"Liebe Petra!

Nachdem wir hier angekommen sind, vom 51. bis zum 54. Breitegrad mit günstigem Wind, und später die ganze Fahrt über bis hierher in den Hafen mit heftigem Beißwind, was ungewöhnlich ist sogar für bessere Schiffe als das unsere, das ein stolzer Segler ist. Aber jetzt sollst Du hören, daß ich den ganzen Weg über an Dich gedacht habe und an das, was zwischen uns beiden vorgefallen ist, und ist recht ärgerlich, daß ich nicht ordentlich Abschied nehmen konnte von Dir, weshalb ich vor Ärger an Bord ging, habe Dich aber seitdem nie vergessen, außer ab und zu einmal; denn ein Seemann hat es schwer. Aber jetzt sind wir hier und ich habe meine ganze Heuer für Geschenke für Dich ausgegeben, wie Du mir gesagt hast, und auch das Geld, das Mutter mir gegeben hat; jetzt habe ich also nichts mehr. Aber wenn ich Urlaub bekomme, bin ich ebenso schnell bei Dir wie die Geschenke; denn so lang es heimlich ist, ist man nie sicher vor anderen, besonders vor den jungen Burschen, von denen sich viele rumtreiben. Aber ich will meiner Sache sicher sein, daß keiner eine Entschuldigung hat, sondern weiß, daß er sich vor mir in acht nehmen muß. Du könntest freilich was Besseres kriegen als mich; denn Du kannst jeden kriegen, den Du willst; aber einen treueren kriegst Du nie; und das bin ich. Jetzt will ich schließen, denn ich habe schon zwei Bogen voll geschrieben, und meine Buchstaben werden so groß; Briefschreiben ist mir das Schrecklichste, was ich weiß, aber ich schreibe trotzdem, wenn Du es willst. Und nun will ich Dir zum Schluß nur sagen, daß es mir Ernst war; denn wenn es nicht Ernst ist, so war es eine große Sünde, und kann viele Menschen ins Unglück stürzen.

Gunnar Ask,

Untersteuermann auf der Brigg
'Die norwegische Verfassung.'"

