"Sie hat sie also nur probieren wollen", sagte der Propst und es war, als atme er ein bißchen erleichtert auf. "Jawohl, bis sie jemand anders dran 'raufklettern läßt", fügte der Knecht hinzu. Der Propst sah ihn an. "Du meinst, dies wäre nicht die erste, die sie gemacht hat?"—"Nein. Wie sollte denn sonst jemand zu ihr herauf kommen?"—"Hast Du schon lange gewußt, daß jemand zu ihr kommt?"—"Erst seit diesem Winter, als sie immer so spät in die Nacht hinein Licht hatte; vorher ist mir's nie eingefallen, nachzusehen." Der Propst fragte streng: "Also den ganzen Winter hast Du es schon gewußt? Weshalb hast Du mir's nicht schon eher gesagt?"—"Ich hab' geglaubt, es wär' jemand vom Haus, der bei ihr sei. Aber wie ich sie gestern Nacht auf der Leiter sah, da kam ich erst drauf, daß es jemand anders sein müsse."—"Ja, es ist leider kein Zweifel—sie hat uns alle getäuscht." Signe blickte flehend auf. "Sie müßte vielleicht nicht so weit weg von den andern schlafen", meinte der Großknecht, während er die Strickleiter zusammenwickelte. "Sie sollte eigentlich überhaupt nicht mehr in diesem Hause schlafen!" sagte der Propst und ging. Die anderen folgten ihm. Aber als sie wieder unten waren, und er das Licht hingestellt hatte, warf Signe sich an seine Brust. "Ja, mein Kind, das ist eine arge Enttäuschung!"
Eine Weile darauf saß Signe in der Sofaecke, ihr Taschentuch vor die Augen gepreßt; der Propst hatte seine Pfeife angesteckt und ging unruhig auf und ab. Da hörten sie aus der Küche ein Geschrei, ein hastiges Laufen auf der Treppe und Getrappel oben im Flur. Sie eilten beide hinaus. In Petras Zimmer brannte es. Von der Kerze war ein Funken in die Ecke gefallen—denn dort war das Feuer entstanden—hatte sich im Nu die Tapete entlang gefressen, das Holzwerk am Fenster erreicht, und dort hatte ein Vorübergehender es bemerkt und war sofort ins Waschhaus gerannt, wo die Mägde bei der Wäsche waren. Das Feuer war bald gelöscht. Aber auf dem Lande, wo alles jahraus, jahrein seinen gleichmäßigen Gang geht, bringt die geringste Störung die Gemüter in Aufruhr. Das Feuer ist ihr schlimmster und gefährlichster Feind, an den sie beständig denken, und wenn er wirklich eines Nachts kommt, sein Haupt aus dem Abgrund emporreckt und mit gierigen Zungen zischend nach Beute leckt, da erbebt alles und findet wochenlang keine Ruhe mehr, ja, manche ihr ganzes Leben lang nicht mehr.
Als der Propst und seine Tochter wieder im Wohnzimmer waren, wo jetzt die Lampen brannten, da war es beiden ganz unheimlich zumute, daß Petras Zimmer so rasch geräumt und jede Erinnerung an sie verbrannt war. Im selben Augenblick hörten sie Petras klare Stimme fragen und rufen; sie sprang die Treppe hinauf und wieder herunter, lief vom Boden in den Hausflur, vom Flur in die Küche und kam dann, noch in Hut und Mantel, in die Wohnstube gestürmt. "Gott, es hat ja in meinem Zimmer gebrannt!" Niemand antwortete; aber sie fuhr in einem Atem fort: "Wer ist oben gewesen? Wann ist es denn geschehen? Wie ist das Feuer ausgekommen?" Er selbst sei oben gewesen, antwortete jetzt der Propst, er habe etwas gesucht; dabei sah er sie scharf an. Aber Petra verriet nicht durch das mindeste Zeichen, daß sie dabei etwas Auffallendes finde, zeigte auch keinerlei Besorgnis, daß man irgend etwas gefunden haben könne. Sie schöpfte nicht einmal Verdacht, als Signe gar nicht von ihrer Sofaecke aufblicken wollte. Sie glaubte, es sei noch der Schreck vom Brande