So standen die Dinge, als Gunnar zurückkehrte.
Seiner Mutter jagte er einen Todschrecken ein, als sie ihn plötzlich vor sich sah, lange eh das Schiff, auf dem er fuhr, angekommen war; sie glaubte, es sei sein Geist. Und nicht viel anders erging es seinen Bekannten. Auf alle verwunderten Fragen gab er nur kurzen Bescheid. Bald jedoch wußte man mehr als genug. Denn noch am selben Tag, an dem er zurückgekehrt war, wurde er bei Gunlaug zum Haus hinausgeworfen, und zwar von ihr eigenhändig. Von der Treppe aus schrie sie ihm nach, daß es durch den ganzen Hohlweg dröhnte: "Daß Du Dich hier nicht wieder blicken läßt! Von der Sorte haben wir genug!" Er war noch nicht weit gegangen, als ein Mädchen mit einem Paket hinter ihm drein gerannt kam. Das Mädchen hatte noch ein zweites Paket mit und gab ihm das falsche; und so kam es, daß Gunnar im Paket eine dicke goldene Kette fand. Er blieb stehen, wog die Kette in der Hand und betrachtete sie. War ihm Gunlaugs Wut schon vorhin rätselhaft erschienen—daß sie ihm jetzt eine goldene Kette nachschickte, das war ihm noch unbegreiflicher. Er rief das Mädchen zurück; sie müsse sich geirrt haben. Jetzt gab sie ihm das andere Paket und fragte, ob das vielleicht das richtige sei. Und wirklich—das Paket enthielt seine Geschenke für Petra.——Ja, das sei das richtige. Aber wem sie denn das andere, das mit der goldenen Kette, bringen solle? "Dem jungen Herrn Vold!" erwiderte das Mädchen und ging. Gunnar blieb zurück und dachte nach. "Der junge Vold? Macht der ihr Geschenke? Also der hat sie mir gestohlen,—Yngve Vold,—na, dem will ich—!" Seine Spannung, seine Erbitterung mußte sich Luft machen,—irgend etwas mußte er zerschlagen.—Also—Yngve Vold.
Und zum zweitenmal wurde der unglückselige Fischhändler höchst unerwartet attakiert, und zwar auf seiner eigenen Haustreppe. Er flüchtete vor dem Wahnwitzigen ins Kontor, aber Gunnar setzte ihm nach. Sämtliche Kontoristen fielen über den Ruhestörer her; der schlug und wehrte sich nach allen Seiten. Stühle, Tische, Pulte wurden über den Haufen geworfen; Briefe, Rechnungen, Zeitungen stoben nur so durch die Luft. Schließlich rückten—von Yngve Volds Warenschuppen her—Hilfstruppen an, und Gunnar wurde, nach heißem Kampf, auf die Straße befördert. Aber da ging es erst recht los. Im Hafen lagen gerade zwei Schiffe—ein ausländisches und ein einheimisches. Es war gerade Mittagspause, und die Matrosen nahmen diesen Jux nur zu gern mit. Sofort war die Rauferei in schönstem Gange, Mannschaft gegen Mannschaft, Ausländer gegen Einheimische. Neue Truppen wurden herbeibeordert und zogen in Sturmschritt heran; Arbeiter schlenderten herbei, alte Weiber, Gassenjugend; schließlich wußte kein Mensch mehr, weshalb oder mit wem man raufte. Vergebens fluchten die Schiffer, vergebens befahlen ehrsame Bürger, den einzigen Polizeidiener des Städtchens herbeizuholen; der lag just in aller Gemütsruhe draußen auf dem Fjord und fischte. Man lief zum Stadtschultheiß; aber der war zugleich Postmeister, hatte sich gerade mit der neuesten Briefpost in seinem Bureau eingeschlossen und rief zum Fenster heraus, er könne nicht fort, sein Gehilfe sei bei einem Begräbnis; sie müßten warten. Da man aber mit dem gegenseitigen Totschlagen unmöglich warten konnte, bis die Post sortiert war, so schrien einige, vor allem ein paar geängstigte Weiber, man solle den Grobschmied Arne holen. Dem stimmten die ehrsamen Bürger zu, und seine eigene Frau lief, ihn zu holen, "weil die Polizei nicht daheim sei." Er kam—zum Jubel der Schuljugend—, fuhr ein paarmal in den Knäuel hinein, langte sich einen gelenkigen Spanier heraus und hämmerte mit dem nach rechts und links auf die andern los.
Als alles vorbei war, kam der Stadtschultheiß mit seinem Spazierstock. Er fand noch ein paar alte Weiber und Kinder auf der Walstatt. Diesen gebot er mit gestrenger Miene, nach Hause zu gehen zum Mittagessen—was er selbst ebenfalls tat.
