Besonders laut schrien sie nach Gunlaug. Gar zu sehr hätte man sich gefreut, sie toben zu hören in ihrer ohnmächtigen Wut.

Gunlaug saß drinnen und hörte jedes Wort; aber sie blieb stumm. Man muß schon etwas dulden können für sein Kind.

Sechstes Kapitel

Den ersten Abend, als das Schreien, Pfeifen und Johlen anfing, war Petra auf ihrem Zimmer. Sie flog auf, als stände das Haus in Flammen, oder als wolle alles über ihr zusammenbrechen. Wie von glühenden Ruten gepeitscht, lief sie in ihrem Zimmer umher. In ihrer Seele schmerzte und brannte es, ihre Gedanken jagten nach einem Ausweg. Aber zur Mutter hinunter traute sie sich nicht, und draußen, vor ihrem Fenster, standen sie! Ein Stein kam durchs Fenster gesaust und fiel auf ihr Bett. Sie stieß einen Schrei aus, lief in den Winkel hinter die Gardine und verkroch sich zwischen ihren alten Kleidern. Da hockte sie, zusammengekauert, flammend vor Scham, zitternd vor Furcht. Bilder voll unerhörten Entsetzens jagten an ihr vorüber, die Luft war voll wimmelnder Gesichter—gaffender, grinsender Gesichter! Ganz nah kamen sie;—Feuer regnete es rings um sie—Hu! es war gar kein Feuer, Augen waren es—überall regnete es Augen, große glühende, kleine sprühende Augen, die reglos glotzten, Augen, die unablässig rollten,—Herr Jesus, Herr Jesus, erbarme Dich!—

Oh, welch ein Aufatmen, als die letzten Schreie in der Nacht erstarben und alles ganz still wurde und ganz dunkel. Sie wagte sich hervor; sie warf sich auf ihr Bett und vergrub den Kopf in die Kissen; doch die Gedanken wollten nicht weichen. Sie sah die Mutter drohend, ungeheuerlich, wie ein Sturmgewölk, das sich über den Bergen zusammenballt;—denn, was mußte die Mutter nicht erdulden—um ihretwillen! Kein Schlaf kam in ihre Augen, kein Friede in ihre Seele. Der Tag dämmerte herauf. Linderung brachte er ihr nicht. Auf und ab wanderte sie, auf und ab, und dachte bloß daran, wie sie fliehen könne. Aber sie traute sich der Mutter nicht unter die Augen; hinaus traute sie sich auch nicht, solang es Tag war, und mit dem Abend kamen sie jedenfalls wieder! Trotzdem mußte sie warten; denn vor Mitternacht zu fliehen, war noch gefährlicher. Und überhaupt—wohin? Sie hatte kein Geld, sie wußte keinen Weg.—Aber irgendwo mußte es doch barmherzige Menschen geben, wie es einen barmherzigen Gott gab! Er wußte—was sie auch verbrochen hatte—Schlechtigkeit war es nicht gewesen. Er kannte ihre Reue, er kannte auch ihre Hilflosigkeit! Sie horchte auf den Schritt der Mutter drunten; aber sie hörte nichts; sie zitterte, daß sie die Treppe heraufkommen könne; aber sie kam nicht. Das Dienstmädchen mußte wohl davongelaufen sein; denn niemand brachte ihr das Essen herauf. Sie selbst wagte sich nicht hinunter, nicht einmal ans Fenster; draußen konnte ja einer stehen und ihr auflauern. Durch das zertrümmerte Fenster zog es kalt herein, besonders als es wieder Abend wurde. Sie hatte sich ein kleines Bündel mit Kleidungsstücken zusammengeschnürt und sich warm angezogen, um bereit zu sein. Aber erst mußte sie den wütenden Haufen abwarten und über sich ergehen lassen, was kommen mochte.