Eine heftige Angst packte sie; im Handumdrehen war sie aus dem Bett und angezogen. Es trieb sie ins Freie, als ließe sich draußen irgendwo Rat finden; alles war plötzlich unklar, ungewiß, gefahrdrohend geworden. Je mehr sie grübelte, desto mehr verwirrten sich ihre Gedanken; irgend jemand mußte sie entwirren, sonst wurde sie nicht damit fertig. Aber wem sollte sie sich anvertrauen? Da gab es nur einen Menschen—die Mutter. Als sie nach langem inneren Kampf vor ihr in der Küche stand, angstvoll, dem Weinen nah, aber fest in ihrem Entschluß, volles Vertrauen zu zeigen, um volle Hilfe zu empfangen, sagte die Mutter, ohne sich umzudrehen und daher auch ohne Petras Gesichtsausdruck zu bemerken: "Eben ist er hier gewesen;—er ist wieder da."—"Wer?"—flüsterte Petra und griff nach einer Stütze; war Gunnar wirklich schon wieder da, so war es mit aller Hoffnung vorbei. Sie kannte Gunnar; er war schwerfällig und gutmütig; wenn er aber einmal in Wut geriet, war er wie rasend. "Du sollst gleich hinkommen, hat er gesagt."—"Hinkommen?" wiederholte Petra zitternd; sie dachte sich sofort, daß er seiner Mutter alles gesagt habe; und was sollte nun werden?—"Ja, ins Pfarrhaus!" sagte die Mutter.—"Ins Pfarrhaus? Ödegaard ist wieder da?"—Jetzt drehte sich die Mutter um. "Freilich—wer denn sonst?"—"Ödegaard!" jubelte Petra, und ein Sturm der Freude blies in einem Nu die Luft rein. "Ödegaard ist wieder da, Ödegaard! O Gott im Himmel, er ist wieder da!" Und schon war sie zur Tür hinaus und über alle Berge. Sie stürmte davon, sie lachte, sie schrie. Er war es, er allein, der ihr not tat! Wäre er daheim gewesen, das ganze Unheil wäre nicht geschehen! Bei ihm war sie geborgen. Beim bloßen Gedanken an seine edlen, klaren Züge, seine milde Stimme, oder auch nur an die stillen, bilderreichen Zimmer, Räume, die er bewohnte, kam sie in friedlicheren Takt und fühlte sich wieder sicher. Sie ließ sich Zeit und sammelte sich. Stadt und Land erstrahlten im sinkenden Herbstabend; zumal der Fjord lag in wunderbarem Glanz; draußen im Sund wirbelte der letzte ferne Rauch des Dampfers, der Ödegaard gebracht hatte. Ach, nur die Gewißheit, daß er wieder da sei, machte sie gut, gesund, stark! Sie betete zu Gott, ihr zu helfen, daß Ödegaard sie nie mehr verlassen möge! Und gerade als sie sich in dieser Hoffnung gehoben fühlte, sieht sie ihn lächelnd auf sich zukommen. Er hatte gewußt, welchen Weg sie kommen würde, und war ihr entgegengegangen! Das rührte sie; sie sprang auf ihn zu, faßte seine beiden Hände und küßte sie. Er wurde verlegen. Als er weiter hinten jemand schreiten sah, zog er sie vom Weg hinauf unter die Bäume. Er hielt ihre Hände zwischen den seinen, und sie sagte nur immerzu: "Wie herrlich, daß Sie wieder da sind! Ich kann's gar nicht glauben, daß Sie's wirklich sind! Oh, Sie dürfen nie, nie wieder fort! Verlassen Sie mich nicht wieder, ach bitte, verlassen Sie mich nicht!" Dabei stürzten ihr die Tränen aus den Augen. Er zog sanft ihren Kopf an sich, wie um ihre Tränen zu verdecken und sie zu beruhigen; ihm selber war es eine Notwendigkeit, daß sie ruhiger wurde. Sie aber schmiegte sich an ihn wie der Vogel unter den Flügel, der sich über ihn breitet, und wollte gar nicht wieder heraus. Überwältigt von diesem Vertrauen, legte er den Arm um sie, wie um ihr den Schutz, den sie suchte, zu gewähren; kaum jedoch fühlte sie das, so hob sie ihr verweintes Gesicht zu ihm empor, ihre Augen begegneten den seinen, und was in einem Blick wechseln kann, wenn Reue begegnet der Liebe, Dankbarkeit begegnet der Freude des Gebers und das Ja dem Ja,—das blitzte in rascher Reihenfolge auf. Er nahm ihren Kopf zwischen seine beiden Hände und drückte seine Lippen auf die ihren. Er hatte früh seine Mutter verloren; er küßte zum erstenmal in seinem Leben, und auch bei ihr war es so. Keins vermochte sich vom andern zu lösen, und als es dennoch geschah, war es nur, um wieder einander entgegenzusinken. Er bebte, sie aber strahlte und glühte, sie warf die Arme um seinen Hals und hing sich an ihn wie ein Kind. Und als sie sich setzten, und sie seine Hände, sein Haar, seine Brustnadel, sein Halstuch, alles was sie sonst nur ehrfurchtsvoll aus der Ferne betrachtet hatte, anrühren durfte, und als er sie bat, "Du" zu sagen und nicht "Sie", und sie das nicht konnte, und als er ihr erzählen wollte, wie reich sie sein armes Leben vom ersten Augenblick an gemacht habe, wie lange er dagegen angekämpft habe, um sie nicht zu hemmen, um sich nicht auf diese Weise bezahlt zu machen, und als er entdeckte, daß sie nicht imstande sei, auch nur ein Wort von dem, was er sagte, zu fassen oder zu begreifen, und er selbst auch keinen Sinn und Verstand mehr darin fand; als sie dann auf der Stelle mit ihm gehen wollte, und er sie lachend bitten mußte, noch ein paar Tage zu warten, dann wollten sie zusammen weit fort ziehen, weg von allem hier—da fühlten sie, wie sie so zwischen den Bäumen saßen, vor sich Fjord und Berg im Abendsonnenglanz, während fern ein Waldhorn sang und klang—da fühlten sie, da sprachen sie es aus: das ist das Glück.