Am Tag darauf begann er ein Verhör anzustellen; das dauerte eine geraume Zeit, obwohl kein Mensch auch nur eine Ahnung davon hatte, wer eigentlich gerauft hatte. Bloß darin stimmten alle Aussagen überein—Arne, der Grobschmied, war dabei gewesen; alle hatten sie ihn mit dem Spanier auf die andern loshauen sehen. Also wurde über diesen Arne eine Strafe von einem Speziestaler verhängt, wofür seine Frau, die ihn in den Handel verwickelt hatte, die Prügel einheimste. Am elften Sonntag nach Trinitatis. Sie hatte Ursache, an den Tag zu denken! Das war die einzige gerichtliche Folge, die die Rauferei hatte.
Aber sie hatte andere. Die kleine Stadt war keine stille Stadt mehr; das Fischermädel hatte sie in Aufruhr versetzt. Die seltsamsten Gerüchte liefen um. Zunächst war es eifersüchtiger Groll, daß sie den klügsten Kopf der Stadt und die beiden besten Partien an sich gelockt und außerdem noch "mehrere" in petto hatte; denn aus Gunnar wurden im Handumdrehen "mehrere junge Männer". Bald aber erhob sich ein allgemeiner Sturm sittlicher Entrüstung. Die ganze Schande, an einer großen Straßenrauferei schuld zu sein und über drei der besten Familien der Stadt Kummer gebracht zu haben, lastete auf dem jungen Mädchen, das vor kaum einem halben Jahr eingesegnet worden war. Drei Verlobungen auf einmal,—und die eine obendrein mit ihrem Lehrer, ihrem Wohltäter, dem sie alles verdankte—nein! Das brachte die Empörung zum Überlaufen! War sie nicht von kindauf ein Ärgernis gewesen für die Stadt? Hatte man nicht trotzdem,—als Ödegaard sich ihrer angenommen hatte, die schönsten Erwartungen auf sie gesetzt? Und hatte sie nicht alle Leute zum Besten gehabt, ihn zugrunde gerichtet und sich, ihrer zügellosen Natur folgend, rückhaltlos einem Leben in die Arme geworfen, das sie zu einem Abschaum der Menschheit machen und am Ende ins Zuchthaus bringen mußte? Die Mutter war selbstverständlich mitschuldig—in ihrer Matrosenkneipe hatte das Kind den Leichtsinn gelernt! Aber man werde das Joch, das Gunlaug der Stadt aufbürdete, nicht länger tragen, man werde sie nicht länger unter sich dulden, weder Mutter, noch Tochter. Und so kam man überein—sie aus der Stadt zu jagen.
Eines schönen Abends versammelten sich Matrosen, die Gunlaug Geld schuldig waren, versoffene Arbeiter, denen sie keinen Dienst verschaffen wollte, junge Bursche, denen sie nichts borgen mochte, oben vor ihrem Hause—angeführt von Bürgern der "besseren" Stände. Sie pfiffen, sie heulten, sie brüllten nach dem "Fischermädel", nach der "Fischer-Gunlaug". Bald flog ein Stein gegen die Haustür; dann ein zweiter oben durchs Giebelfenster. Erst nach Mitternacht verlief sich die Rotte. Hinter den Fenstern war alles dunkel und still.
Am nächsten Tag ließ sich bei Gunlaug kein Mensch blicken. Nicht einmal ein Kind ging mehr am Berghang vorbei. Doch abends derselbe Auflauf; nur daß heute alle mittaten, ohne Unterschied. Sie trampelten alles nieder, sie zertrümmerten die Fenster, sie rissen den Gartenzaun um und knickten die jungen Obstbäume ab, und dabei sangen sie:
Mutter, ich hab' einen Seemann gefischt!
"So, hast du das?"
Mutter, ich hab' einen Kaufmann erwischt!
"Ja, hast du das?"
Mutter, ein Geistlicher sitzt an der Schnur.
"Lang' ihn dir nur!"—
O kling und klang,
Die Nase wird lang!
Die großen Fische beißen fruchtlos an,
Wenn in das Boot man sie nicht ziehen kann.
Mutter, der Seemann, der hat sich gedrückt!
"Ja, hat er das?"
Mutter, der Kaufmann ist ausgerückt!
"So, ist er das?"
Mutter, nun will auch der Geistliche fliehn!
"Lange dir ihn!"
O kling und klang,
Die Nase wird lang!
Die großen Fische beißen fruchtlos an,
Wenn in das Boot man sie nicht ziehen kann.