Und doch—gerade dies Kind hatte sie gesucht. Und nun, da sie es wiedergefunden hatte, wußte sie nicht, was weiter… Sie lachte und wurde rot. Unwillkürlich fühlte er in sich etwas wie eine Macht; und zum erstenmal in seinem Leben wurde er plötzlich schön; es währte vielleicht bloß einen Augenblick; aber mit diesem Augenblick wurde sie sein.
Sie war eine von den Naturen, die nur lieben können, was schwach ist, was sie auf Händen getragen haben. Sie hatte zwei Tage bleiben wollen in der kleinen Stadt; sie blieb zwei Monate. In diesen zwei Monaten wuchs er mehr als in seiner ganzen übrigen Jugend; er schwang sich so weit empor aus Traum und Schlaffheit, daß er sogar Pläne entwarf; er wollte fort—er wollte Musiker werden. Aber als er das eines Tages wiederum aussprach, wurde sie blaß und sagte: "Ja—aber dann müssen wir doch erst heiraten!" Er sah sie an, sie sah ihn an, fest und klar, beide wurden sie feuerrot; dann sagte er: "Was würden die Leute dazu sagen?"
Gunlaug war nie der Gedanke gekommen, daß er etwas anderes wollen könne als sie, weil sie selber nie etwas anderes wollen konnte, als was er wollte. Aber jetzt las sie es in seiner Seele—unverhüllt: keinen Augenblick hatte er daran gedacht, etwas anderes mit ihr zu teilen, als was sie gab. In einer Sekunde sah sie es vor sich: ihr ganzes Leben lang war das so gewesen. Zum Anfang ihr Mitleid—zum Schluß ihre Liebe—für das, was sie aus Güte umfaßt hatte. Hätte sie bloß noch einen Moment lang Besonnenheit gehabt! Denn er sah ihren auflodernden Zorn—er erschrak und rief: "Ich will ja!" Sie hörte es; aber der Zorn über ihre eigene Dummheit und seine Erbärmlichkeit, über die eigene Scham und seine Feigheit kochte in so glühender Hast in ihr auf bis zum Sprengen aller Bande, daß wohl nie eine Liebe, begonnen in Kindheit und Abendsonne, gewiegt von Wellen und Mondlicht, begleitet von Flöte und leisem Gesang, ein traurigeres Ende genommen hat! Sie packte ihn mit ihren beiden Händen, hob ihn hoch, verprügelte ihn recht nach Herzenslust, ruderte dann zur Stadt zurück und ging noch in derselbigen Stunde über die Berge—auf und davon.
Er war ausgesegelt als ein verliebter Jüngling, der im Begriff ist, sich sein Mannestum zu erobern; er ruderte heim als ein Greis, der nie ein Mannestum gehabt hat. Nur eine Erinnerung besaß sein Leben; und die hatte er töricht aufs Spiel gesetzt; nur einen Fleck Erde hatte er, wo er sich hinflüchten konnte; und nun durfte er nimmermehr dorthin zurück. Vor lauter Grübelei ob seiner eigenen Jämmerlichkeit und wie das eigentlich alles so gekommen war, versank sein bißchen Unternehmungsgeist wie in einen Sumpf, um nie wieder emporzutauchen. Die Gassenjungen der Stadt, die schon früher auf sein wunderliches Wesen aufmerksam geworden waren, fingen an, ihn zu necken und zu foppen, und weil er überhaupt für die Stadt eine etwas unklare Persönlichkeit war, da niemand so recht wußte, wovon er lebte und was er trieb, so fiel es auch keinem ein, ihn zu verteidigen. Bald traute er sich überhaupt nicht mehr aus dem Hause, wenigstens nicht auf die Straße. Sein ganzes Dasein wurde ein Kampf mit den Straßenjungens; mag sein, daß sie immerhin doch zu etwas gut waren, wie etwa Mücken an einem heißen Sommertag: denn ohne sie wäre er in unaufhaltsamen Stumpfsinn versunken.
