Er hatte drei Töchter und einen Sohn. Dieser Sohn Hans war die Leuchte der Schule; der Vater selbst leitete seine Studien und hatte seine helle Freude an ihm. Hans hatte einen Freund; er setzte alles dran, ihn zu seinem Nebenmann zu machen, und dieser Freund liebte ihn deshalb, nächst seiner Mutter, über alles in der Welt. Zusammen gingen sie zur Schule; zusammen kamen sie auf die Universität; zusammen machten sie die ersten zwei Examina, und zusammen sollten sie nun dasselbe Amtsstudium beginnen. Eines Tages, als sie nach einem just entworfenen Kollegienplan übermütig die Treppe hinunterstürmten, wollte Hans im Gefühl fröhlichen Jugendübermuts dem Freund auf den Rücken springen; der Freund fiel, und zwar so unglücklich, daß er wenige Tage darauf starb. Der Sterbende bat seine Mutter, die Witwe war und in ihm ihr einziges Kind verlor, ihm zuliebe Hans an Sohnesstatt anzunehmen. Die Mutter starb fast gleichzeitig mit dem Sohn; und kraft ihres Testaments fiel ihr sehr beträchtliches Vermögen Hans Ödegaard zu.

Es dauerte Jahr und Tag, bis Hans sich von diesem Schlag erholte. Eine lange Reise im Ausland tat ihm wenigstens soweit gut, daß er sein theologisches Studium zu Ende zu führen vermochte; aber ein Amt anzunehmen—dazu konnte niemand ihn bewegen.

Seines Vaters sehnlichster Wunsch war gewesen, ihn neben sich als Vikar zu haben; aber Hans war nicht zu bereden, auch nur die Kanzel zu betreten. Immer hatte er dieselbe Erwiderung: er fühle nicht den Beruf in sich. Für den Vater war das eine bittere Enttäuschung, die ihn um Jahre älter machte. Er selber hatte erst spät angefangen zu studieren, war schon ein alter Mann, und hatte sich hart—und immer dieses Ziel vor Augen—durchgearbeitet. Jetzt saß sein Sohn über ihm—im selben Haus—bewohnte eine Reihe eleganter Zimmer; und unten, in der kleinen Studierstube, bei seiner Lampe, die ihm hinüberleuchtete in die Nacht des Alters, saß in nie ermüdender Arbeit der alte Pastor. Er hatte—nach jener Enttäuschung—fremde Hilfe weder annehmen können noch wollen; darum gab es für ihn—Sommer oder Winter—keine Ruhe. Der Sohn aber machte alljährlich eine längere Reise ins Ausland. Wenn er zu Hause war, verkehrte er mit niemand; nur daß er—mehr oder weniger schweigsam—mittags an des Vaters Tisch aß. Wer sich in ein Gespräch mit ihm einließ, stieß auf solch überlegene Klarheit, auf solchen Wahrheitseifer, daß die Unterhaltung meist bald gefährdet wurde. In der Kirche sah man ihn nie; aber er gab mehr als die Hälfte seiner Einnahmen zu wohltätigen Zwecken hin, wobei er stets die genauesten Vorschriften über die Verwendung machte.

Diese Wohltätigkeit war in ihrer Großartigkeit so verschieden von den beschränkten Gewohnheiten der kleinen Stadt, daß sie alle Herzen gewann. Wenn man dazu seine ganze zurückgezogene Lebensführung, seine häufigen langen Reisen und die Scheu nimmt, die irgendwie alle vor ihm hatten, so wird man wohl begreifen, daß er in den Augen der Leute zu einer Art Original wurde, dem man allerhand geheimnisvolle Dinge zutraute, hinter dem man alles mögliche suchte, und dem man fast übernatürliche Eigenschaften beilegte. Als dieser Mann sich herabließ, das Fischermädel in seine tägliche Fürsorge zu nehmen, war sie von Stund an geadelt.

