Dies unternehmende Wesen, das von einer höchst gefürchteten Mutter beschirmt und des Schutzes sämtlicher Matrosen sicher war (denn für so was gab's immer einen Freischnaps bei der Mutter!) hatte an der Spitze ihrer Gassenjungenarmee einen großen Apfelbaum in Pedro Ohlsens Obstgarten überfallen. Der Schlachtplan war folgender: ein paar Jungens sollten Pedro nach der Vorderseite des Hauses locken, indem sie seine Rosenbüsche gegen die Fenster klatschten; gleichzeitig sollte ein anderer den Baum schütteln, der mitten im Garten stand, und die übrigen sollten die Äpfel nach allen Himmelsrichtungen über den Zaun werfen; nicht etwa, um sie zu stehlen—Gott bewahre!—einfach zum Spaß! Dieser sinnige Plan war gerade an diesem Abend hinter Pedros Garten ausgeheckt worden. Aber das Unglück wollte, daß Pedro hinter seinem Zaun saß und Wort für Wort mit anhörte. Kurz vor der festgesetzten Stunde holte er sich daher den versoffenen Polizeidiener des Orts samt seinem großen Hund in die Hinterstube, woselbst die beiden reichlich bewirtet wurden. Als der Lockenwirbel des Fischermädels über den Planken auftauchte und gleichzeitig von allen Seiten eine Unmenge kleiner Spitzbubenfratzen hereinguckten, ließ Pedro die jungen Strolche vorn am Haus mit den Rosenbüschen klatschen—aus Leibeskräften; er selber wartete ruhig im Hinterzimmer. Und als die ganze Gesellschaft in tiefster Stille sich um den Baum geschart hatte, und das Fischermädel, barfuß und zerkratzt, im Wipfel saß, um zu schütteln, sprang die Hintertür auf und Pedro und der Polizeidiener, hinter sich den großen Hund, stürzten hervor. Ein Schrei des Entsetzens erhob sich unter den Buben; ein Haufen kleiner Mädchen, die in aller Unschuld draußen vor dem Zaun "Haschen" gespielt hatten, glaubten, da drin werde jemand umgebracht, und fingen ganz fürchterlich zu kreischen an; die Jungens, die entwischt waren, schrien hurrah; die, die noch über dem Zaun hingen, heulten unterm Tanz des Stocks, und um den Tumult vollständig zu machen, tauchten, wie überall, wo Bubengeschrei ist, noch ein paar alte Weiber auf und zeterten mit. Pedro und der Polizeidiener waren selbst ganz erschrocken und sahen sich genötigt, mit den alten Weibern zu unterhandeln; mittlerweile aber nahmen die Buben Reißaus. Der Hund, vor dem sich die Jungens am meisten fürchteten, setzte über den Zaun—ihnen nach—das war so recht was für ihn!—und jetzt jagte es wie Wildentenschwärme durch die ganze Stadt—Buben, Mädchen, Hund und Geschrei!
