Erstes Kapitel

Wo der Hering längere Zeit regelmäßig Einkehr hält, da bildet sich so allmählich, wenn die Bedingungen im übrigen günstig sind, eine kleine Stadt. Von solchen Städten kann man nicht nur sagen, das Meer habe sie ausgespien; sondern sie sehen auch von weitem tatsächlich wie ans Land geschwemmte Balken und Wrackstücke aus, oder wie ein Häuflein umgekippter Boote, die die Fischer in einer Sturmnacht über sich gezogen haben. Kommt man näher, so sieht man, wie zufällig das Ganze sich aufgebaut hat; da liegt ein Block Klippen mitten im Ort, oder der ganze Flecken ist durch das Wasser in drei, vier Teile gespalten,—Straßen, die sich krümmen und winden. Nur eine Bedingung ist allen diesen Ansiedlungen gemeinsam: sie haben einen Hafen, der den größten Schiffen Schutz gewährt, indem es dort still ist wie in einer Blechbüchse. Und darum sind diese Schlupfwinkel den Schiffen, die mit zerfetzten Segeln und zertrümmertem Plankenwerk aus hoher See angetrieben kommen, um Atem zu schöpfen, auch gar viel wert.

In solch einem kleinen Städtchen ist es still. Alles, was etwa Lärm verursacht, ist auf die Landungsbrücken verwiesen, wo die Boote der Bauern sich festgebissen haben, und wo die Schiffe laden und löschen. Längs den Landungsbrücken läuft die einzige Straße unseres Städtchens; an ihrer andern Seite liegen die weiß- und rotgestrichenen, ein- und zweistöckigen Häuschen; aber nicht Wand an Wand, sondern getrennt durch schmucke Gärten; das gibt auf diese Weise eine lange und breite Straße, wo es übrigens bei Seewind nach allem zu duften pflegt, was auf den Brücken herumliegt. Still ist es hier—nicht etwa aus Furcht vor der Polizei: denn in der Regel ist gar keine da—sondern aus Angst vor dem Gerede der Leute; denn hier kennt sich alles untereinander. Geht man die Straße hinunter, so muß man in jedes Fenster hineingrüßen und hinter jedem sitzt auch meist ein altes Frauchen und grüßt wieder. Ferner muß man jeden grüßen, der einem auf der Straße begegnet. Denn all diese stillen Menschen denken an nichts anderes, als was sich im allgemeinen und im besonderen für sie selber schickt. Wer die Grenzlinie, die seinem Stande oder seiner Stellung gezogen ist, überschreitet, der büßt seinen guten Ruf ein. Denn man kennt nicht allein ihn, sondern auch seinen Vater und Großvater, und man stöbert flugs auf, wo sich schon früher in der Familie ein Hang zum "Ungehörigen" gezeigt hat.

