sie steckte den Kopf unter seinen Arm, lachte und lief ihm davon. Zwischen den letzten Bäumen blieb sie aber stehen. "Wann treffen wir uns wieder?" fragte sie leise. "Morgen, morgen", rief er ebenso zurück. "Ja, morgen!"—"Leb' wohl!" sie lief weiter. "Margit!" sie stand still.—"Du, das war fein, daß wir uns zuerst oben auf dem Berge trafen."—"Ja, das war's!" und sie lief wieder weiter. Er sah ihr lange nach; der Hund lief ihr voran und bellte, sie hinterher und beschwichtigte ihn. Er kehrte um, nahm seine Mütze und warf sie in die Luft, fing sie und warf sie noch einmal in die Höhe. "Jetzt, glaube ich, wirklich, ich fange an, froh zu werden", sagte der Bursch und ging singend heimwärts.
Zehntes Kapitel
Eines Nachmittags gegen Ende des Sommers, als die Mutter mit einer Magd Heu zusammenrechte, und der Vater und Öyvind es einbrachten, kam ein barfüßiges, barhäuptiges Bürschchen den Hügel hinuntergesprungen, lief über die Wiese auf Öyvind zu und gab ihm einen Zettel. "Du kannst fein laufen", sagte Öyvind. "Ich krieg's auch bezahlt", antwortete der Junge. Auf die Frage, ob er Antwort haben wolle, sagte er nein und trat schleunigst den Rückzug über den Berg an, denn es komme einer hinter ihm her, sagte er. Öyvind machte mit vieler Mühe das Zettelchen auf; es war in einen Streifen zusammengefaltet, dann geknifft und dann zugesiegelt, und auf dem Zettel stand:
"Jetzt ist er im Anmarsch; aber es geht langsam. Lauf in den Wald und versteck' Dich!
Die Bewußte."
"Nein, das tu' ich nicht", dachte Öyvind und sah trotzig nach dem Hügel hinauf. Es dauerte auch nicht lange, da kam ein alter Mann dort oben zum Vorschein, verpustete sich, ging ein paar Schritte und verpustete sich wieder. Tore und seine Frau hielten mit der Arbeit inne und blickten hinauf. Tore lächelte, seine Frau aber wechselte die Farbe. "Kennst Du den?"—"Ja, den soll man wohl kennen."
Vater und Sohn fingen wieder an, ihr Heu einzutragen, und Öyvind wußte es so einzurichten, daß sie immer hintereinander hergingen. Der Alte oben auf dem Hügel kam langsam heran wie ein schwerer Wolkenschauer von Westen. Er war sehr groß und stark; weil er schlimme Füße hatte, mußte er mühsam Schritt für Schritt am Stock gehen. Er war jetzt schon so dicht dabei, daß sie ihn deutlich sehen konnten; er stand still, nahm die Mütze vom Kopf und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß ab. Sein Kopf war ganz kahl; er hatte ein rundes, runzliges Gesicht, kleine lebhafte, zwinkernde Augen, buschige Brauen und noch alle Zähne im Mund. Seine Stimme war scharf und kreischend, als gehe sie über Stock und Stein; doch ab und zu verweilte sie so recht behaglich auf dem r, schnarrte es ein paar Ellen lang und machte zugleich einen mächtigen Sprung. Er hatte in seiner Jugend für einen lustigen, etwas heißblütigen Menschen gegolten; auf seine alten Tage war er durch mancherlei Unannehmlichkeiten mißtrauisch und jähzornig geworden.
