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Der Propst hatte als junger Mann von feuriger Seele und großer Rednergabe den Wunsch gehabt, Geistlicher zu werden. Seine wohlhabenden Eltern waren dagegen gewesen; sie hätten es lieber gesehen, wenn er das gewählt hätte, was sie eine "unabhängige Lebensstellung" nannten. Aber ihr Widerstand spornte seinen Eifer noch mehr an, und als er fertig war, ging er ins Ausland, um dort weiter zu studieren. Auf der Durchreise lernte er in Dänemark eine Dame kennen; sie gehörte einer Glaubensrichtung an, die ihm nicht streng genug und darum verwerflich erschien. Er suchte ununterbrochen auf sie einzuwirken; aber die Art, wie sie ihn dabei ansah und ihn zum Schweigen brachte, konnte er später während seines ganzen Aufenthaltes im Ausland nicht vergessen. Als er zurückkam, suchte er sie sogleich auf. Sie verkehrten viel zusammen und gewannen einander immer mehr lieb, bis sie sich schließlich verlobten und gleich darauf heirateten. Nun aber stellte es sich heraus, daß jedes von ihnen dabei einen Nebengedanken gehabt hatte. Er hatte sich vorgenommen, sie mit all ihrer Lieblichkeit zu sich hinüberzuziehen in seine düstere Lehre, und sie hatte sich wie ein Kind in der Sicherheit gewiegt, seine Kraft und Beredsamkeit für den Dienst ihrer Glaubensgemeinschaft gewinnen zu können. Sein erster, ganz leiser Versuch stieß auf ihren ersten, ganz leisen. Enttäuscht, mißtrauisch zog er sich zurück. Sie war klug genug, das sofort zu merken, und von diesem Tag an lauerte er nun immer auf einen weiteren Versuch ihrerseits und sie auf einen zweiten Versuch seinerseits. Aber keins von ihnen machte einen zweiten; denn beiden war angst geworden. Er hatte Angst vor seiner eigenen leidenschaftlichen Natur, und sie hatte Furcht, sie würde sich durch einen verfehlten Versuch jede Aussicht verscherzen, ihn zu sich herüberzuziehen. Denn diese Hoffnung gab sie nie auf; die war ihr zur Lebensaufgabe geworden. Nie aber kam es zum Kampf; denn wo sie war, da gab es keinen Kampf. Irgendwie jedoch mußte er seinem arbeitenden Willen, seiner zurückgedrängten Leidenschaft Luft machen; und das geschah jedesmal, wenn er auf der Kanzel stand und sie unter sich sitzen sah. Wie in einem Wirbel riß er dann die Gemeinde mit sich fort; bald erhitzte er seine Zuhörer, bald erhitzten sie ihn. Sie sah es mit an und ließ ihr geängstigtes Herz ausruhen in Wohltätigkeit, und später, als sie Mutter wurde, bei ihrem Kinde, das sie in körperlichem und geistigem innigsten Umfangen an ihren stillen Stunden teilnehmen ließ. Da gab sie, da empfing sie, da wiegte sie ihr eigenes großes Kind in der Unschuld des Kindes, da feierte sie ein Fest der Liebe, von dem sie zu ihm, dem Strengen, zurückkehrte mit aller vereinten Milde des Weibes und des Christentums; und ihm war es dann natürlich nicht möglich,—etwas zu sagen, was nicht liebreich gewesen wäre. Er mußte sie ja lieben, über alles auf der Welt, aber um so schmerzlicher war es ihm, um so heftiger blutete ihm das Herz, daß er ihr nicht helfen konnte bei ihrer Seele Seligkeit. Mit dem stillschweigenden Recht der Mutter entzog sie auch das Kind seiner religiösen Unterweisung. Die Liedchen des Kindes, die Fragen des Kindes wurden ihm bald eine neue und tiefe Quelle des Schmerzes. Und hatte ihn dann auf der Kanzel seine leidenschaftliche Gemütsbewegung bis zur Härte aufgestachelt, so begegnete ihm, wenn sie miteinander heimgingen, sein Weib nur mit um so größerer Milde; die Augen redeten; der Mund redete nie ein Wort. Und die Tochter nahm seine Hand und sah zu ihm auf mit Augen, die die Augen der Mutter waren.