In dieses stille Städtchen zog vor vielen Jahren ein gewisser wohlehrbarer Mann namens Per Olsen. Er kam vom Lande, wo er sich mit Hausieren und Fiedelspielen sein Brot verdient hatte. In der Stadt eröffnete er für seine alten Kunden einen Kramladen, in dem er außer allerhand Waren Brot und Schnaps verkaufte. Man hörte ihn hinten in der "Ladenstube" auf- und abgehen und Springtänze und Brautmärsche spielen; jedesmal, wenn er an der Tür vorbeikam, spähte er durch das Guckloch, und wenn ein Kunde erschien, schloß er sein Spiel mit einem Triller und kam in den Laden. Das Geschäft gedieh flott; er heiratete und bekam einen Sohn, den er nach sich benannte, jedoch nicht "Per", sondern Peter. Der kleine Peter sollte dereinst werden, was Vater Per, wie er sehr wohl fühlte, selber nicht war: nämlich ein Mann von Bildung. Also kam der Junge auf die Lateinschule. Wenn dann die andern, die seine Kameraden sein sollten, ihn von ihren Spielen weg heimprügelten, weil er Per Olsens Sohn war, so prügelte Per Olsen ihn wieder zu ihnen hinaus; denn auf andere Weise konnte ja der Junge nie Bildung erwerben. Infolgedessen fühlte der kleine Peter sich in der Schule sehr verlassen, wurde stumpf und faul und nach und nach so gleichgültig gegen alles, daß alle Hiebe des Vaters ihm weder Tränen noch Lachen mehr entlockten. Nun gab Per das Prügeln auf und steckte ihn hinter den Ladentisch. Wie groß war sein Erstaunen, als er sah, daß der Junge jedem Kunden genau verabreichte, was der forderte, nie auch nur ein Körnchen zu viel gab, nie auch nur eine Pflaume naschte, stets genau abwog, zählte und eintrug, ohne eine Miene zu verziehen, meist ohne ein Wort zu reden, äußerst langsam, aber mit unverbrüchlicher Genauigkeit. Der Vater schöpfte neue Hoffnung und schickte ihn mit einem Heringsboot nach Hamburg, wo er ein Handelsinstitut besuchen und feine Manieren lernen sollte. Acht Monate war er dort; das mußte doch wohl genügen! Als er heimkam, war er mit sechs neuen Anzügen ausgestattet, die er bei der Landung sämtlich übereinander trug; "denn was man auf dem Leib hat, braucht man nicht zu verzollen." Aber abgesehen von diesem Umfang machte er, als er sich am folgenden Tag auf der Straße zeigte, noch ungefähr dieselbe Figur wie früher. Er bewegte sich steif und langsam, mit grad herunterbaumelnden Armen; er grüßte mit einem plötzlichen Ruck, und verbeugte sich, als habe er keine Gelenke, um sofort wieder steif wie vorher zu werden. Er war die verkörperte Höflichkeit; aber er tat alles, ohne ein Wort zu sprechen, hastig, mit einer gewissen Scheu. Er schrieb sich jetzt nicht mehr Olsen, sondern Ohlsen, was den Witzbolden des Städtchens Anlaß zu folgender Scherzfrage gab: "Wie weit ist Peter Olsen in Hamburg gekommen?" Antwort: "Bis zum ersten Buchstaben!" Er trug sich sogar mit dem Gedanken, sich "Pedro" zu nennen. Weil er aber des verdammten "h's" wegen schon mehr als genug Ärger schlucken mußte, ließ er das und schrieb sich einfach: "P. Ohlsen." Er erweiterte das Geschäft des Vaters und heiratete mit knapp zweiundzwanzig eine rothändige Ladenmamsell, damit sie die Wirtschaft führe; denn der Vater war gerade Witwer geworden, und eine Frau war immerhin sicherer als eine Haushälterin. Pünktlich übers Jahr langte ein Sohn an, der acht Tage darauf den Namen Pedro trug. Nachdem der wackere Per Olsen Großvater geworden war, empfand er es als unabweisbare Pflicht, alt zu werden. Er überließ also seinen Handel dem Sohn, saß von Stund an auf der Bank vorm Haus und rauchte. Und als es eines Tags anfing, ihm da draußen langweilig zu werden, wünschte er sich, daß er bald sterben möge. Und wie alle seine Wünsche sänftiglich in Erfüllung gegangen waren, so erfüllte sich auch dieser.