Mittlerweile saß das Fischermädel mäuschenstill im Apfelbaum und dachte, niemand habe sie bemerkt. Im obersten Wipfel zusammengekauert, verfolgte sie durch das Laub den Verlauf des Kampfes. Als aber der Polizeidiener in heller Wut zu den alten Weibern hinaus gestürzt war, und nur Pedro Ohlsen noch im Garten war, stellte er sich dicht unter den Apfelbaum, guckte hinauf und rief: "Na, 'runter mit Dir, Du infames Frauenzimmer, und zwar auf der Stelle!"—Aus dem Baum kam kein Laut.—"'runter mit Dir, sag' ich! Ich weiß, daß Du dort oben bist!"—Tiefstes Schweigen.—"So hol' ich meine Büchse und schieß Dich 'runter—wahrhaftigen Gott!" Und er machte Miene zu gehen.—"Hu-hu-hu!" tönte es jetzt droben im Baum.—"Ja wohl, heul' Du nur wie ein Schloßhund! Eine volle Ladung Schrot schick' ich Dir hinauf, gib nur acht!"—"Uhu-hu-hu!" tönte es wieder, als ob ein Käuzchen droben säße. "Ich fürcht' mich so!"—"Teufelsfratz, der Du bist! Du bist der ärgste Galgenstrick von der ganzen Bande; aber wart' nur, jetzt hab' ich Dich!"—"Ach liebster, bester, goldigster Herr Ohlsen! Ich will's auch nie und nie und nie wieder tun!" Und im selben Augenblick schleuderte sie ihm einen faulen Apfel mitten auf die Nase und ein helles Jubelgelächter trillerte hinterher. Der Apfel klatschte ihm ins Gesicht wie weicher Teig, und während er sich abwischte, sprang sie herunter; noch eh er sie einholen konnte, hing sie schon überm Zaun und wäre auch glücklich hinübergekommen, wenn sie nicht aus plötzlicher Angst, daß er ihr auf den Fersen war, statt ruhig weiter zu klettern, losgelassen hätte. Aber als er sie nun packte, kreischte sie laut auf—ein so gellendes, wildes, schmetterndes Gekreisch, daß er sie entsetzt fahren ließ. Auf ihr Schreckenssignal lief draußen vor dem Zaun eine Volksmenge zusammen; sie hörte es; sogleich kehrte ihr Mut zurück. "Laß mich los oder ich sag's meiner Mutter!" drohte sie, plötzlich wieder ganz Feuer und Flamme! Da kam ihm dies Gesicht auf einmal bekannt vor: "Deine Mutter?" rief er laut. "Wer ist denn Deine Mutter?"—"Die Gunlaug am Berg—die Fischer-Gunlaug!" wiederholte triumphierend die Range; sie merkte, daß er Angst bekam. Er hatte bei seiner Kurzsichtigkeit das Mädchen bisher noch gar nicht gesehen; er war der einzige in der Stadt, der nicht wußte, wer sie war; er wußte nicht einmal, daß Gunlaug in der Stadt war. Wie besessen schrie er: "Wie heißt Du?"—"Petra!" schrie sie noch lauter. "Petra!" wimmerte Pedro, drehte sich um und rannte ins Haus, als habe er mit dem leibhaftigen Satan geredet. Aber weil der bleichste Schreck und der bleichste Zorn sich ähnlich sehen, so dachte sie, er sei davongelaufen, um sein Gewehr zu holen; die Angst packte sie, sie fühlte bereits das Schrot im Rücken, und da in demselben Augenblick die Gartenpforte von außen aufgebrochen wurde, fuhr sie hinaus wie der Blitz; ihr schwarzes Haar flatterte hinter ihr her wie das Entsetzen selbst, die Augen sprühten Feuer, der Hund, der ihr gerade in den Weg lief, machte Kehrt und setzte bellend hinter ihr drein und so fiel sie ins Haus und über die Mutter, die just mit der Suppenschüssel aus der Küche kam; das Mädchen mitten in die Suppe hinein, die Suppe auf den Boden, und ein "hol' Euch der Teufel!" hinter beiden drein. Aber während sie noch mitten in der Suppe lag, kreischte sie: "Er will mich totschießen, Mutter! Er will mich totschießen!"—"Wer will Dich totschießen, Du Kobold?"—"Der Pedro Ohlsen!"—"Wer?" schrie die Mutter.—"Der Pedro Ohlsen. Wir haben Äpfel bei ihm gestohlen"—sie wagte nie etwas anderes als die Wahrheit zu sagen.—"Von wem sprichst Du, Mädchen?"—"Von Pedro Ohlsen. Er ist hinter mir her mit einem großen Gewehr—er will mich totschießen!"—"Pedro Ohlsen!" tobte die Mutter und dann fing sie zu lachen an. Sie schien plötzlich seltsam gewachsen. Dem Kinde kamen die Tränen, und es wollte davonlaufen. Aber die Mutter sprang auf sie zu, die weißen Raubtierzähne funkelten; sie packte das Mädchen bei den Schultern und zerrte es in die Höhe. "Hast Du ihm gesagt, wer Du bist?"—"Ja, ja, ja, ja!" Und das Kind streckte flehend die Hände in die Luft. Da reckte sich die Mutter zu ihrer vollen Höhe auf: "So! Also weiß er's jetzt! Was hat er gesagt?"—"Ins Haus ist er gelaufen, nach seinem Gewehr; er wollt' mich totschießen."—"Der Dich totschießen!" lachte sie in schneidendem Hohn. Petra hatte sich, erschrocken und über und über mit Suppe bespritzt, in eine Ecke geschlichen, wischte sich ab und weinte, als die Mutter wieder auf sie zukam. "Wenn Du Dich je wieder unterstehst, zu dem hinzugehen," sagte Gunlaug, indem sie das Kind bei den Schultern packte und schüttelte, "oder mit ihm zu reden, oder auf ihn zu hören, dann gnade Gott euch beiden!—Das sag' ihm von mir!" fügte sie mit drohender Stimme hinzu, als das Kind nicht gleich antwortete.—"Ja, ja, ja, ja!"—"Sag' ihm das von mir!" wiederholte sie noch einmal, aber leiser und bei jedem Wort mit dem Kopf nickend, indem sie hinausging.