her, und fragte in einem fort, wie es entdeckt und gelöscht worden sei, wer es zuerst gesehen habe, und als ihr nicht rasch genug Bescheid wurde, stürzte sie wieder hinaus, wie sie hereingekommen war. Bald kam sie wieder dahergestürmt, diesmal ohne Hut und Mantel, und erzählte dem Propst und Signe, wie alles zugegangen und daß sie selber den Feuerschein gesehen und furchtbar schnell gelaufen sei; aber jetzt sei sie nur froh, daß es nicht schlimmer sei. Währenddem legte sie vollends ab, trug die Sachen hinaus, kam wieder herein und setzte sich auf ihren Platz am Tisch, ununterbrochen berichtend, was der gesagt und jener getan hatte; das ganze Haus stand ja auf dem Kopf, und das machte ihr den größten Spaß. Als die andern immer noch stumm blieben, klagte sie, daß ihnen nun der ganze Abend verdorben sei; sie hätte sich doch so schrecklich auf "Romeo und Julia" gefreut, was sie eben lasen; gerade heut abend habe sie Signe bitten wollen, die Szene, die ihr am besten gefiele vom ganzen Stück, nämlich Romeos Abschied von Julia auf dem Balkon, noch einmal zu lesen. Mitten in ihrem Redestrom erschien ein Mädchen aus der Waschküche, um zu sagen, es fehlten Wäscheleinen; ein ganzes Bund sei fortgekommen. Petra wurde puterrot und sprang auf: "Ich weiß, wo sie sind; ich hole sie." Sie machte ein paar Schritte auf die Tür zu; da fiel ihr der Brand ein; sie blieb stehen und errötete noch tiefer: "Ach Gott, die sind gewiß verbrannt! Sie lagen in meinem Zimmer!" Signe hatte sich nach ihr umgewandt; der Propst blickte sie von der Seite durchdringend an. "Wozu brauchst Du denn Wäscheleinen?" Sein Atem flog; er konnte kaum sprechen. Petra sah ihn an; sein furchtbarer Ernst machte ihr beinahe Angst; im nächsten Augenblick jedoch reizte er sie zum Lachen. Ein paar Sekunden kämpfte sie dagegen an, aber als sie ihn dann noch einmal ansah, brach sie in ein so herzhaftes Gelächter aus, daß sie überhaupt nicht mehr aufhören konnte; von bösem Gewissen war darin so wenig wie in einem rieselnden Bach. Signe hörte das am Klang und schnellte vom Sofa auf: "Was ist denn? Was ist denn?" Petra wandte sich ab, lachte, hüpfte, duckte sich und wollte zur Tür hinaus. Aber Signe vertrat ihr den Weg: "Was ist es, Petra? So rede doch!" Petra versteckte sich hinter ihr, als wolle sie sich ganz verkriechen, lachte aber immer weiter, ganz maßlos. Nein, so benimmt sich die Schuld nicht, das wurde doch auch jetzt dem Propst klar. Und er, der noch eben auf dem Sprung gewesen war, sich in ein Toben der Wut hineinzusteigern, stürzte sich statt dessen kopfüber ins Lachen; und Signe mit ihm. Nichts in der Welt ist so ansteckend, wie Lachen, und vor allem ein Lachen, das so ganz unfaßlich ist. Die vergeblichen Versuche, die bald der Propst, bald Signe machten, zu ergründen, worüber sie eigentlich lachten, steigerte die Heiterkeit bis ins Ausgelassene. Die Magd, die noch immer wartete, fing zuletzt ebenfalls an, mitzuwiehern; sie hatte das sonderbare Grubenlachen, das immer wie ein Aus-der-Tiefe-Emporwinden und -Keuchen klingt; und da sie selber fühlte, daß es nicht recht unter so feine Möbel und Menschen paßte, machte sie, daß sie zur Tür hinauskam, um in der Küche erst recht loszuplatzen. Natürlich steckte sie die draußen auch an; bald wälzte sich eine wahre Sturmflut von Gelächter auch zur Küche heraus, in der man noch weniger wußte, worüber man eigentlich lachte, und das entfachte wiederum das Gelächter im Zimmer aufs neue.