Richtig, da waren sie wieder! Pfeifen, Gejohle, Steinewerfen—schlimmer, viel schlimmer als am Abend vorher! Sie verkroch sich in ihren Winkel, faltete die Hände und betete, betete! Wenn bloß die Mutter nicht zu ihnen hinausginge! Wenn sie bloß nicht das Haus stürmten! Jetzt fingen sie zu singen an; es war ein Schmählied; und obwohl jedes Wort ihr wie ein Messer ins Herz schnitt, mußte sie doch zuhören, lauschen! Aber als sie hörte, daß sie die schamlose Ungerechtigkeit hatten, auch die Mutter mit zu beschimpfen, da sprang sie auf, da stürzte sie hervor; sie wollte zu dem feigen Gesindel reden, wollte sich auf sie herabstürzen; aber da kam ein Stein und noch einer und dann ein ganzer Hagel von Steinen durchs Fenster geflogen; die Glassplitter stoben, die Steine sausten im Zimmer herum, und sie kroch wieder in ihren Winkel. Der Schweiß brach ihr aus, als säße sie in der glühendsten Sonne; aber sie weinte nicht, sie fürchtete sich auch nicht mehr.

Allmählich legte sich der Lärm. Sie wagte sich hervor, und als sie nichts mehr hörte, wollte sie ans Fenster und nachsehen. Aber sie trat überall auf Glasscherben, und ging deshalb wieder zurück. Dabei trat sie wieder auf Steine; so blieb sie stehen, um nicht gehört zu werden; denn nun galt es, sich fortzuschleichen. Nachdem sie noch eine gute halbe Stunde gewartet hatte, zog sie ihre Schuhe aus, ergriff ihr Bündel und öffnete leise die Tür. Wieder wartete sie etwa fünf Minuten und schlich dann still die Treppe hinunter. Es tat ihr weh, die Mutter, der sie solchen Kummer bereitet hatte, nun auch noch ohne Abschied verlassen zu müssen; aber das Entsetzen peitschte sie vorwärts. "Leb' wohl, Mutter! Leb' wohl, Mutter!" flüsterte sie bei jedem Schritt, den sie auf der Treppe machte, vor sich hin. "Leb' wohl, Mutter!" Jetzt war sie unten. Sie holte ein paarmal schwer Atem und nun—zur Haustür! Da packte jemand sie von hinten am Arm. Sie stieß einen leichten Schrei aus und drehte sich um. Es war die Mutter. Gunlaug hatte oben die Tür gehen hören; augenblicklich begriff sie, was Petra vorhatte, und erwartete sie nun hier unten. Petra fühlte, sie werde ohne Kampf nicht an ihr vorüberkommen. Erklärungen nützten hier nichts; was für Worte sie auch finden werde, die Mutter würde ihr doch nicht glauben. Nun, so hieß es eben kämpfen! Schlimmer als das Schlimmste konnte ja in der Welt nichts sein, und das Schlimmste hatte sie hinter sich. "Wo willst Du hin?" fragte leise die Mutter. "Fort!" antwortete sie ebenso leise, mit klopfendem Herzen.—"Und wohin?"—"Ich weiß nicht—nur fort von hier!" Und sie drückte ihr Bündel fest an sich und tat einen Schritt vorwärts. "Komm mit!" versetzte die Mutter, die ihren Arm nicht losgelassen hatte; "ich habe schon für alles gesorgt."—Augenblicklich gab Petra nach, wie ein Mensch, der eine allzu schwere Last fallen läßt, und überließ sich der Mutter. Diese ging voran in ein kleines, fensterloses Kämmerchen hinter der Küche, wo Licht brannte; hier hatte sie versteckt gesessen, während die draußen lärmten. Der Verschlag war so eng, daß sie sich kaum darin umdrehen konnten. Die Mutter zog ein Bündel hervor, etwas kleiner als Petras, öffnete es und zog einen Matrosenanzug heraus. "Zieh das an!" flüsterte sie. Petra wußte sofort, weshalb sie das sollte; aber daß die Mutter es nicht in Worten aussprach, das rührte sie. Sie zog sich aus und legte den Matrosenanzug an, die Mutter half ihr, und als sie dabei dem Lichtkreis nahe genug kam, um ihr Gesicht deutlich sehen zu können, da sah Petra, daß Gunlaug alt war. War sie's in diesen letzten Tagen geworden, oder hatte Petra es nur vorher nicht gesehen? Die Tränen des Kindes flossen auf die Mutter hernieder, aber die Mutter blickte nicht auf, so daß sie kein Wort herausbrachte. Als letztes reichte die Mutter ihr einen Südwester, und als Petra ihn aufgesetzt hatte, nahm ihr die Mutter ihr Bündel ab, blies das Licht aus und flüsterte: "Jetzt komm!"

