Da erhebt sich ein Lärm—Geschrei und Hörnerklang—der Bräutigam wird von ihrer Seite gerissen,—es gilt den Kampf—den Kampf fürs Vaterland. Er wird verwundet, und sterbend sendet er der Geliebten seinen letzten Gruß!——Petra faßt erst, was geschehen ist, als die Braut still hereintritt und—seine Leiche erblickt. Und da ist es, als sammelten alle Wolken des Schmerzes sich über einem einzigen Punkt; aber ein Blick zerteilt sie: die Braut blickt auf von des Toten Brust und fleht zum Himmel, daß er auch sie sterben lasse. Und der Himmel öffnet sich diesem Blick, ein Leuchten senkt sich nieder, droben wartet der Hochzeitssaal—lasset die Braut ein! Schon sieht sie den Himmel offen; von ihren Augen strahlt ein Friede gleich dem Frieden hoher Gipfel. Ihre Augenlider schließen sich, dem Kampf erblüht eine erhaben-edlere Lösung, ihrer Treue eine herrlichere Krone; sie sind vereint.
Lange saß Petra regungslos da; ihr Herz war im Glauben erhoben, die Macht des Großen erfüllte sie. Sie schwang sich empor über alles Kleine; sie schwang sich empor über Furcht und Schmerz; sie schwang sich empor, mit einem Lächeln für alle: denn alle waren Brüder und Schwestern. Das Böse, das da trennt, war nicht mehr,—es war zerschmettert vom Donner. Die Leute lachten sie an,—das war ja das Mädel, das sich während der Vorstellung so verrückt benommen hatte. Sie aber sah in ihrem Lächeln nichts anderes als den Wiederschein des Sieges Jubels, der in ihr selber war. Und in dem Glauben, daß die anderen mit ihr lächelten, lächelte sie so strahlend zur Antwort, daß die anderen alle lächeln mußten mit ihrem Lächeln. Sie schritt die breite Treppe hinab zwischen zwei auseinanderweichenden Reihen von Menschen, die ihr Freude von ihrer Freude, Schönheit von der Schönheit zurückgaben, die über ihr leuchtete. Der Glanz unseres Innern kann oft so mächtig werden, daß wir alles um uns her in Klarheit tauchen, ob wir es selbst auch nicht sehen. Das ist der größte Triumphzug der Welt, angekündigt, getragen und geleitet zu werden von unseren eigenen leuchtenden Gedanken.
Als sie, ohne zu wissen wie, zu Hause angelangt war, fragte sie, was das alles denn eigentlich gewesen sei. Einige der Anwesenden verstanden sie auch und gaben ihr hilfreich Auskunft. Und als sie nun genau Bescheid wußte, was ein Schauspiel ist, und was große Schauspieler vermögen, da stand sie auf und sagte: "Das ist das Größte auf Erden; das will ich werden."
Zur Verwunderung aller zog sie ihren Mantel wieder an und ging noch einmal aus; sie mußte allein sein und im Freien. Sie ließ die Stadt hinter sich und wanderte im heftigen Wind hinaus auf die nächste Landzunge. Unter ihr brauste das Meer; die Stadt aber lag zu beiden Seiten der Bucht, in einem Lichtnebel, hinter dem die zahllosen einzelnen Flammen mit vereinigten Kräften arbeiteten, ohne doch mehr zu erreichen, als den Flor zu durchleuchten, den sie nicht heben konnten. Das wurde ihr zum Bild ihrer eigenen Seele. Das große Dunkel zu ihren Füßen gab mit seinem dumpfen Tosen Kunde von einer undurchdringlichen Tiefe; es galt, entweder hinabzusinken oder sich emporzuheben und zu versuchen, mitzuleuchten. Sie fragte sich, warum ihr früher nie solche Gedanken gekommen waren, und sie antwortete sich selbst: weil immer nur der Augenblick über sie Macht gehabt hatte. Jetzt aber fühlte sie: auch sie hatte Macht über den Augenblick. Jetzt sah sie es: so viele Lichter dort drüben funkelten, so viele Augenblicke würden ihr gegeben werden, und sie bat Gott um die Kraft, sie alle voll auszunützen, damit er keinen vergebens entzündet hätte. Sie stand auf; denn es wehte ein eisiger Wind. Sie war nicht lange draußen gewesen; aber als sie wieder nach Hause ging, da wußte sie, wohin sie ging.