Über alles wurde gesprochen in diesem Hause, nur über das eine nicht, das die Wurzel ihres ganzen Denkens war. Aber eine so aufreibende Spannung war auf die Dauer nicht zu ertragen. Wohl lächelte die Frau noch; aber nur, weil sie nicht wagte, zu weinen. Als die Zeit herannahte, wo die Tochter zur Einsegnung vorbereitet werden sollte, und er sie also kraft seines Amtes jetzt ebenso stillschweigend in seine Richtung hätte hinüberziehen können, wie die Mutter sie seither in der ihren gehalten hatte, da stieg die Spannung bis aufs äußerste. Und nach dem Sonntag, an dem die Namen der Konfirmanden von der Kanzel verlesen waren, wurde die Mutter krank; etwa so, wie man sonst müde wird. Lächelnd sagte sie, sie könne nicht mehr gehen; und ein paar Tage darauf—noch immer lächelnd—sie könne nicht mehr sitzen. Die Tochter wollte sie immer um sich haben, obgleich sie nicht mehr mit ihr reden konnte; sehen konnte sie ihr Kind doch wenigstens. Und die Tochter wußte, was die Mutter am liebsten mochte. Sie las ihr vor aus dem Buch des Lebens, sie sang ihr die Choräle ihrer Kinderzeit, die neuen, lebenswarmen ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft vor. Der Propst konnte lange nicht fassen, was sich hier vorbereitete; aber als er es endlich begriff, da verlor er jede Richtschnur; nur ein Wunsch beherrschte ihn noch: sie noch einmal zu sich reden, sie nur ein paar Worte noch sagen zu hören. Aber sie hatte nicht mehr die Kraft; sprechen konnte sie nicht mehr. Er stand am Fußende des Bettes und sah sie an und flehte. Und sie lächelte ihm zu, bis er auf die Knie fiel und die Hand der Tochter nahm und sie in die Hand der Mutter legte, als wollte er sagen: "Da, behalte sie! Bei Dir soll sie bleiben in alle Ewigkeit!" Und da lächelte sie, wie sie noch nie gelächelt hatte; und in diesem Lächeln verschied sie.

Lange Zeit schloß sich der Propst von allem Umgang ab. Ein anderer übernahm die Sorge für die Gemeinde; er selber wanderte von Zimmer zu Zimmer, von Ort zu Ort, als suche er etwas. Er trat leise auf; wenn er sprach, sprach er mit gedämpfter Stimme; und nur dadurch, daß sie ganz auf diese stille Art einging, vermochte die Tochter allmählich wieder einen Verkehr mit ihm herzustellen. Jetzt half sie ihm suchen. Jedes Wort der Mutter wurde wieder hervorgeholt; alles, was sie gewollt hatte, wurde zur Richtschnur, nach der sie fortan lebten. Das Zusammenleben der Mutter mit der Tochter, bei dem der Vater bisher außen gestanden hatte, wurde jetzt erst so recht durchlebt. Vom ersten Augenblick an, dessen sie sich als Kind entsinnen konnte, wurde alles wieder vorgenommen; ihre Lieder wurden gesungen, ihre Gebete gebetet; die Predigten, die sie am liebsten gehört hatte, wurden eine nach der anderen vorgelesen, und alle ihre Worte und Auflegungen treulich ins Gedächtnis zurückgerufen. Also in Wirksamkeit gesetzt, empfand er bald das Verlangen, das Land wiederzusehen, wo er sie gefunden hatte, um auch dort auf dieselbe Weise ihren Spuren nachzugehen. Sie gingen auf Reisen. Und dadurch, daß er so ihr ganzes Leben ungeteilt in sich aufnahm, gesundete er wieder. Ihm, der selbst wieder Anfänger wurde, ging der Sinn auf für alles um ihn her, was da in seinen Anfängen lag,—für die großen nationalen, für die kleineren politischen Ideen: und das gab ihm ein Stück seiner eigenen Jugend wieder. Seine Kräfte kamen zurückgeströmt, und mit ihnen all die heißen Hoffnungen von ehedem. Jetzt wollte er das Wort Gottes verkünden, und zwar so, daß es zum Leben vorbereitete und nicht nur zum Tode!

Doch bis er sich wieder mit dieser seiner neuen geliebten Tätigkeit in seiner Bergheimat einschloß, wünschte er noch einen weiteren, tieferen Blick in das zu tun, was draußen sich regte. So waren sie also noch weiter in der Welt herumgefahren, und lebten jetzt ihren großen Erinnerungen.