Hatte Peter der Sohn ausschließlich die eine Seite der väterlichen Begabung, die kaufmännische Schlauheit, geerbt, so schien Pedro, der Enkel, ausschließlich die andere, die Lust an der Musik, geerbt zu haben. Er lernte sehr spät lesen, aber sehr früh singen; er blies die Flöte so hübsch, daß es jedem auffallen mußte. Er war fein von Aussehen und weich von Gemüt. Aber dem Vater kam das nur ungelegen; er wollte in dem Knaben seinen eigenen unermüdlichen Geschäftsgeist großziehen. Wenn Pedro etwas vergaß, so wurde er nicht gescholten oder geprügelt, wie seinerzeit der Vater, sondern er wurde gekniffen. Das geschah ganz in aller Stille, mit einer Freundlichkeit, die man fast höflich nennen konnte; aber es geschah bei der geringsten Veranlassung. Jeden Abend, wenn die Mutter ihn auskleidete, zählte sie die blauen und gelben Flecken und küßte sie; aber Widerstand leistete sie nicht; denn sie selber wurde ebenfalls gezwickt. Jeder Riß in seinen Kleidern, die aus des Vaters alten Hamburger Anzügen gemacht waren, jeder Fleck in seinen Schulbüchern wurde ihr angerechnet. Darum hieß es in einem fort: "Laß das, Pedro!—Nimm dich in acht, Pedro!—Vergiß nicht, Pedro!" Den Vater fürchtete er, die Mutter war ihm lästig. Seine Kameraden taten ihm nichts zuleide, weil er gleich zu heulen anfing und flehte, man möge seine Kleider schonen; aber sie nannten ihn bloß den Schmachtlappen und verachteten ihn ganz unverhohlen. Er war wie ein krankes, federloses Entlein, das überall hinterdrein hinkt, und mit jedem kleinen Bissen, den es erwischen kann, weit abseits watschelt. Keiner teilte mit ihm, deshalb teilte auch er mit keinem.

Aber bald machte er die Entdeckung, daß dies bei den ärmeren Kindern der Stadt anders sei; die hatten Nachsicht mit ihm, weil er etwas Feineres war als sie selber. Besonders ein großes, kräftiges Mädchen, das die ganze Schar kommandierte, nahm sich seiner an. Er wurde nicht müde, sie zu betrachten; sie hatte einen Kopf voll rabenschwarzer Locken, die nie anders als mit den Fingern gekämmt wurden, strahlende blaue Augen und eine niedere Stirn; das ganze Gesicht war wie in eins gesammelt und flog förmlich geradaus. Immer war sie in rastloser Bewegung und Tätigkeit; im Sommer barfuß, mit nackten Armen, braungebrannt; im Winter angezogen wie andere im Sommer. Ihr Vater war Lotse und Fischer; sie rannte bei den Leuten herum und verkaufte seine Fische; sie hielt sein Boot gegen Wind und Strömung, und wenn er lotste, trieb sie die Fischerei allein. Wer ihr begegnete, wandte sich um und sah ihr nach; sie war die verkörperte Selbstsicherheit. Sie hieß Gunlaug, aber man nannte sie "das Fischermädel"—ein Titel, den sie als den ihr zukommenden Rang hinnahm. Beim Spielen half sie stets den Schwächeren; sie hatte das Bedürfnis, sich anderer anzunehmen, und so nahm sie sich des zarten Jungen an.

In ihrem Boot durfte er Flöte blasen, was zu Hause untersagt war, weil man fürchtete, seine Gedanken möchten von den Schularbeiten abgelenkt werden. Sie ruderte ihn hinaus auf den Fjord, sie nahm ihn mit auf ihre ausgedehnteren Fischzüge; bald begleitete er sie auch auf ihren nächtlichen Ausflügen. Dann ruderten sie bei Sonnenuntergang hinaus in das lichte Sommerschweigen. Er blies die Flöte oder hörte zu, wie sie ihm von allem erzählte, was sie wußte; vom Meermann, von Gespenstern, von Schiffbrüchen, von fremden Ländern und schwarzen Völkern, von allem, was die Seeleute erzählt hatten. Sie teilte ihr Essen mit ihm, wie sie all ihr Wissen mit ihm teilte, und er nahm alles hin, ohne das Geringste wiederzugeben; denn er brachte von Hause kein Essen und aus der Schule keine Phantasie mit. Sie ruderten, bis die Sonne über den Schneebergen unterging; dann legten sie an einer Insel an und machten Feuer, das heißt, sie sammelte und schichtete Holz und Reisig auf, und er sah zu. Eine von ihres Vaters Schifferjacken und eine Decke hatte sie für ihn mitgebracht; in die wurde er hineingewickelt. Sie paßte aufs Feuer auf, und er schlief ein. Um sich wach zu halten, sang sie Verse aus Liedern und Chorälen; bis er eingeschlafen war, sang sie mit starker, heller Stimme; dann sang sie leiser. Wenn die Sonne auf der andern Seite wieder emporstieg und als Vorboten ein gelb-kaltes Licht über die Berggipfel vor sich herschoß, weckte sie ihn. Der Wald stand noch schwarz, und die Wiese dunkel; bald aber begannen sie sich braunrot zu färben, zu blinken, bis der ganze Gebirgskamm glühte und alle Farben darüber rauschten. Dann zogen sie das Boot wieder ins Wasser, ein Schaumstreifen lief durch die schwarze Morgenbrise, und bald lagen sie am Strand, neben den anderen Fischern.