* * * * *
Am nächsten Tage stand sie vor der Tür des Direktors. Heftiges Schelten tönte ihr von drinnen entgegen. Die eine Stimme schien ihr Ähnlichkeit mit der Stimme der Liebhaberin von gestern Abend zu haben. Freilich ging sie jetzt aus einer andern Tonart, aber Petra erbebte doch bei ihrem Klang. Sie wartete lange; als es immer noch kein Ende nehmen wollte, klopfte sie an. "Herein!" schrie eine wütende Männerstimme. "Oh!" kreischte eine Frauenstimme, und als Petra öffnete, sah sie das fliehende Entsetzen eines Nachtgewandes und aufgelösten Haares durch eine Seitentür verschwinden. Der Direktor, ein langer Mensch mit unfreundlichen Augen, die er eiligst hinter einer goldenen Brille versteckte, lief aufgeregt im Zimmer hin und her. Seine lange Nase beherrschte das Gesicht so gänzlich, daß alles übrige nur ihretwegen da zu sein schien; die Augen guckten wie zwei Gewehrläufe hinter diesem Wall hervor, der Mund war der Graben und die Stirn eine leichte Brücke vom Wall hinüber zu dem Wald oder dem "Verhau".—"Was wünschen Sie?" Er blieb mit einem Ruck stehen. "Sind Sie die Dame, die gern Choristin werden möchte?" setzte er eilfertig hinzu.—"Choristin? Was ist das?"—"Nanu—das wissen Sie gar nicht? So, so! Na, was wollen Sie denn sonst?"—"Ich will Schauspielerin werden."—"So, Schauspielerin wollen Sie werden—und wissen nicht, was eine Choristin ist. Hm, hm. Aber Sie reden ja Dialekt!"—"Dialekt? Was ist das?"—"So, also das wissen Sie auch nicht. Und dabei wollen Sie Schauspielerin werden. Hm, hm. Ja, das ist wieder mal echt Norwegisch. Dialekt—das will sagen, daß Sie nicht so sprechen wie wir."—"Ja, aber ich hab' mich den ganzen Morgen darin geübt."—"So, wirklich? Schau', schau'! Also schießen Sie mal los!"—Und Petra stellte sich auf und deklamierte wie die Liebhaberin gestern Abend: "Un so wist Deine Valborg Du verlaten!"[2] "Na, aber,—Himmelkreuzdonnerwetter! Sind Sie etwa hergekommen, um sich über meine Frau lustig zu machen?" Aus dem Nebenzimmer ertönte schallendes Gelächter. Der Direktor öffnete die Tür und rief, augenscheinlich ohne die leiseste Erinnerung daran, daß sie sich den Augenblick vorher noch auf Leben und Tod gezankt hatten: "Da ist eine kleine Norwegerin, die Dich karikieren will! Komm doch mal und sieh sie Dir an!" Ein Damenkopf mit ungekämmtem, trotzig schwarzem Haar, dunkeln Augen und einem großen Mund schaute herein und lachte. Petra aber eilte augenblicklich auf sie zu; das mußte die Heldin sein von gestern Abend—oder nein, ihre Mutter, dachte sie, als die Dame näher kam. Petra sah sie an und sagte: "Ich weiß nicht—sind Sie's … oder sind Sie ihre Mutter?" Jetzt lachte auch der Direktor. Der Frauenkopf hatte sich wieder zurückgezogen, aber aus dem Nebenzimmer tönte noch immer das Lachen. Petras Verlegenheit malte sich so lebhaft in Stellung, Gesicht, Mienenspiel, daß der Direktor aufmerksam wurde. Er betrachtete sie eine Weile; dann griff er nach einem Buch und sagte so ganz beiläufig: "Kommen Sie mal her, Kind, und lesen Sie. Aber lesen Sie einfach so, wie Sie für gewöhnlich sprechen." Petra las.—"Nein, nein—das ist ja Unsinn! Hören Sie zu!" Und er las ihr vor, und sie las ihm nach, genau so, wie er gelesen hatte. "Nein doch, nein! So lesen Sie doch norwegisch—den Teufel noch mal—norwegisch!" Und Petra las wieder wie vorhin. "Nein doch, sag' ich! Das ist ja der helle Blödsinn! Begreifen Sie denn nicht, was ich meine? Sind Sie dumm!"