Tore und sein Sohn mußten noch verschiedene Male hin und her pendeln, bis Ole herangestelzt kam; sie wußten beide, daß er nichts Gutes im Schilde führte, aber um so drolliger war es, daß er nur so langsam herankam. Sie mußten beide ganz ernste Gesichter machen und ganz leise sprechen; doch auf die Dauer wirkte das komisch. Ein einziges zündendes Wort kann unter solchen Umständen zum Lachen reizen, zumal wenn mit dem Lachen eine Gefahr verbunden ist. Als er schließlich bloß noch ein paar Klafter weit fort war, die aber kein Ende nehmen wollten, sagte Öyvind trocken und leise: "Der Mann muß schwere Ladung haben", und mehr war nicht nötig. "Ich glaube, Du bist nicht recht klug", flüsterte der Vater, dem das Lachen nahe war.—"Hm, hm", räusperte sich Ole auf der Höhe. "Er bringt schon seine Kehle in Ordnung", flüsterte Tore. Öyvind kniete vor dem Heuhaufen hin, grub das Gesicht hinein und lachte; auch sein Vater bückte sich hinunter. "Komm in die Scheune", flüsterte er, lud sein Heu auf und trabte davon; Öyvind bog sich vor Lachen, nahm auch ein kleines Bündel, lief hinterher und warf sich auf die Tenne nieder. Der Vater war ein ernster Mann; aber brachte ihn einer zum Lachen, dann gluckste es erst ein bißchen in ihm, und dann kamen lange, abgebrochene Triller, bis sie sich zu einem einzigen langen Brüllton vereinigten, worauf dann Welle auf Welle mit immer längerem Schnaufen hervorbrach. Jetzt war er ins Fahrwasser gekommen; der Sohn lag auf dem Boden, der Vater stand dabei, und beide lachten, daß es schallte. Sie hatten immer mal zwischendurch solchen Lachtag; aber "diesmal kommt es sehr ungelegen", sagte der Vater. Schließlich wußten sie gar nicht, was werden sollte, denn der Alte mußte ja inzwischen da sein. "Ich gehe nicht 'raus," sagte der Vater, "ich habe nichts mit ihm zu schaffen."—"Ja, dann geh' ich auch nicht", sagte Öyvind.—"Hm—hm", hörten sie es draußen vor der Scheune. Der Vater drohte dem Burschen mit der Faust: "Du machst, daß Du 'rauskommst!"—"Ja, geh Du voran!"—"Willst Du gleich hingehen!"—"Ja, geh voran!" und sie klopften sich gegenseitig die Röcke ab und gingen mit ernsten Mienen hinaus. Als sie unten an die Scheunenbrücke kamen, sahen sie Ole an der Küchentür stehen, als besinne er sich; er hatte Mütze und Stock in einer Hand und trocknete sich mit dem Taschentuch den Schweiß von dem kahlen Schädel und zupfte auch die Borsten hinter den Ohren und im Nacken zurecht, daß sie wie Stacheln abstanden. Öyvind hielt sich dicht hinter dem Vater; dieser mußte also stehen bleiben, und um endlich ein Ende zu machen, sagte er mit sehr ernstem Gesicht: "Na, alte Leute noch auf den Beinen?" Ole drehte sich um, sah ihn scharf an und setzte die Mütze zurecht, bis er antwortete: "Ja, scheint so!"—"Du bist gewiß müde; willst Du nicht hereinkommen?"—"Ach, ich ruhe mich hier im Stehen aus; mein Geschäft dauert nicht lange."—Da klinkte jemand die Küchentür auf, zwischen der Frau in der Tür und Tore stand der alte Ole, den Mützenschirm tief über die Augen gezogen; denn seit er kein Haar mehr hatte, war ihm die Mütze zu groß geworden. Um sehen zu können, bog er den Kopf ganz hintenüber; den Stock hielt er in der rechten Hand, die linke stemmte er in die Seite, wenn er nicht damit gestikulierte; aber auch dann streckte er sie nur halb von sich und ließ sie in dieser Stellung, um gewissermaßen seiner Würde nichts zu vergeben. "Ist das Dein Sohn, der da hinter Dir steht?" fragte er mit rauher Stimme. "Ich denke."—"Öyvind heißt er, nicht?"—"Ja, er heißt Öyvind."—"Er ist auf einer Ackerbauschule da unten im Süden gewesen?"—"So was war's ja wohl."—"Na, das Mädel, meine Großtochter, die Margit, ja, die ist jetzt ganz verrückt geworden."—"Das wär' schlimm."—"Sie will nicht heiraten."—"Na nu?"—"Sie will keinen von den Bauernsöhnen, die sich um sie bemühen."—"Ach so!"—"Aber der da ist schuld dran."—"Soo?"—"Er hat ihr den Kopf verdreht; ja, der da, Dein Sohn Öyvind."—"Teufel auch!"—"Siehst Du, ich mag nicht, daß mir einer meine Pferde stiehlt, wenn ich sie in die Koppel bringe, und ich mag auch nicht, daß mir einer meine Töchter nimmt, wenn ich sie zum Tanz lasse, das mag ich ganz und gar nicht."—"Nein, das versteht sich!"—"Ich kann nicht hinterherlaufen; ich bin alt, ich kann nicht immerzu aufpassen."—"Nein, nein!"—"Siehst Du, bei mir muß alles seine Art haben; hier muß der Hauklotz stehen, und da die Axt liegen, und da das Messer, und da soll gekehrt werden, und da sollen sie das Holz hinwerfen, nicht vor die Tür, da in die Ecke, ja gerade dahin und nirgends anders. Ebenso: wenn ich zu ihr sage: nicht der, sondern jener,—dann soll es eben auch der sein—und nicht jener!"—"Ganz richtig."—"Aber so ist das nicht; drei Jahre lang hat sie nein gesagt, und seit drei Jahren können wir uns nicht mehr vertragen. Das ist schlimm; und wenn der da schuld dran ist, so kann ich ihm sagen, daß Du, sein Vater, es hörst: es nützt ihm alles nichts; es ist Schluß."—"Ja, ja." Ole sah Tore eine Weile an, dann sagte er: "Du bist ja so kurz angebunden."—"Länger ist die Wurst eben nicht!"