Unter diesen Menschen lebte Petra.

Neuntes Kapitel

Drei Jahre später, an einem Freitag kurz vor Weihnachten, saßen die beiden jungen Mädchen in der Dämmerstunde beisammen. Eben war der Propst mit seiner Pfeife eingetreten. Der Tag war verflossen, wie so ziemlich jeder Tag dieser letzten zwei Jahre—morgens ein Spaziergang, nach dem Frühstück eine Stunde Musizieren, Klavierspiel und Gesang, darauf Sprach- und anderer Unterricht und zuletzt ein bißchen Haushaltungsarbeit. Nachmittags beschäftigte jeder sich auf seinem Zimmer; Signe heute gerade wieder mit einem Brief an Ödegaard, nach dem Petra übrigens niemals fragte, wie sie überhaupt niemals von der Vergangenheit hören mochte. In der Dämmerung waren sie Schlitten gefahren, und jetzt saß man zusammen, um zu plaudern oder zu singen oder später vorzulesen. Dazu fand sich der Propst stets ein. Er las ausgezeichnet, und ebenso Signe. Petra lauschte beiden ihre Art und Weise und besonders ihre Aussprache ab. Signes Aussprache und Tonfall hatten für ihr Ohr einen solchen Wohllaut, daß es noch, wenn sie allein war, in ihr nachklang. Überhaupt schwärmte Petra so für Signe, daß ein Mann schon den vierten Teil für die glühendste Liebe gehalten hätte; Signe wurde auch oft ganz rot dabei. Bei diesen abendlichen Vorlesungen—Petra selbst war nie zum Lesen zu bewegen—hatte man die Hauptdichter der norwegischen Literatur durchgenommen und war nach und nach weiter in die große Weltliteratur geraten. Am liebsten lasen sie dramatische Werke. Eben als man die Lampen anzünden und anfangen wollte, kam die Köchin herein und sagte, draußen sei jemand, der Petra einen Gruß ausrichten wolle. Es stellte sich heraus, daß es ein Matrose aus ihrer Vaterstadt war, den ihre Mutter beauftragt hatte, Petra aufzusuchen, da er zufällig in die Gegend kam. Er war über eine Meile zu Fuß gewandert und mußte schleunigst wieder umkehren, weil sein Schiff gleich darauf unter Segel ging. Petra begleitete ihn ein Stück, um ein bißchen länger mit ihm zu plaudern; er war ein ehrlicher Mensch, den sie von früher her kannte. Der Abend war ziemlich finster; auch auf dem Pfarrhof waren alle Fenster dunkel, außer im Waschhaus, wo große Wäsche war. Auf der Landstraße war kein einziges Licht zu sehen, kaum daß man den Weg selbst sah; denn der Mond hatte sich noch nicht über die Berge emporgeschlängelt. Trotzdem ging Petra tapfer mit, sogar bis in den Wald hinein, obwohl es zwischen den Bäumen unheimlich düster war. Besonders eine Nachricht hatte sie interessiert. Der Matrose hatte ihr nämlich erzählt, Pedro Ohlsens Mutter sei gestorben, und er habe sein Haus verkauft und sei hinaufgezogen zu Gunlaug, wo er in Petras Giebelstube hause. Das war nun schon fast zwei Jahre her, und dabei hatte die Mutter dies mit keinem Wort erwähnt. Jetzt endlich ging Petra ein Licht auf, wer die Briefe für die Mutter schrieb; vergebens hatte sie sie immer wieder danach gefragt; denn in jedem Brief stand am Schluß: "Auch einen Gruß von dem, der den Brief geschrieben hat." Der Matrose war von der Mutter beauftragt, zu fragen, wie lange Petra noch im Pfarrhause bleiben wolle und was für Absichten sie für später habe. Auf die erste Frage antwortete Petra, das wisse sie nicht, und als Erwiderung auf die zweite Frage ließ sie der Mutter sagen, es gäbe in der Welt nur eins, was sie gern möchte, und wenn sie das nicht werden könne, so sei sie unglücklich fürs ganze Leben; sie könne aber vorläufig noch nicht sagen, was es sei.