—Er versuchte es wieder und wieder; dann gab er ihr ein anderes Buch. "Da,—hier haben Sie was anderes: etwas Komisches. Also los!" Und Petra las. Aber wieder war es dieselbe Geschichte, bis er endlich gelangweilt ausrief: "Ach was, nein doch, nein! So hören Sie endlich einmal auf! Was, Teufel, wollen Sie denn eigentlich beim Theater? Was wollen Sie denn spielen zum Kuckuck?"—"Das, was ich gestern gesehen hab', will ich spielen."—"Aha! Na ja, selbstverständlich! natürlich! Na—und…?"—"Ja," sagte sie ein bißchen verlegen, "es war ja auch wirklich so wunderschön gestern; aber ich hab' mir heut doch gedacht,—noch viel schöner wäre es, wenn es gut ausginge. Das möcht' ich gern machen."—"So, also das möchten Sie.—Hm, na ja, genieren Sie sich nur nicht! Der Dichter ist tot. Der steht natürlich heutzutage nicht mehr auf der Höhe; und darum wollen Sie, die weder lesen noch schreiben kann, ihn umdichten;—echt Norwegisch!"—Petra begriff kein Wort; nur das begriff sie—ihre Sache stand schlecht. Und ihr wurde ängstlich zumute. "Also ich darf nicht?" fragte sie leise. "I, aber natürlich! Durchaus nichts im Wege! Bitte! Hören Sie!" sagte er in ganz verändertem Ton, während er dicht an sie herantrat, "vom Komödienspielen verstehen Sie so wenig wie eine Katze. Und Talent haben Sie keins, weder fürs Komische, noch fürs Tragische; ich hab' Sie jetzt in beidem geprüft. Weil Sie ein hübsches Frätzchen haben und eine hübsche Figur, haben die Leute Ihnen in den Kopf gesetzt, Sie seien die geborene Schauspielerin, natürlich eine viel bessere als meine Frau! Und dazu suchen Sie sich auch gleich die größte Rolle im ganzen Repertoir aus und dichten sie noch obendrein um. Jawohl! Echt Norwegisch! Die können ja alles!"—Petras Atem ging schneller und schneller; sie schluckte und schluckte und endlich wagte sie zu flüstern: "Also ich darf wirklich nicht?"—Der Direktor stand am Fenster und sah hinaus. Er hatte gedacht, sie sei schon längst fort. Erstaunt wandte er sich um. Aber als er ihre Erregung sah und die wunderbare Kraft, die sich dadurch ihrem ganzen Wesen aufprägte, stand er einen Augenblick still, griff dann plötzlich aufs neue nach dem Buch und sagte mit einer Stimme und einem Gesichtsausdruck, in denen alles Vorhergegangene wie weggeblasen war: "Da, lesen Sie mal das da, ganz langsam,—damit ich einmal Ihr Organ höre. Na, los!" Aber sie konnte nicht lesen. Die Buchstaben tanzten ihr vor den Augen. "Na, nur nicht so verzagt!" Endlich fing sie an, aber kalt, farblos. Er ließ sie die Stelle wiederholen—"mit mehr Gefühl". Es wurde nur noch schlechter. Da nahm er ihr das Buch ruhig aus der Hand und sagte: "Ich habe Sie jetzt nach jeder Richtung hin geprüft; mehr kann ich nicht tun. Ich versichere Ihnen, mein bestes Fräulein, ob ich meinen Stiefel auf die Bühne schicke oder Sie—es würde genau denselben Eindruck machen, nämlich einen höchst sonderbaren. Und damit wollen wir's genug sein lassen!" Mit letzter Aufbietung ihrer Kräfte stotterte Petra flehend: "Ich glaube, ich versteh' es doch, wenn ich bloß—" "Natürlich! Selbstredend! Jedes lumpige Fischernest versteht ja mehr davon als wir. Das norwegische Publikum ist das gebildetste der ganzen Welt. Na, wenn Sie nicht gehen wollen, so geh' ich!" Sie wandte sich zur Tür und brach in Tränen aus. "Sagen Sie mal—" rief er; denn bei ihrer heftigen Erregung ging ihm plötzlich ein Licht auf. "Sie sind doch nicht etwa die Person, die gestern abend solchen Skandal im Theater gemacht hat?"