Plötzlich wollte jeder sich ihrer annehmen; besonders die Frauen. Eines Tages erschien sie, in alle Farben des Regenbogens gekleidet; sie hatte einfach alles angezogen, was man ihr geschenkt hatte, im Glauben, so müsse sie ihm gefallen; denn er wollte sie gern immer nett und zierlich haben. Aber kaum hatte er sie erblickt, so schalt er sie schon aus: sie dürfe sich nichts schenken lassen; eitel sei sie und albern; sie stecke in lauter Tand und Narretei! Als sie dann am nächsten Morgen mit verweinten Augen anrückte, nahm er sie auf einen Spaziergang mit—zur Stadt hinaus. Da erzählte er ihr von David, so wie er ihr überhaupt immer eine oder die andere Persönlichkeit darstellte—indem er ihr alles Wohlbekannte in immer neuem Licht vorführte. Erst schilderte er David als Jüngling, wie er schön und kraftvoll in sorglosem Glauben dahinlebte. Darum durfte er, noch ehe er Mann geworden war, am Triumphzug teilnehmen. Als Hirte wurde er zum König berufen; in Höhlen hatte er gewohnt—und erbaute zuletzt Jerusalem! In schönen Gewändern saß er vor dem kranken Saul und spielte die Harfe; aber als er selber König war—und krank—da schlug er die Harfe für sich allein—, in Lumpen der Reue gehüllt. Nachdem er sein Lebenswerk vollendet hatte, ergab er sich der Ruhe—in Sünde. Und der Prophet kam, und die Strafe Gottes; und er wurde wieder zum Kinde. David, er, der das ganze Volk des Herrn zu erheben vermochte zu Lobgesang, lag selber, zerknirscht, zu den Füßen des Herrn. Wann war er schöner? Als er siegesgekrönt—nach eigenen Sängen—einhertanzte vor der Bundeslade—oder wenn er im verschwiegenen Kämmerlein um Gnade flehte vor Gottes strafender Hand?

In der Nacht nach diesem Gespräch hatte sie einen Traum, den sie ihr
ganzes Leben lang nicht vergessen konnte. Sie saß auf einem weißen
Zelter—in einem Siegeszug—und zugleich tanzte sie in Lumpen vor dem
Pferde her.