Das Kind wusch sich, zog seine Sonntagskleider an und setzte sich vors Haus auf die Treppe. Aber bei dem Gedanken an den ausgestandenen Schrecken stieg ihr immer wieder das Schluchzen in die Kehle.—"Warum weinst Du, Kind?" fragte eine Stimme, so freundlich, wie noch nie jemand zu ihr gesprochen hatte. Petra blickte auf. Vor ihr stand ein schlanker Mann mit einem edlen Gesicht und einer Brille. Sie stand sofort auf; denn sie erkannte Hans Ödegaard, einen jungen Menschen aus dem Ort, vor dem alles sich ehrerbietig erhob. "Warum weinst Du, Kind?" Sie sah ihn an und erzählte ihm, sie habe "mit ein paar andern Jungens" in Pedro Ohlsens Garten Äpfel stehlen wollen; aber Pedro und der Polizeidiener seien gekommen und da—, ihr fiel ein, daß die Mutter ihr die Sache mit dem Totschießen doch ein bißchen zweifelhaft gemacht hatte, und so wagte sie davon nichts zu erzählen; statt dessen stieß sie nur einen tiefen Seufzer aus. "Ist es möglich," sagte er, "daß ein Kind in Deinem Alter eine so große Sünde begehen kann!" Petra sah ihn an. Wohl hatte sie gewußt, daß es eine Sünde war; aber bisher war ihr das immer etwa folgenderweise vorgepredigt worden: "Satansrange, Du! Du schwarzhaarige Teufelsbrut!" Jetzt auf einmal schämte sie sich.—"Warum gehst Du nicht in die Schule und lernst Gottes Gebot von dem, was gut und böse ist?" Sie strich sich über den Rock und antwortete, Mutter wolle nicht, daß sie zur Schule gehe.—"Da kannst Du am Ende nicht einmal lesen?" Doch, lesen könne sie. Er zog ein kleines Buch aus der Tasche und gab es ihr. Sie guckte hinein, drehte es um und besah es sich von außen. "Solche feine Schrift kann ich nicht lesen!" sagte sie. Aber sie mußte heran, und nun kam sie sich auf einmal fürchterlich dumm vor. Mund und Augen wurden ihr schlaff, und alle ihre Glieder lösten sich. "G-o-t—Gott—d-e-r H-e-r-r—Herr, Gott der Herr—s-a-g-t-e Gott der Herr sagte zu M-M—"—"Mein Gott, Du kannst also wirklich noch nicht einmal lesen! Ein Kind von zehn oder zwölf Jahren! Möchtest Du nicht gern lesen lernen?" Langsam kam es aus ihr heraus: ja, sie möchte schon gern. "Dann komm mit, wir fangen gleich an!" Jetzt rührte sie sich, aber nur, um ins Haus zu sehen. "Ja, sag' es nur Deiner Mutter!" meinte er. Die Mutter ging eben vorbei, und als sie das Kind mit einem fremden Herrn sprechen sah, trat sie auf die Schwelle. "Er will mich lesen lehren!" sagte das Kind zweifelnd, die Augen auf die Mutter gerichtet. Sie antwortete nicht, stemmte nur beide Hände in die Hüften und sah Ödegaard an. "Ihr Kind ist ja total unwissend!" sagte er. "Sie können es vor Gott und Menschen nicht verantworten, wenn Sie es so heranwachsen lassen!"—"Wer bist denn Du?" fragte Gunlaug scharf.