Schließlich, als alle schon ganz krank vor Lachen waren, machte Signe einen letzten Versuch, endlich hinter die Ursache dieser Heiterkeit zu kommen. "Jetzt aber mußt Du's mir sagen!" rief sie und hielt Petra bei den Händen fest. "Nicht um alles in der Welt!"—"Ach Du, ich weiß schon, was es ist!" rief Signe wieder. Petra sah sie an und schrie auf; aber Signe rief: "Und Vater weiß es auch!" Diesmal schrie Petra nicht mehr; sie brüllte und riß sich los, kam auch glücklich bis zur Tür; aber da erwischte Signe sie wieder. Petra drehte sich um, um mit ihr zu ringen; sie wollte fort, um jeden Preis. Sie lachte, während sie miteinander kämpften; aber an ihren Wimpern hingen Tränen. Da ließ Signe sie los. Petra stürzte hinaus, Signe hinter ihr drein, und beide verschwanden in Signes Zimmer. Dort fiel Signe Petra um den Hals, und die umschlang sie mit beiden Armen. "O Gott, so wißt Ihr es?" flüsterte sie. Und Signe flüsterte zurück: "Ja, wir waren oben mit dem Großknecht; er hat Dich gesehen. Und wir haben die Strickleiter gefunden!" Abermaliges Aufschreien und abermalige Flucht; aber diesmal bloß in die Sofaecke, wo sie sich versteckte; gleich war Signe bei ihr, und sich halb über sie neigend, berichtete sie Petra flüsternd von der ganzen Entdeckungsreise samt ihren brenzlichen Folgen. Was sie vor kurzem noch Tränen der Angst gekostet hatte, erschien ihr jetzt so komisch, daß sie es voller Humor erzählte. Petra hörte, hielt sich die Ohren zu, blickte auf und versteckte sich wieder. Als Signe fertig war und beide wieder im Dunkeln nebeneinandersaßen, flüsterte Petra: "Weißt Du, was ich gemacht hab'?… Ich kann unmöglich schon um zehn Uhr, wenn wir auf unser Zimmer gehen, schlafen; dazu hat das, was wir gelesen haben, noch viel zu viel Macht über mich. Und so lern' ich es auswendig; alles, was mir am besten gefällt. Ganze Szenen kann ich auswendig; und die sag' ich ganz für mich laut her. Als wir 'Romeo und Julia' lasen, da hatte ich das Gefühl, als gäb' es überhaupt auf der ganzen Welt nichts Schöneres; rein toll und verrückt war ich … ich mußte die Sache mit der Strickleiter probieren; nie ist mir vorher der Gedanke gekommen, daß man an einer Strickleiter auf- und abklettern kann. Ich erwischte ein paar Wäscheleinen… Und dabei steht der Spitzbub unten und guckt mir zu!… Ja, es ist gar nicht zum Lachen, Du! Schrecklich unweiblich ist es. Ich bleib' überhaupt mein Lebtag ein Junge! Und natürlich bin ich morgen das Gespött der ganzen Nachbarschaft!" Aber Signe, die aufs neue in einen Lachkrampf geraten war, fiel mit Küssen und Streicheln über sie her und stürzte dann davon: "Das muß ich Vater erzählen!"—"Bist Du verrückt, Signe?" Und so kamen sie, eine nach der andern, wieder ins Zimmer gestürmt, wie sie hinausgestürzt waren. Fast rannten sie den Propst über den Haufen, der gerade hinaus wollte, um zu sehen, was aus den beiden geworden war. Signe fing zu erzählen an, Petra schrie auf und stürzte wieder hinaus, wobei ihr dann einfiel, daß sie gerade hätte bleiben müssen, um Signe am Erzählen zu verhindern. Also wollte sie wieder hinein; aber der Propst hielt die Tür zu. Keine Möglichkeit, sie zu öffnen. Sie trommelte mit beiden Fäusten dagegen, sie sang, sie trampelte mit den Füßen, um Signe zu übertäuben, die nur umso lauter sprach; und als der Propst endlich alles gehört und ebenso herzlich und lustig wie Signe über diese neue Methode, Klassiker zu lesen, gelacht hatte, machte er die Tür auf; aber nun rannte Petra davon.