Eine gute Weile darauf kam eines Abends, als sie am Waldessaum oberhalb der Stadt saß und ihre Aufgaben lernte, Pedro Ohlsen ganz dicht an ihr vorüber und flüsterte mit einem sonderbaren Lächeln: "Guten Abend!" Obgleich Jahre vergangen, war der Mutter Verbot, mit ihm zu reden, noch so mächtig in ihr, daß sie seinen Gruß nicht erwiderte. Aber Tag für Tag kam er jetzt auf dieselbe Weise und stets mit demselben Gruß an ihr vorüber; zuletzt wartete sie auf ihn, wenn er nicht kam. Bald richtete er im Vorbeigehen eine kurze Frage an sie, nach einer kleinen Weile wurden daraus zwei, und schließlich wurden es ganze Gespräche. Eines Tages ließ er nach einer solchen Unterhaltung einen Silbertaler in ihren Schoß gleiten, worauf er seelenvergnügt und eiligst davonlief. Nun war es gegen den Befehl der Mutter, nicht mit ihm zu reden, und gegen das Verbot Ödegaards, Geschenke von irgend jemand anzunehmen. Das erste Verbot hatte sie ganz allmählich übertreten—jetzt, da auch die Übertretung des zweiten Tatsache war, fiel es ihr wieder ein. Um das Geld los zu werden, nahm sie den ersten besten, der ihr begegnete, mit und traktierte ihn; aber beim besten Willen war es ihnen nicht möglich, für mehr als zehn Groschen zu verzehren. Und hinterher bereute sie auch, daß sie den Taler vernascht hatte, statt ihn zurückzugeben. Das letzte Zweigroschenstück brannte ihr in der Tasche, als müsse es ein Loch durchs Kleid sengen. Sie zog es heraus und warf es ins Meer. Aber damit war sie doch den Taler nicht los—auch ihre Gedanken hatte er angesengt. Wenn sie es gestand, so würde es vorübergehen, das fühlte sie; aber der schreckliche Zorn der Mutter damals und Ödegaards festes Zutrauen zu ihr standen, jedes in seiner Art, als Schrecknisse im Wege. Während die Mutter nichts merkte, entdeckte Ödegaard bald, daß sie etwas mit sich herumschleppe, das sie unglücklich mache. Liebevoll fragte er sie eines Tages, was es sei, und als sie statt aller Antwort in Tränen ausbrach, dachte er, zu Hause bei ihr sei vielleicht Not, und gab ihr zehn Speziestaler. Daß sie—trotz ihrer Sünde gegen ihn—noch Geld von ihm bekam, machte einen tiefen Eindruck auf sie; und da sie nun obendrein noch Geld hatte—ehrliches Geld, das sie der Mutter ganz offen geben konnte,—empfand sie das als eine Freisprechung von ihrem Verbrechen und gab sich der ausgelassensten Freude hin. Sie nahm seine Hand zwischen ihre beiden Hände und bedankte sich, sie lachte und tanzte in der Stube herum, sie strahlte vor Entzücken durch ihre Tränen hindurch, während sie ihn ansah mit dem Blick eines Hundes, der seinen Herrn begleiten darf. Er kannte sie gar nicht wieder. Sie, die er sonst ganz in der Gewalt seiner Worte hatte, nahm ihm heute die Herrschaft aus den Händen. Zum erstenmal fühlte er eine starke und wilde Natur sich entladen, zum erstenmal überflutete ihn des Lebens Quelle mit ihrem roten Strom, und er wich purpurheiß zurück. Petra aber stürzte zur Tür hinaus und den Berg hinauf, nach Hause. Dort legte sie das Geld vor die Mutter auf die Herdplatte und fiel ihr selber um den Hals. "Wer hat Dir das Geld gegeben?" fragte die Mutter, in der schon der Zorn aufstieg.—"Ödegaard, Mutter! Er ist der herrlichste Mensch auf Erden!"—"Was soll ich damit?"—"Ich weiß nicht! O Gott, Mutter, wenn Du wüßtest—" sie fiel ihr wieder um den Hals—jetzt konnte und wollte sie ihr alles sagen. Aber die Mutter machte sich ungeduldig los. "Soll ich vielleicht Almosen annehmen? Augenblicklich gibst Du ihm das Geld zurück! Wenn Du ihm vorgeschwatzt hast, ich hätt's nötig, so hast Du gelogen!"—"Aber Mutter!"—"Sofort bringst Du ihm das Geld zurück, sag' ich Dir, oder ich gehe selber hin und werf es ihm ins Gesicht, dem—dem…, der mir mein Kind genommen hat!" Die Lippen der Mutter zitterten bei den letzten Worten; Petra war immer blasser geworden, sie wich zurück, langsam öffnete sie die Tür, langsam ging sie aus dem Hause. Eh sie wußte, was sie tat, war der Zehntalerschein zwischen ihren Finger in Fetzen zerrissen. Die Entdeckung dieser Tatsache löste sich in einem Ausbruch der Empörung gegen die Mutter. Aber Ödegaard durfte nichts davon erfahren—doch, alles sollte er erfahren… Ihm durfte sie nichts vorlügen!—Und einen Augenblick darauf stand sie in seinem Zimmer und erzählte ihm, die Mutter habe das Geld nicht nehmen wollen und vor Ärger, daß sie es ihm zurückbringen mußte, habe sie den Schein zerrissen. Sie wollte noch mehr sagen, aber er hörte sie merkwürdig kalt an, hieß sie nach Hause gehen und gab ihr die Ermahnung mit auf den Weg, der Mutter stets gehorsam zu sein, auch wenn es ihr sauer fiele. Das kam ihr doch recht sonderbar vor; denn so viel wußte sie auch—er selber tat nicht, was sein Vater von ihm wollte. Auf dem Heimweg brach es in ihr los, und gerade da begegnete ihr Pedro Ohlsen. Sie hatte ihn die ganze Zeit über gemieden und wollte das auch jetzt tun; denn er war ja an dem ganzen Unglück schuld. "Wo bist Du gewesen?" fragte er, neben ihr hergehend. "Ist Dir etwas geschehen?" Die Wogen in ihr gingen so hoch, daß sie sich einfach von ihnen schleudern ließ, einerlei wohin. Und überhaupt begriff sie auch gar nicht, weshalb ihr die Mutter verboten hatte, mit ihm umzugehen; es war natürlich nur eine von ihren Launen. "Weißt Du, was ich getan habe?" sagte er fast demütig, als sie stehen blieb. "Ich habe Dir ein Segelboot gekauft;—ich dachte, Du habest vielleicht Lust, ein bißchen zu segeln!" Und er lachte. Seine Güte, die etwas von der Bitte eines Bettlers hatte, rührte sie gerade jetzt; sie nickte, und nun wurde er lebendig, er flüsterte hastig, sie solle durch die Allee rechts draußen vor der Stadt bis an das große gelbe Bootshaus gehen; dort wolle er sie abholen: kein Mensch könne sie dort sehen. Sie ging hin und er kam, strahlend, aber ehrerbietig wie ein altes Kind, und nahm sie zu sich ins Boot. Sie segelten eine Weile in der leichten Brise und legten dann an einer Insel an, machten das Boot fest und stiegen ans Land. Er hatte allerlei Leckereien für sie mitgebracht, die er ihr mit ängstlicher Freude anbot; dann zog er seine Flöte heraus und spielte. Seine Seligkeit ließ sie eine Zeitlang ihren eigenen Kummer vergessen; und weil die Fröhlichkeit schwacher Wesen wehmütig stimmt, gewann sie ihn plötzlich lieb.

Fortan hatte sie ein neues und dauerndes Geheimnis vor der Mutter, und bald war es dahin gekommen, daß sie der Mutter überhaupt nichts mehr sagte. Und Gunlaug fragte nicht; sie vertraute ganz, bis zu dem Augenblick, da sie ganz mißtraute.

Aber auch vor Ödegaard hatte Petra fortan Geheimnisse; denn sie nahm allerhand Geschenke von Pedro Ohlsen an. Auch Ödegaard fragte nicht; der ganze Unterricht führte von Tag zu Tag mehr auf ein unpersönliches Gebiet.

Petra war jetzt also zwischen Dreien geteilt. Bei keinem sprach sie von den andern, und vor jedem hatte sie etwas Besonderes zu verheimlichen.