—"Hans Ödegaard, der Sohn des Pastors." Ihr Gesicht klärte sich leicht auf; von dem hatte sie immer nur Gutes gehört. "Wenn ich dann und wann einmal im Lande war", begann er wieder, "ist mir das Kind hier immer aufgefallen. Heute bin ich von neuem an sie erinnert worden. Sie darf sich nicht länger nur mit Dingen abgeben, die böse sind." Auf dem Gesicht der Mutter stand deutlich zu lesen: Was geht das Dich an? Aber ruhig fragte er: "Das Kind soll doch etwas lernen, nicht wahr?"—"Nein!"—Eine leichte Röte flog über sein Gesicht. "Weshalb nicht?"—"Sind die Menschen, die was gelernt haben, etwa besser?"—Sie hatte nur eine einzige Erfahrung gemacht in ihrem Leben; aber an die klammerte sie sich.—"Es wundert mich, daß ein Mensch das fragen kann!"—"Kann sein! Ich weiß, daß sie nicht besser sind!" Und sie kam die Stufen herunter, um dem Gerede ein Ende zu machen. Aber er vertrat ihr den Weg. "Es handelt sich hier um eine Pflicht, der Sie sich einfach nicht entziehen dürfen. Sie sind eine unvernünftige Mutter!" Gunlaug maß ihn vom Kopf bis zu den Füßen. "Wer sagt Dir denn, was ich bin?" versetzte sie, an ihm vorübergehend.—"Sie selber, und zwar in diesem Augenblick; denn sonst müßten Sie doch gesehen haben, daß das Kind zugrunde geht!" Gunlaug wandte sich um. Auge ruhte in Auge. Sie sah, daß ihm das, was er gesagt hatte, wirklich Ernst war, und ihr wurde bange. Sie hatte immer nur mit Matrosen und Geschäftsleuten verkehrt; eine solche Sprache hatte sie noch nie vernommen. "Was willst Du denn mit meinem Kind?" fragte sie. "Sie lehren, was ihrem Seelenheile dient, und dann abwarten, was aus ihr wird!"—"Mein Kind soll nichts anderes werden, als was ich will!"—"Doch—es soll aus ihr werden, was Gott will!" Gunlaug war wie vor den Kopf geschlagen. "Was soll das heißen?" fragte sie und trat näher. "Das soll heißen, daß sie das lernen muß, wozu Gott ihr die Gaben geschenkt hat; denn deswegen hat er ihr sie gegeben." Jetzt trat Gunlaug ganz nahe an ihn heran: "Und ich, ihre Mutter—soll ich nicht etwa bestimmen dürfen über sie?" fragte sie, als möchte sie sich wirklich belehren lassen. "Doch! Gewiß!" erwiderte er. "Aber Sie müssen auch auf den Rat anderer hören, die das besser verstehen. Sie müssen auf den Willen des Herrn hören!"——Gunlaug war eine Weile still. "Und wenn sie zu viel lernt?" sagte sie. "Armer Leute Kind", setzte sie hinzu und blickte zärtlich auf die Tochter.—"Wenn sie für ihren Stand zu viel lernt, so hat sie eben dadurch einen anderen Stand erreicht."—Sie erfaßte sofort den Sinn seiner Worte, doch, indem sie mit immer schwermütigeren Augen das Kind ansah, sagte sie leise, wie zu sich selber: "Das ist gefährlich!"—"Darum handelt es sich nicht", versetzte er sanft, "sondern um das, was recht ist." In ihre kraftvollen Augen kam ein seltsamer Ausdruck; wieder blickte sie ihn durchdringend an; aber es lag so viel Wahrheit in seiner Stimme, seinen Worten, seinen Mienen, daß Gunlaug sich besiegt fühlte. Sie ging auf Petra zu, nahm ihren Kopf zwischen beide Hände; zu reden vermochte sie nicht mehr.
