Jetzt gleitet ganz schnell die Wand wieder herab. Wie? Schon zu Ende? Nachdem es eben erst angefangen hat? Glühend wendet sie sich der alten Dame zu: "Ist es aus?"—"Nein, nein, Kindchen! Das war ja nur der erste Akt. Fünf sind es.—Fünf Akte", wiederholte sie seufzend, "fünf Akte!"—"Immer das Gleiche?" fragte Petra.—"Wie denn?"—"Ich meine, kommen immer die gleichen Leute wieder, und geht es immer weiter?"—"Sie sind wohl noch nie im Theater gewesen, was?"—"Nein."—"Freilich; ein Theater gibt's nicht überall; es ist ja auch so teuer."—"Aber was ist denn das eigentlich alles?" fragte Petra erregt, atemlos, als könne sie die Antwort kaum erwarten. "Was sind denn das für Menschen?"—"Das ist die Truppe des Direktor Naso, eine ganz ausgezeichnete Truppe; er ist wirklich ein tüchtiger Kerl."—"Hat er denn das alles erfunden? Ja? Ach Gott! So sagen Sie mir's doch!"—"Aber Kindchen, wissen Sie denn gar nicht, was ein Schauspiel ist? Wo kommen Sie denn her?"—-Doch als Petra an ihre Vaterstadt dachte, fiel ihr auch gleich ihre ganze Schande, ihre Flucht wieder ein; sie schwieg und getraute sich nicht, weiter zu fragen.

Der zweite Akt kam, und mit ihm der König. Wirklich, der König! Jetzt sah sie endlich einmal den König! Sie hörte nicht, was er sagte, sie sah nicht, mit wem er sprach, sie sah nur des Königs Kleider, des Königs Gebaren, des Königs Mienen. Sie wachte erst wieder auf, als der Jüngling auftrat. Und jetzt zogen sie alle davon, um die Braut einzuholen.—Also hieß es wieder warten.

In der Pause beugte die alte Dame sich zu ihr hinüber. "Sie spielen doch wundervoll, nicht?" sagte sie. Petra blickte sie voll Erstaunen an. "Spielen? Wie denn?" Sie merkte gar nicht, daß alle, die in ihrer Nähe saßen, sie beobachteten; daß die alte Dame sie nur ausfragen wollte. Sie merkte nicht, daß man sich über sie lustig machte.—"Aber sie reden ja ganz anders wie wir?" fragte sie, als sie keine Antwort erhielt.—"Es sind doch Dänen!" antwortete die Dame und fing zu lachen an. Jetzt begriff sie, daß die Gute über ihr vieles Fragen lachte, und fortan schwieg sie; sie sah nur unverwandt nach dem Vorhang hin.

Als der wieder aufging, wurde ihr die große Freude zuteil, einen Erzbischof zu sehen. Wieder erging es ihr wie vorhin: sie verlor sich so gänzlich in seinen Anblick, daß sie von dem, was er sagte, überhaupt kein Wort hörte. Aber jetzt erklang Musik—leise, leise—aus weiter Ferne. Sie kam näher—Gesang von Frauenstimmen—ein Spiel von Flöten und Geigen und einem Instrument, das nicht Guitarre war und doch wie viele Guitarren, bloß weicher, voller, mit schwingenden Tönen—die ganze Harmonie flutete zu langen, schwebenden Wellen zusammen. Und als alles zu wogenden Farben geworden war, da kam der Zug,—Soldaten mit Hellebarden, Chorknaben mit Weihrauchfässern, Mönche mit brennenden Kerzen, der König mit der Krone auf dem Haupt und an seiner Seite der Bräutigam, im weißen Gewand—hinter ihnen wieder die weißen Jungfrauen; singend streuten sie Rosen vor der Braut, die in weißer Seide, mit einem roten Rosenkranz im Haar, einherschritt. An ihrer Seite ging eine hohe Frauengestalt in golddurchwirktem, langschleppendem Purpurgewand, auf dem Haupt eine schmale, funkelnde Krone; das mußte die Königin sein. Die ganze Kirche war voll Musik und Farben, und alles, was nun geschah, vom Augenblick an, da der Bräutigam die Braut zum Brautschemel führte, auf dem sie niederkniete, während das ganze Brautgefolge im Kreis um sie kniete, bis der Erzbischof an der Spitze der Klosterbrüder erschien,—das alles waren bloß Verschlingungen in der bunten Harmonienkette.