Während Petra mit dem Matrosen schwatzte, saßen der Propst und Signe im Wohnzimmer und sprachen von Petra, an der sie beide ihre Herzensfreude hatten. Da kam der Großknecht herein, und nachdem er den Tagesbericht erstattet hatte, fragte er, ob die Herrschaft eigentlich wisse, daß die fremde Jungfer nachts an einer Strickleiter aus ihrem Fenster und wieder hinauf klettere. Er mußte es dreimal wiederholen, bis einer von den beiden begriff, was er da sagte; er hatte ebensogut erzählen können, sie klettere an den Mondstrahlen auf und ab. Es war dunkel im Zimmer, und jetzt wurde es ganz still; nicht einmal des Propstes Pfeife war zu hören. Endlich fragte der Propst mit einem gewissen dumpfen Klang in der Stimme: "Wer hat das gesehen?"—"Ich hab's gesehen. Ich war gerade auf und fütterte die Pferde; es mag wohl so um eins 'rum gewesen sein."—"An einer Strickleiter ist sie hinuntergeklettert?"—"Und wieder hinauf."—Abermals lange Pause. Petras Zimmer lag im Oberstock,—das Eckzimmer, das auf die Einfahrt hinausging. Sie war die einzige, die oben schlief; niemand außer ihr wohnte nach dieser Seite zu. Ein Mißverständnis konnte also nicht obwalten. "Sie wird's im Schlaf getan haben", sagte der Knecht und wollte sich davonmachen.—"Aber die Strickleiter—die kann sie doch nicht im Schlaf gemacht haben", sagte der Propst. "Das dacht' ich mir eben auch; und darum sagt' ich mir: es wird schon das beste sein, ich sag's dem Hausvater; sonst hab' ich keinem davon gesagt."—"Hat es außer Dir noch jemand gesehen?"—"Nein; aber wenn der Hausvater mir nicht glaubt, so muß die Strickleiter mein Zeuge sein; wenn sie die nicht oben liegen hat, dann werd' ich ja wohl falsch gesehen haben."—Der Propst stand sogleich auf. "Vater!" bat Signe. "Mach' Licht!" antwortete der Propst in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. Signe zündete selbst das Licht an. "Vater!" bat sie noch einmal, als sie es ihm reichte. "Solange sie in meinem Hause ist, bin ich auch ihr Vater. Es ist meine Pflicht, die Sache zu untersuchen." Der Propst ging mit dem Licht voran. Signe und der Großknecht hinterdrein. In dem kleinen Zimmer war alles in Ordnung; nur auf dem Nachttisch lag ein ganzer Stapel von Büchern, das eine aufgeschlagen über dem andern. "Liest sie des Nachts?"—"Ich weiß nicht; aber vor eins macht sie nie das Licht aus." Der Propst und Signe sahen einander an. Um zehn, halb elf abends ging man im Pfarrhaus auseinander, und um sechs, sieben Uhr versammelte man sich morgens. "Weißt Du davon?" Signe antwortete nicht. Aber der Großknecht, der in einer Ecke kniete und kramte, sagte: "Sie ist doch nicht allein."—"Was sagst Du da?" "Freilich, es ist immer einer bei ihr, mit dem sie redet; manchmal machen sie einen Heidenlärm; ich hab' oft gehört, wie sie gebettelt und gedroht hat. Wahrscheinlich hat irgendein Kerl sie in seiner Gewalt, das arme Wurm!" Signe wandte sich ab; der Propst war totenblaß geworden.

"Und da ist auch die Leiter", fuhr der Großknecht fort. Er zog sie hervor und stand auf. Zwei Wäscheleinen, zusammengehalten durch eine dritte, die an die eine geknotet war, dann quer zur anderen hinüberlief, dort ebenfalls festgeknotet war und so, in der Breite von etwa einer halben Elle, stufenweise fort, bis die Leiter fertig war. Alle betrachteten sie aufmerksam. "War sie lange fort?" fragte der Propst. Der Großknecht sah ihn an. "Wie denn fort?"—"Ich meine, ob sie lange fortblieb, nachdem sie die Leiter hinuntergeklettert war?" Signe zitterte vor Angst und Kälte. "Sie ist doch gar nicht weggegangen; sie ist gleich wieder hinaufgeklettert."—"Wieder hinauf? Wer ist denn weggegangen?"—Signe machte eine Bewegung und brach in Tränen aus. "Den Abend war keiner da; das ist gestern gewesen."—"Also war sonst keiner auf der Strickleiter? Bloß sie?"—"Ja, sonst keiner."—"Und sie ist hinuntergeklettert und gleich wieder hinauf?"—"Ja."—