Wieder gingen sie durch den Flur, aber nicht zur Haustür; Gunlaug riegelte die Hoftür auf und schloß sie nachher wieder ab. Sie gingen durch den zerstampften Garten, über die ausgerissenen Bäume, den zertrümmerten Zaun. "Sieh Dich noch einmal um!" sagte die Mutter, "Du wirst schwerlich jemals wieder hierherkommen!"—Petra zuckte zusammen; sie sah sich nicht um. Sie gingen den oberen Weg, am Walde hin, da, wo sich ihr halbes Leben abgespielt, wo sie jenen Abend mit Gunnar, die Abende mit Yngve Vold und jenen letzten Abend mit Ödegaard verlebt hatte. Sie gingen durch fahles Laub, das der Herbst von den Bäumen gefegt hatte; die Nacht war kalt, und Petra fror in ihrer ungewohnten Kleidung. Jetzt bog die Mutter ab, auf einen Garten zu; Petra erkannte ihn augenblicklich, obwohl sie hier an seiner oberen Seite nicht wieder gewesen war seit jenem Tage, da sie ihn als Kind gestürmt hatte; es war Pedro Ohlsens Garten. Die Mutter hatte den Schlüssel dazu und schloß auf.

Es war Gunlaug nicht leicht gefallen, Ohlsen am Vormittag aufzusuchen; es fiel ihr auch jetzt nicht leicht, mit der unglücklichen Tochter zu ihm zu kommen, der sie selbst keine Heimat mehr zu bieten vermochte. Aber es mußte sein, und was sein mußte, das konnte Gunlaug. Sie klopfte an die Verandatür, und fast im selben Augenblick hörten sie Tritte und sahen Licht. Gleich darauf wurde geöffnet, und Pedro, blaß und angstvoll, stand im Reiseanzug und hohen Stiefeln vor ihnen. Er hielt ein Talglicht in der Hand; und als er Petras vom Weinen geschwollenes Gesicht erblickte, seufzte er. Sie sah zu ihm auf; aber da er sie nicht zu kennen wagte, so wagte auch sie nicht ihn zu kennen. "Der Mann da hat versprochen, Dir von hier fortzuhelfen", sagte die Mutter, wobei sie weder Petra noch Ohlsen ansah, sondern den beiden voran durch den Flur und in Pedros Zimmer auf der andern Seite des Hauses ging. Das Zimmer war klein und niedrig; eine eigentümlich dumpfe Luft schlug ihnen entgegen, die Petra ganz übel machte—seit mehr als vierundzwanzig Stunden hatte sie weder geschlafen noch gegessen. Von der Mitte der Decke hing ein Bauer mit einem Kanarienvogel. Man mußte im Bogen drum herumgehen, wollte man nicht daran stoßen. Die alten schweren Stühle, ein mächtiger Tisch, ein paar große Bauernschränke, die bis an die Decke reichten, drückten so auf das Zimmer, daß es noch niedriger erschien. Auf dem Tisch lagen Noten und eine Flöte. Pedro Ohlsen schlurfte in seinen großen Stiefeln geschäftig hin und her. Aus dem Hinterzimmer erklang eine schwache Stimme: "Wer ist da? Wer ist in der Stube?" worauf er noch eiliger umhertrappte und dabei murmelte: "Oh, es ist—hm, hm—es ist nur … hm, hm…" Darauf verschwand er in der Stube, aus der die Stimme gekommen war.

Gunlaug saß am Fenster, die Ellbogen auf die Knie gestemmt, den Kopf in die Hände gestützt, und starrte vor sich hin auf den Sand, mit dem der Fußboden bestreut war. Sie sprach kein Wort; aber von Zeit zu Zeit entrang sich ihrer Brust ein schwerer Seufzer. Petra lehnte an der Tür, die Beine dicht zusammengepreßt, beide Hände auf die Brust gedrückt; sie fühlte sich ganz krank. Eine alte Wanduhr hackte die Zeit in Stücke; das Talglicht auf dem Tisch tropfte mit langer Schnuppe. Die Mutter fühlte, sie müsse einen Grund für ihre Anwesenheit in diesem Haus angeben, und sagte: "Ich hab' diesen Mann mal früher gekannt."