Da mußte Öyvind lachen, obwohl ihm eigentlich nicht danach zumut war. Aber bei freudigen Menschen liegt die Furcht immer an der Grenze des Lachens, und jetzt neigte er zum Lachen. "Worüber lachst Du?" fragte Ole kurz und scharf.—"Ich?"—"Lachst Du über mich?"—"Gott bewahre!" aber seine eigene Antwort reizte seine Lachlust noch mehr. Das sah Ole, und er wurde ganz wütend. Tore und Öyvind wollten es wieder gut machen durch ein ernstes Gesicht, und sie baten ihn, mit hineinzukommen; aber ein dreijahrelanger Ärger mußte sich Luft machen, und der ließ sich nicht eindämmen. "Du brauchst mich nicht zum Narren zu halten," fing er an, "ich bin in meinem Recht; ich sorge für das Glück meiner Enkelin, so gut ich es verstehe, und das Gefeixe eines Lümmels soll mich nicht hindern. Man zieht keine Mädels groß, um sie in die erste beste Kate, die sich auftut, hinzugeben, und man steht nicht vierzig Jahre lang einem Hof vor, um das alles dem ersten besten an den Hals zu werfen, der dem Mädel den Kopf verdreht. Meine Tochter jammerte und wehklagte so lange, bis sie an einen Landstreicher verheiratet war, der sie alle beide zu Tode soff, und ich mußte das Kind zu mir nehmen und den Spaß bezahlen; aber gnade Gott, wenn es mit meiner Großtochter ebenso gehen sollte, jetzt weißt Du's.—Ich will Dir sagen, so wahr ich Ole Nordistuen vom Heidehof bin, eher wird der Pfarrer das Hexenvolk im Walde von Norddal trauen, ehe er Margit und Dich, Du Scheusal, aufbieten soll.—Du willst wohl alle anständigen Freier vom Hof weggraulen? Versuch's nur und komm, dann fliegst Du den Berg 'runter, daß Dir die Schuhe um die Ohren schlagen. Du Affenkerl! Du glaubst wohl, ich weiß nicht, was Ihr denkt, Du und das Mädel,—Ihr denkt, der alte Ole Nordistuen wird bald die Nase in die Luft strecken da draußen auf dem Kirchhof—und dann—hast du nicht gesehen—wollt Ihr vor den Altar. Ich habe jetzt sechsundsechzig Jahre gelebt und ich will Dir zeigen, Bengel, daß ich lebe, bis Ihr alle beide die Gelbsucht darüber kriegt! Meinetwegen kannst Du Dich wie Neuschnee ums Haus legen, aber nicht mal ihre Fußsohlen wirst Du zu sehen bekommen, denn ich schick' sie weg; ich schicke sie wohin, wo sie sicher ist; dann kannst Du hier ja wie 'ne Lachmöve 'rum flattern und Dich mit Regen und Nordwind verheiraten. Und weiter habe ich Dir nichts zu sagen; aber jetzt kennst Du, sein Vater, meine Ansicht, und wenn Du sein Bestes willst, das hier auf dem Spiel steht, dann sorg' dafür, daß er den Fluß so gräbt, wie das Wasser laufen kann; über mein Eigentum geht kein Weg."—Er ging mit kleinen, raschen Schritten zurück, wobei er den rechten Fuß etwas höher hob als den linken und leise vor sich hinschimpfte.