"Herein!" antwortete sie leise auf das leise Klopfen und trat ein paar
Schritte zurück.

Am selben Morgen hatte man Ödegaard, als er um den Kaffee klingelte, gemeldet, der Kaufmann Yngve Vold habe heute früh schon zweimal nach ihm gefragt. Daß seine Gedanken sich gerade jetzt mit den Ansprüchen eines Fremden befassen sollten, verstimmte ihn; aber ein Mensch, der ihn so früh aufsuchte, mußte wohl ein wichtiges Anliegen haben. Er war auch wirklich kaum angekleidet, als Yngve Vold eintrat. "Sie werden sich wohl wundern, was? Tu' ich selber. Guten Morgen!" Die beiden begrüßten sich, und er legte seinen hellen Hut hin. "Schlafen Sie aber lang! Zweimal bin ich schon hier gewesen. Ich habe etwas Wichtiges auf dem Herzen; ich muß mit Ihnen reden."—"Bitte, nehmen Sie Platz!" Und Ödegaard setzte sich selbst in einen Lehnstuhl. "Danke, danke! Ich gehe lieber auf und ab. Ich kann nicht sitzen—bin zu aufgeregt. Seit vorgestern bin ich rein wie von Sinnen—rein verrückt, nicht mehr und nicht weniger! Und daran sind Sie schuld!"—"Ich?"—"Ja, Sie! Sie haben das Mädchen ausgegraben. Kein Mensch hätte an das Mädel gedacht, kein Mensch hätte es beachtet, wenn Sie nicht gewesen wären. Aber so—in meinem ganzen Leben hab? ich so was—so was Unvergleichliches nicht gesehen,—nie, so wahr ich hier stehe—so was—Sie wissen schon! So was verflixt Kraushaariges, Wunderbares—was? Keine Ruhe hat's mir gelassen! Ich war rein verhext! Wo ich ging und stand—immer war sie da. Ich bin auf Reisen gegangen und bin wiedergekommen—es war mir unmöglich—was? Wußte erst überhaupt nicht, wer sie war—'das Fischermädel', hieß sie. Spanierin, Zigeunerin,—Hexe wäre richtiger gewesen—! Einfach Feuer—Augen, Busen, Haar—was? Funkelt, sprüht, tanzt, lacht, trällert, errötet—Teufelsweib!… Renne ihr nach, verstehen Sie, oben im Wald zwischen den Bäumen—stiller Abend—sie steht da, ich steh' da—dann ein paar Worte, Gesang, Tanz—und da, na ja, da gab ich ihr meine Kette. Hatte, so wahr ich lebe, eine Minute vorher noch mit keinem Gedanken daran gedacht! Das nächste Mal wieder an derselben Stelle, wieder dasselbe Gerenne; sie hatte Angst, und ich,—ja, wollen Sie's glauben?… ich brachte kein Sterbenswörtchen heraus, traute mich nicht, sie anzurühren! Aber als sie dann wiederkam—können Sie sich denken, Mensch?—da macht' ich ihr einen Heiratsantrag! Und eine Sekunde vorher hatt' ich mit keinem Gedanken daran gedacht! Gestern hab' ich mich dann selbst geprüft,—wollte von ihr wegbleiben—aber auf Ehr' und Seligkeit, ich bin verrückt! Ich kann einfach nicht, ich muß bei ihr sein! Wenn ich das Mädel nicht krieg', so schieß' ich mir ohne weiteres eine Kugel vor den Kopf! Sehen Sie, so steht's mit mir. Um meine Mutter scher' ich mich den Teufel, um die Stadt auch—ein Lumpennest, ein elendes Krähwinkel! Sie muß heraus, sehen Sie, heraus, hoch über dies Nest hinaus! Comme il faut soll sie werden, ins Ausland soll sie—Frankreich—Paris—! Ich bezahl's und Sie arrangieren die Sache. Ich könnte ja auch selber mit fort, mich irgendwo draußen festsetzen, weg aus diesem Loch. Aber—der Fisch! Ich möchte was machen aus der Stadt,—das liegt ja und schläft, denkt nicht, spekuliert nicht; aber—der Fisch! Man versteht den Fisch nicht zu behandeln; Spanien, das ganze Ausland beklagt sich; die Sache muß anders angefaßt werden—andere Trocknung, andere Verpackung, alles anders,—das Nest soll in die Höhe—Zug muß ins Geschäft kommen—Millionen soll der Fisch schaffen!—Wo bin ich stehen geblieben? Richtig—Fisch—Fischermädel—das paßt zusammen: Fisch—Fischermädel—hahaha! Also ich zahle,—Sie arrangieren's! Sie wird meine Frau, und dann——"