Neun Jahre später kam Gunlaug wieder in die Stadt, ebenso unerwartet, wie sie verschwunden war. Sie hatte ein kleines Mädchen von acht Jahren bei sich, ganz ihr Ebenbild aus früherer Zeit, nur daß alles an dem Kind feiner und wie von einem Traum überschleiert war. Es hieß, Gunlaug sei verheiratet gewesen, habe jetzt eine kleine Erbschaft gemacht, und nun kam sie zurück, um eine Matrosenkneipe zu eröffnen. Diese betrieb sie auf eine Art, daß bald Kaufleute und Schiffer zu ihr kamen, um bei ihr ihre Leute zu dingen, und die Matrosen bei ihr einkehrten, um sich zu verheuern. Für diesen Zwischenhandel nahm sie nie einen Pfennig, aber sie machte einen despotischen Gebrauch von der Macht, die er ihr verlieh. Sie war ganz ohne Zweifel der mächtigste Mann in der ganzen Stadt, trotzdem sie ein Weib war und nie einen Fuß aus dem Haus setzte. "Fischer-Gunlaug" nannten die Leute sie, oder "Gunlaug vom Berge"; der Titel "das Fischermädel" ging auf die Tochter über, die die Rädelsführerin der gesamten städtischen Bubenschar war.
Und ihre Geschichte berichtet diese Erzählung; sie hatte etwas von der Elementarkraft der Mutter, und ihr wurde die Gelegenheit, sie zu gebrauchen.
Zweites Kapitel
Die vielen anmutigen Gärten der Stadt dufteten nach dem Regen in ihrer zweiten und dritten Blüte. Die Sonne ging über den ewigen Schneefeldern zur Rüste; der ganze Himmel war Feuer und Flamme, und die Schneefirne warfen den gedämpften Widerschein zurück. Die näher gelegenen Berge standen im Schatten, aber sie leuchteten doch von vielfarbigem Herbstwald; auf den Holmen, die in der Mitte des Fjords in Reih und Glied dem Lande zustrebten, als kämen sie geradenwegs dahergerudert, stand—weil sie dem Lande näher lagen—der dichte Wald in noch stärkerem Farbenspiel als auf den Bergen. Die See war spiegelblank; ein großes Schiff wurde langsam herangewerpt. Die Leute saßen vor ihren Häusern auf der Holztreppe, die zu beiden Seiten halb verdeckt war von Rosengebüsch; von Treppe zu Treppe plauderte man miteinander, stattete sich auch wohl einen kurzen Besuch ab, oder man tauschte einen Gruß mit den Spaziergängern aus, die den langen Alleen draußen vor der Stadt zueilten. Aus einem offenen Fenster tönte hier und dort Klavierspiel; sonst unterbrach kaum ein Laut das Geplauder; der letzte Sonnenschimmer auf dem Wasser erhöhte noch das Gefühl der Stille.
Da plötzlich erhob sich mitten in der Stadt ein Getöse, als werde die ganze Stadt gestürmt. Jungens schrien, Mädchen kreischten, alte Weiber schimpften und kommandierten, der große Hund des Polizeidieners bellte und sämtliche Köter der Stadt stimmten ein. Alles, was drin war, drängte hinaus—hinaus. Der Spektakel wurde so ungeheuerlich, daß sogar der Amtmann sich auf seiner Treppe umdrehte und die Worte fallen ließ: "Da muß was los sein."
"Was ist los?" fielen die von den Alleen Herbeistürzenden über die auf den Treppen Sitzenden her.—"Ja, was ist los?" antworteten die auf den Treppen.—"Herrgott, was ist los?" fragten alle, wenn einer aus der Mitte der Stadt kam. Aber da die Stadt sich so recht gemütlich in Halbmondform um die Bucht schmiegt, so dauerte es recht lange, bis sämtliche Bewohner an beiden Enden die Antwort vernommen hatten: "Bloß das Fischermädel!"