—Sie wandte sich feuerrot um und sah ihn an. "Natürlich sind Sie's! Jetzt weiß ich, wer Sie sind! Das 'Fischermädel'! Ich war nach dem Theater mit einem Herrn aus Ihrem Heimatort zusammen; mit einem, der Sie 'gut kannte!' So, also darum möchten Sie so gern zum Theater! Sie möchten Ihre Künste dort probieren—aha! Wissen Sie was: mein Theater ist ein anständiges Institut, und ich verbitte mir jeglichen Versuch, es zu reformieren. Machen Sie, daß Sie fortkommen! Aber etwas plötzlich, wenn ich bitten darf!"—Und laut aufschluchzend rannte Petra zur Tür hinaus, die Treppe hinunter und auf die Straße. Schluchzend, weinend lief sie so, mitten unter allen Menschen. Eine Dame, die am hellichten Tag weinend durch die Straßen läuft, mußte, wie man sich denken kann, großes Aufsehen erregen. Leute blieben stehen, Gassenjungen rannten hinter ihr drein, erst einige, dann mehrere. Und in diesem Lärm hinter sich her hörte Petra wieder das Toben und Branden jener Nächte in ihrem Giebelstübchen—sah wieder all die Gesichter in der Luft—und rannte, rannte! Aber wie hinter ihr der Lärm, so wuchs mit jedem Schritt auch die Erinnerung, und als sie das Haus erreicht, die Haustür hinter sich zugeschlagen, sich auf ihr Zimmer geflüchtet und den Schlüssel umgedreht hatte, da mußte sie sich niederwerfen in einen Winkel und die Gesichter abwehren; mit den Händen schlug sie danach—stieß Drohungen aus.—Schließlich sank sie erschöpft zusammen,—ihre Tränen flossen ruhiger,—sie war gerettet.
[2] Aus Adam Oehlenschlägers Schauspiel "Axel und Valborg."
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Noch am Abend desselben Tages verließ sie Bergen und fuhr landeinwärts. Sie wußte selbst nicht wohin. Sie wollte nur irgendwohin, wo man sie nicht kannte. Sie saß im Karriol, ihr Koffer war hinten aufgeschnallt, und obendrauf saß der Postbub. Es regnete in Strömen; sie saß zusammengekauert unter einem großen Regendach und blickte voll Bangen bald an der Bergwand empor, bald in den Abgrund auf der andern Seite hinab. Der Wald vor ihr war eine einzige brütende Nebelmasse, voll Gespenster. Im nächsten Augenblick mußte sie mitten drin sein. Aber immer wieder wich der Nebel zurück, mit jedem Schritt, den sie in den Wald hineintat. Ein mächtiges Dröhnen, das immer gewaltiger wurde, verstärkte in ihr das Gefühl, als bewege sie sich in einem geheimnisvollen Kreis, in dem alles seine eigene Bedeutung, seinen dunkeln Zusammenhang hatte und in dem der Mensch nichts war als ein furchtsamer Wandersmann, der eben sehen mußte, wie er weiter kam. Das Dröhnen rührte von den Sturzbächen her, die durch die Regengüsse zu Riesen angeschwollen waren und nun unter Brüllen und Tosen stoßweise von Fels zu Fels in die Tiefe sprangen. Wo der Weg ging, führten schmale Brücken hinüber; sie sah es unter sich brodeln in den hohlen Kesseln. Bald ging es in Krümmungen und Windungen abwärts; da und dort ein vereinzeltes Stück Ackerland, ein paar torfbedeckte Hütten auf einem Klumpen. Dann wieder aufwärts, dem Wald und dem Rauschen entgegen. Sie war durchnäßt, sie fror. Aber sie wollte weiter, solang es Tag war, weiter auch am nächsten Tag,—immer tiefer ins Land hinein, bis sie eine Stätte fand, wo sie geborgen war. Und dazu würde er ihr helfen, er, der Allmächtige, der sie jetzt leitete durch Dunkel und Sturm.
Achtes Kapitel