Weiter kam er nicht. Er hatte während seiner langen Rede gar nicht auf Ödegaard geachtet, der jetzt totenblaß aufsprang und sich mit einem biegsamen spanischen Rohr in der Hand über ihn warf. Das Erstaunen des andern war nicht zu beschreiben; den ersten Schlägen wich er aus. "Nehmen Sie sich in acht! Sie könnten mich treffen!" sagte er.—"Jawohl! Ich treffe! Sehen Sie: spanisch, spanisches Rohr—das paßt auch zusammen!" und die Hiebe regneten auf Schultern, Arme, Hände, das Gesicht herab, wo sie gerade hintrafen. Der andere schoß umher: "Sind Sie verrückt? Mensch, sind Sie toll?" rief er. "Ich will sie ja heiraten! Hören Sie? heiraten!"—"Hinaus!" schrie Ödegaard, als sei er mit seiner Kraft am Rande. Und der Blondkopf stürzte zur Tür hinaus, die Treppe hinunter, fort von diesem Wahnsinnigen;—gleich darauf stand er unten auf der Straße und brüllte hinauf nach seinem hellen Hut. Der wurde ihm durchs Fenster nachgeworfen. Dann war alles still.

"Herein!" antwortete Petra am Abend auf das leise Klopfen und trat ein paar Schritte zurück, um den Geliebten besser sehen zu können, während er eintrat. Wie wenn ein eisiger Wasserstrahl sich über sie ergösse, wie wenn die Erde unter ihren Füßen wiche, so wirkte auf sie das Gesicht, das da in der Tür erschien. Sie taumelte zurück und tastete nach dem Bettpfosten; aber ihr Denken, von Abgrund zu Abgrund gestürzt, versagte; in weniger als einer Sekunde war sie von der Höhe der glückseligsten Braut zur Tiefe der größten Sünderin auf Erden herabgestürzt. Sie hörte es donnern aus diesem Antlitz: in alle Ewigkeit konnte er ihr nicht vergeben!—

"Ich seh' es—Du bist schuldig!" flüsterte er kaum hörbar. Er lehnte sich gegen die Tür und hielt sich an der Klinke fest, als müsse er sonst umsinken. Seine Stimme bebte, und die Tränen rannen ihm übers Gesicht, obwohl sein Antlitz ganz ruhig war.

"Weißt Du auch, was Du getan hast?" Und seine Augen schmetterten sie zu Boden. Sie antwortete nicht—nicht einmal mit Tränen, Ohnmacht—völlige, hoffnungslose Ohnmacht lähmte sie. "Einmal in meinem Leben habe ich meine Seele hingegeben, und er, dem ich sie gab, starb durch meine Schuld. Aus diesem Schmerz konnte nichts mich wieder aufrichten als ein Menschenkind, das mir ganz gehörte und mir eine ganze Seele zurückgab. Das hast Du getan,—und hast es zum Schein getan!" Er hielt inne. Ein paarmal versuchte er vergebens wieder anzusetzen; dann fuhr er mit plötzlichem Ausdruck des Schmerzes fort: "Und Du konntest es übers Herz bringen, alles, was ich in diesen langen Jahren, Gedanken für Gedanken, aufgebaut habe, niederzureißen, als sei es ein Bild von Ton! Kind, Kind! konntest Du nicht verstehen, daß ich in Dir mich selbst wieder aufrichtete? Jetzt ist es vorbei!" Er versuchte seinen Schmerz zu beherrschen.

"Nein, Du bist zu jung, um es zu fassen," begann er wieder. "Du weißt nicht, was Du getan hast.—Aber daß Du mich betrogen hast, das mußt Du doch verstehen.—Sag' mir, was hab' ich Dir getan, daß Du etwas so Grausames fertig bringen konntest? Kind, Kind! Hättest Du es mir wenigstens gestern gesagt! Warum—warum hast Du mich so fürchterlich belogen?"

Sie hörte alles, und alles, was er sagte, war Wahrheit.—Er war nach einem Stuhl am Fenster geschwankt, um seinen Kopf auf den Tisch daneben stützen zu können. Dann stand er wieder auf; es schluchzte in ihm vor Schmerz, und wieder setzte er sich nieder, ganz still. "Und ich, der nicht einmal dazu gut ist, seinem alten Vater zu helfen!" flüsterte er vor sich hin. "Ich kann nicht, ich fühle in mir nicht den Beruf dazu! Darum soll auch mir niemand helfen. Alles soll mir unter den Händen zerbrechen, alles."—Er konnte nicht mehr; sein Haupt sank in seine rechte Hand; die linke hing schlaff herab; er sah aus, als könne er sich überhaupt nicht mehr rühren. Und so blieb er sitzen, ohne ein Wort zu sagen. Da fühlte er etwas Warmes auf seiner herabhängenden Hand. Erschrocken fuhr er zusammen; es war Petras Atem. Sie lag mit gesenktem Kopf neben ihm auf den Knien; jetzt faltete sie die Hände und sah mit einer unbeschreiblichen Gebärde, die um Barmherzigkeit flehte, zu ihm empor. Er blickte zu ihr nieder; keins wandte den Blick ab. Da hob er wie abwehrend die Hand gegen sie, als fühle er bei diesem Blick in seinem Innern eine Stimme der Überzeugung, der er nicht Gehör schenken wollte, und jäh, heftig bückte er sich nach seinem Hut, der zu Boden gefallen war, und eilte zur Tür. Aber noch schneller vertrat sie ihm den Weg, warf sich nieder, umklammerte seine Knie und bohrte ihre Augen in seine—alles ohne einen Laut; aber er sah und fühlte, sie kämpfe um ihr Leben. Da wurde die alte Liebe zu mächtig in ihm; noch einmal sah er sie an mit einem vollen, schmerzlichen Blick, noch einmal umfaßte er mit beiden Händen ihr Haupt. Aber in seiner Brust schluchzte und sang es wie in der Orgel nach dem letzten Zug der Register, wenn nur noch Luft, aber kein Ton mehr in ihr ist. Dann zog er seine Hände zurück und zwar in einer Weise, daß sie fühlen mußte, was er dabei dachte: es war für immer. "Nein, nein!—Du kannst Dich hingeben; aber Du kannst nicht lieben!" Es überwältigte ihn. "Unglückliches Kind, Deine Zukunft kann ich nicht schützen! Gott verzeih Dir, daß Du meine vernichtet hast!" Er ging an ihr vorbei, sie rührte sich nicht. Er öffnete die Tür und schloß sie; sie blieb stumm,—sie hörte ihn die Treppe hinuntergehen, sie hörte seine letzten Schritte auf der Haustreppe, auf dem Wege—da brach der Bann. Sie stieß einen Schrei aus, einen einzigen;—aber darauf eilte die Mutter herbei.