Als der Winter kam und die Fahrten aufhörten, suchte er sie in ihrem Hause auf; er kam regelmäßig und sah ihr zu, während sie arbeitete; aber weder er noch sie redeten viel; es war, als säßen sie nur beisammen und warteten auf den Sommer. Doch als der Sommer kam, wurde dem Knaben leider auch diese neue Lebensaussicht genommen; Gunlaugs Vater starb, und sie verließ die Stadt, während Pedro auf den Rat seiner Lehrer in den Laden gesteckt wurde. Da stand er nun, neben der Mutter; denn der Vater, der nach und nach die Farbe all der Graupen und Grützen, die er abwog, angenommen hatte, mußte in der Ladenstube das Bett hüten. Aber auch von dort aus wollte er immer noch mit dabei sein, wollte genau wissen, was jedes von den Zweien verkauft hatte, tat, als höre er nicht, bis er sie glücklich so dicht neben sich hatte, daß er sie kneifen konnte. Und endlich als der Docht in dieser kleinen Lampe gänzlich ausgetrocknet war, erlosch er eines Nachts. Die Frau weinte, ohne daß sie recht wußte, warum; aber der Sohn vermochte nicht eine einzige Träne hervorzupressen. Da sie Geld genug hatten, um davon leben zu können, gaben sie das Geschäft auf, rotteten jegliche Erinnerung aus und wandelten den Laden zur Wohnstube um. Darin saß die Mutter am Fenster und strickte Strümpfe; Pedro saß im Zimmer auf der andern Seite des Flurs und blies die Flöte. Aber sobald der Sommer kam, kaufte er sich ein kleines, leichtes Segelboot, fuhr hinüber nach der Insel und suchte die Stelle, wo Gunlaug gelegen hatte.

Und eines Tags, als er dort im Heidekraut lag, sah er ein Boot gerade auf sich zusteuern und neben dem seinen anlegen,—Gunlaug stieg heraus.—Sie war noch ganz dieselbe, nur daß sie jetzt völlig erwachsen war und größer als andere Mädchen. Doch sobald sie seiner ansichtig wurde, wich sie langsam zurück; es war ihr gar nicht der Gedanke gekommen, daß auch er inzwischen ein erwachsener Mensch geworden war.

Dieses blasse, magere Gesicht—das kannte sie nicht; das war nicht mehr kränklich und zart—es war schlaff. Aber in die Augen kam, als er sie sah, ein stilles Leuchten wie von entschwundenen Träumen. Sie trat wieder näher; und mit jedem Schritt, den sie auf ihn zukam, war es, als fiele ein Jahr von ihm ab, und als sie vor ihm stand, da war er aufgesprungen, da lachte er wie ein Kind, da redete er wie ein Kind; das alte Gesicht lag nur über einem heimlich versteckten Kindesantlitz; älter war er geworden—gewachsen war er nicht.