Aber als nun die Trauung vor sich gehen sollte, da erhob der Erzbischof plötzlich seinen Stab und gebot Einhalt. Ihre Vermählung sei wider die heiligen Vorschriften, nie und nimmer dürften sie einander angehören. O himmlischer Vater, erbarme dich! Die Braut sank in Ohnmacht; und Petra fiel mit einem durchdringenden Schrei auf ihren Platz zurück; denn sie hatte zuletzt wieder gestanden.

"Wasser! Wasser!" rief es um sie her. "Nicht nötig!" erwiderte die alte Dame. "Sie ist ja gar nicht bewußtlos." "Still!" rief es vom Parkett herauf. "Ruhe da oben!" "Ruhe da unten!" tönte es vom Balkon zurück.—"Sie müssen sich's nicht so zu Herzen nehmen", flüsterte die alte Dame. "Es ist doch alles bloß erdichtet und erfunden! Aber Frau Naso spielt wirklich brillant!"

"Still!" rief nun auch Petra. Sie war schon wieder ganz in der Handlung. Der diabolische Mönch war wieder da, mit einem Schwert in der Hand. Die beiden Liebenden mußten ein Tuch zwischen sich halten, und er schnitt es in der Mitte durch, wie die Kirche schneidet, wie der Schmerz schneidet, wie das Schwert über der Pforte des Paradieses schnitt an jenem ersten Tag. Weinende Frauen nahmen der Braut den roten Kranz vom Haar und setzten ihr einen weißen auf; damit war sie fürs Leben dem Kloster geweiht. Und er, dem sie angehörte für Zeit und Ewigkeit, er sollte sie am Leben wissen und sie dennoch nimmermehr sein eigen nennen, sollte sie hinter Klostermauern wissen und sie nimmer wiedersehen. Wie herzzerreißend war dies letzte Lebewohl! Keine größere Not gab es auf Erden als ihre!—

"Du lieber Gott!" flüsterte die alte Dame, als der Vorhang fiel, "so seien Sie doch nicht so närrisch! Es ist doch bloß Frau Naso, dem Direktor seine Frau!" Petra riß die Augen auf und starrte die brave Frau an. Die muß verrückt sein! dachte sie. Und da die alte Dame von Petra schon längst dasselbe gedacht hatte, redeten sie nun überhaupt nicht mehr miteinander, sondern warfen sich nur von Zeit zu Zeit scheue Blicke zu.

Als der Vorhang wieder aufging, kam Petra nicht mehr so recht mit. Sie sah nur noch die Braut hinter den Klostermauern und den Bräutigam, der Tag und Nacht voller Verzweiflung draußen umherirrte; sie litt ihre Qualen mit, sie betete mit ihnen ihre Gebete; das, was sich vor ihren Augen abspielte, glitt farblos an ihr vorüber. Da plötzlich wurde sie durch eine mahnende Stille in die Gegenwart zurückgerufen. Der leere Kirchenraum wird weit und groß, die zwölf Schläge der Mitternachtsstunde hallen durch den Raum. Das Gewölbe erdröhnt, die Mauern erbeben; der heilige Olaf, im Totengewand, erhebt sich aus seinem Sarge, hoch und dräuend; den Speer in der Hand, kommt er geschritten; die Wache flieht,—ein Donnerschlag—und der Mönch sinkt, vom Speer durchbohrt, nieder. Dann wird alles dunkel, die Erscheinung ist verschwunden. Nur der Mönch liegt noch da wie ein Haufen Asche auf der Stelle, wo der Blitz niederfuhr.

Petra hatte sich unwillkürlich an die alte Dame angeklammert, der es unter diesem krampfhaften Griff höchst unbehaglich zumute war, und die nun, als sie das Mädchen immer blasser werden sah, rasch sagte: "Du meine Güte, Kind, es ist doch nur Knutsen; es ist die einzige Rolle, die er spielen kann, mit seiner heiseren Stimme!"—"Nein, nein, nein, nein! Ich hab' Flammen rings um ihn gesehen!" sagte Petra, "und die Kirche hat gezittert unter seinen Tritten!"—"Ruhe!" ertönte es von verschiedenen Seiten. "Wer nicht still sitzen kann,—'raus!"—"Heda! Ruhe da oben!" klang es vom Parkett. "Ruhe!" klang es vom Balkon zurück. Petra war ganz in sich zusammengekrochen, als wolle sie sich verstecken; aber gleich darauf hatte sie alles um sich her vergessen. Denn plötzlich waren die beiden Liebenden wieder da,—der Blitz hat ihnen den Weg gebahnt,—sie wollen fliehen. Sie haben sich wieder,—sie sinken sich in die Arme,—o Gott im Himmel, beschütze sie!