Als Petra wieder zu sich kam, fand sie sich in ihrem Bett, entkleidet und wohl verwahrt; und vor ihr saß die Mutter, die Arme auf die Knie gestemmt, den Kopf in beide Hände gestützt und die Glutaugen fest auf die Tochter gerichtet. "Hast Du jetzt genug bei ihm studiert?" fragte sie. "Hast Du jetzt was gelernt… Was soll denn nun aus Dir werden, he?"—Petras Antwort war ein Strom von Tränen. Lange, sehr lange saß die Mutter da und hörte das Weinen mit an; dann sagte sie—seltsam feierlich: "Gott der Herr verdamme ihn!"—Petra fuhr auf. "Mutter, Mutter! Nicht ihn, nicht ihn! Mich, mich—nicht ihn!"—"Oh, ich kenn' das Pack! Ich weiß schon, wer's verdient!"—"Nein, Mutter! er ist betrogen—betrogen durch mich—ich, ich hab' ihn betrogen!" Und hastig und schluchzend erzählte sie alles. Keinen Augenblick durfte ein Verdacht auf ihm ruhen! Sie erzählte von Gunnar, was sie von ihm verlangt hatte, ohne es zu verstehen, von Yngve Volds Unglückskette, in der sie sich verfangen hatte, zuletzt von Ödegaard, und wie sie bei seinem Anblick alles andere vergessen hatte. Sie begriff auch jetzt noch nicht, wie es zugegangen war; aber daß sie eine ungeheure Sünde begangen habe an allen dreien, und vor allem an ihm, der sie zu sich emporgezogen und ihr alles gegeben hatte, was ein Mensch dem andern geben kann, das begriff sie. Nachdem die Mutter lange schweigend dagesessen hatte, sagte sie: "Und an mir hast Du Dich nicht versündigt? Wo bin denn ich die ganze Zeit gewesen, daß Du mir kein Sterbenswort von alledem gesagt hast?"—"Oh, Mutter, hilf mir! Sei nicht hart gegen mich jetzt! Ich fühle ja, daß ich mein ganzes Leben lang dafür büßen muß; aber ich will Gott auch bitten, daß er mich bald sterben läßt!—Lieber, lieber Gott!" fing sie sofort an und hob die gefalteten Hände zum Himmel, "lieber, lieber Gott, erhöre mich! Ich hab' mein Leben zerstört; es hat für mich keinen Reiz mehr,—ich bin nicht fürs Leben geschaffen—ich versteh' das Leben nicht. Lieber Gott, darum laß mich sterben!" Es lag eine so ergreifende Innigkeit in diesem Gebet, daß Gunlaug die harten Worte, die ihr schon auf der Zunge lagen, hinunterschluckte. Sie legte ihre Hand auf den zum Gebet erhobenen Arm des Mädchens und drückte ihn hernieder. "Mäßige Dich, Kind! Man soll Gott nicht versuchen. Wir müssen leben, vielleicht gerade weil's uns hart ankommt!"—Dann stand sie auf, und von Stund an setzte sie ihren Fuß nicht mehr in die Giebelstube.

Ödegaard war schwer erkrankt, und die Krankheit drohte eine gefährliche Wendung zu nehmen. Während dieser Zeit zog der alte Vater zu seinem Sohn hinauf und richtete sich sein Studierzimmer unmittelbar neben dem Krankenzimmer ein. Wer ihn bat, sich zu schonen, erhielt immer dieselbe Antwort; er könne nicht; seine Pflicht sei, über seinen Sohn zu wachen, so oft dieser Sohn einen verloren habe, den er mehr geliebt habe als den Vater.