Der ersten Begegnung Süßigkeit,
Sie ist wie ein Sang auf den Fluten,
Sie ist wie ein Sang auf grüner Heid',
Wie der Sonne letztes Gluten,—
Sie sind wie ein Waldhorn auf öder Flur,
Die tönenden Augenblicke,
In denen ein Wunder die Natur
Verschmelzt mit unserm Geschicke.

Fünftes Kapitel

Am nächsten Morgen saß Petra halb angekleidet in ihrem Stübchen; weiter kam sie den ganzen Tag über nicht. So oft sie auch den Versuch machte, immer wieder sanken ihr die Arme in den Schoß. Wie vollreife Ähren, wie schwere Glockenblumen auf dem Feld beugten sich ihre Gedanken. Stille, Sicherheit und wogende Luftgebilde schwebten über den lichten Schlössern, in denen sie hauste. Wieder durchlebte sie die gestrige Begegnung, jedes Wort, jeden Blick, jeden Händedruck, jeden Kuß. Sie wollte sich den ganzen Verlauf, von der ersten Begegnung bis zum Abschied, wieder vergegenwärtigen, aber sie kam nie damit zu Ende. Denn jede einzelne Erinnerung verdämmerte in blauen Traum, und alle Träume kamen mit neuer Verheißung zurück. Und so süß diese Verheißung auch war, Petra mußte sie zurückdrängen, um den Faden der Erinnerung da wieder aufzunehmen, wo er ihr entglitten war; aber kaum hatte sie ihn, verlor sie sich wieder ins Wunderbare.

Da sie nicht herunterkam, dachte die Mutter, sie habe, nun Ödegaard zurückgekehrt war, ihre Studien wieder aufgenommen. Sie schickte ihr das Essen hinauf, damit sie den ganzen Tag in Ruhe oben bleiben konnte. Erst gegen Abend stand Petra auf, um sich fertig zu machen. Jetzt ging es ihrer Liebe entgegen! Sie schmückte sich mit dem Besten, was sie hatte, ihrem ganzen Konfirmationsstaat. Glänzend war er nicht; aber das empfand sie erst heute; das eine Stück machte das andere häßlich, bis sie die passenden Stücke zusammengefunden hatte; und dann war das Ganze trotzdem nicht hübsch! Was hätte sie heute nicht darum gegeben, die schönste zu sein. Mit diesem Wort stieg eine Erinnerung in ihr auf, die sie mit einer Handbewegung von sich wies; nichts, nichts durfte ihr heute nahen, was sie beunruhigen konnte! Sie selbst bewegte sich ganz still; leise ordnete sie dies und jenes in ihrem Stübchen; denn noch war die Stunde nicht da. Sie öffnete das Fenster und sah hinaus; rote, warme Wolken lagerten auf den Bergen, aber ein kühlender Luftstrom zog herein und brachte Botschaft vom nahen Wald. "Ich komme, ich komme!" Noch einmal trat sie vor den Spiegel, um ihr bräutliches Glück zu grüßen.

Da hörte sie drunten bei der Mutter Ödegaards Stimme, hörte, wie man ihn nach ihrem Zimmer wies. Er kam, sie zu holen! Eine schamhafte Freude umglühte sie; sie sah sich um, ob auch alles in Ordnung sei, für ihn! Dann ging sie auf die Tür zu.