"Ich werde die Kleine von heut an bis zur Einsegnung unterrichten," sagte er, wie um ihr zu Hilfe zu kommen. "Ich habe immer den Wunsch gehabt, mich dieses Kindes anzunehmen!"—"Und darum willst Du es mir wegnehmen?" Er stutzte und sah sie fragend an. "Freilich, Du verstehst das ja besser als ich," stieß sie mühsam heraus, "aber es ist nur, weil Du den Namen unseres Herrgotts genannt hast,"—sie verstummte. Sie hatte währenddessen das Haar des Kindes glattgestrichen; jetzt nahm sie ihr eigenes Tuch ab und band es ihm um den Hals. Auf andere Weise sprach sie es nicht aus, daß Petra mitgehen dürfe; aber sie lief hastig davon, und verschwand hinter dem Haus, als wolle sie es nicht mit ansehen.
Bei diesem Gebaren der Mutter ergriff ihn eine plötzliche Angst vor der
Aufgabe, die er da in jugendlichem Eifer auf sich genommen hatte. Das
Kind aber empfand Angst vor ihm, der zum erstenmal die Mutter besiegt
hatte; und mit dieser wechselseitigen Angst gingen sie an ihre erste
Unterrichtsstunde.
Von Tag zu Tag indessen fand er, daß sie an Klugheit und Wissen wuchs, und seine Gespräche mit ihr nahmen zuweilen eine ganz eigentümliche Richtung. Oft führte er ihr Persönlichkeiten aus der biblischen Historie und der Weltgeschichte in der Weise vor, daß er auf den Beruf hinwies, den Gott ihnen zuerteilt hatte. Er verweilte bei dem Manne Saul, der in zügellosem Irren umherschweifte, und bei dem Knaben David, der seines Vaters Herde weidete, bis Samuel kam und auf beide die Hand des Herrn legte. Doch am herrlichsten offenbarte sich solches Berufensein, als der Herr selbst auf Erden wandelte und unter den Fischern seine Stimme erhob. Und der arme Fischer stand auf und folgte ihm nach—zu Not und Tod—immer aber voll Freudigkeit; denn das Gefühl des Berufenseins trägt uns über alle Widerwärtigkeiten hinweg.
Dieser Gedanke verfolgte sie, bis sie schließlich nicht mehr an sich halten konnte,—sie mußte ihn fragen, wozu sie berufen sei. Er sah sie an, bis sie über und über rot wurde; dann antwortete er, zu seinem Beruf gelange ein Mensch nur durch Arbeit. Bescheiden und klein könne dieser Beruf sein—da sei er für jeden. Und jetzt kam ein mächtiger Eifer über sie; er trieb ihr Arbeiten an mit der Kraft eines Erwachsenen, er glühte in ihren Kinderspielen und machte sie mager und dünn. Allerlei abenteuerliches Sehnen stieg in ihr auf: sie wollte sich das Haar abschneiden, sich als Knabe verkleiden, in die Welt hinausziehen und kämpfen! Aber als ihr Lehrer eines Tages sagte, ihr Haar sei so hübsch, wenn sie es nur ordentlich flechten wolle—da wurde das Haar ihr lieb, und um ihres langen Haares willen opferte sie den Heldenruhm.
Seitdem war es ihr mehr wert, ein Mädchen zu sein, als früher, und ruhiger schritt ihre Arbeit weiter, umschwebt von wechselnden Träumen.
Drittes Kapitel
Hans Ödegaards Vater war als junger Mensch aus dem Kirchdorf Ödegaard in Stift Bergen ausgewandert; die Menschen hatten sich seiner angenommen, und er war jetzt ein Gelehrter und sehr gestrenger Prediger. Auch ein äußerst herrischer Mann war er, weniger in Worten als in Taten. Er hatte ein "gutes Gedächtnis", wie man zu sagen pflegt. Dieser Mann, der mit seiner Zähigkeit stets durchgesetzt hatte, was er wollte, sollte jedoch an einem Punkte scheitern, wo er es am wenigsten erwartete, und wo es ihn am schmerzlichsten traf.