Nach dem Abendessen, zu dem Petra sich wieder eingestellt hatte, und bei dem sie vom Propst reichlich geneckt worden war, sollte sie zur Strafe alles aufsagen, was sie auswendig konnte. Und da zeigte es sich, daß sie wirklich alle die berühmtesten Szenen kannte; nicht bloß eine Rolle darin, sondern alle. Sie sagte sie her, als ob sie sie abläse; manchmal war es, als wolle sie Feuer fangen; aber sofort dämpfte sie es wieder. Kaum merkte das der Propst, als er auch schon mehr Ausdruck verlangte; aber sie wurde nur immer scheuer. Stundenlang ging das so weiter; sie konnte alle komischen Szenen und alle tragischen, neckische und ernsthafte. Ihr Gedächtnis war zum Bewundern und zum Lachen; sie selber lachte mit und verlangte, man solle sie nur weiter examinieren.
"Man könnte wirklich wünschen, die armen Schauspieler hätten bloß den zehnten Teil Deines Gedächtnisses!" sagte Signe.—"Gott verhüte, daß sie je Schauspielerin wird!" versetzte der Propst und wurde plötzlich ernst. "Aber, Vater! Wie kannst Du glauben, daß Petra an so was denkt!" erwiderte Signe lachend. "Ich kam bloß zufällig darauf, weil ich immer wieder gefunden habe, daß ein Mensch, der von Jugend auf sozusagen aufwächst mit der Poesie seiner Sprache, nie das Verlangen hat, zur Bühne zu gehen. Während einer, der nie viel gewußt hat von Poesie, bis er erwachsen ist, dafür schwärmt. Die so ganz plötzlich erwachte Sehnsucht ist es, die ihn verführt."—"Gewiß ist das wahr", versetzte der Propst. "Ein wirklich gebildeter Mensch geht wohl selten zur Bühne."—"Und noch seltener ein poetisch Gebildeter."—"Freilich. Und wenn es geschieht, so spielt irgendein Mangel an Charakter mit, der Eitelkeit und Leichtsinn die Oberhand gewinnen läßt. Ich habe viele Schauspieler gekannt, in meiner Studienzeit und auf Reisen; aber einen Schauspieler, der ein echt christliches Leben geführt hätte, den hat wohl noch kein Mensch gesehen. Zur Religion hingezogen können sie sich fühlen; das hab' ich selbst erlebt. Aber es ist in ihrem Beruf zu viel Unruhiges, Aufreibendes; sie können sich nicht konzentrieren, auch wenn sie schon längst die Bühne verlassen haben. So oft ich auch mit einem darüber gesprochen habe—jeder hat es zugegeben und es beklagt; aber gleich darauf hieß es: Wir müssen uns eben damit trösten, daß wir auch nicht schlimmer sind als wer weiß wie viele andere! Bloß, daß man das einen schlechten Trost nennen muß. Ein Leben, das sich nach keiner Richtung hin auf den Christen in uns aufbaut, das ist ein sündiges Leben.—Der Herr helfe ihnen und bewahre jedes reine Herz vor ihnen!"
* * * * *
Am Tag darauf, es war Sonnabend, war der Propst wie gewöhnlich schon vor sieben Uhr auf, machte seine Morgenrunde zu seinen Arbeitern und noch ein bißchen weiter hinaus und kam heim, als es eben hell werden wollte. Da sah er, gerade als er am Hause vorbei in den Hof einbiegen wollte, an der Erde etwas wie ein aufgeschlagenes Schreibheft, das man wahrscheinlich gestern aus Petras Fenster geworfen und nicht wieder gefunden hatte, weil es dieselbe Farbe hatte wie der Schnee. Er hob das Heft auf und ging damit in sein Studierzimmer. Als er es auseinanderklappte, um es zu trocknen, sah er, daß es ein verabschiedetes französisches Aufsatzheft war, in das jetzt Verse geschrieben waren. Es fiel ihm gar nicht ein, die Verse zu lesen; da fiel sein Blick auf das Wort "Schauspielerin", das an allen Ecken und Enden, kreuz und quer geschrieben stand,—auch in den Versen stand es da. Er setzte sich ordentlich hin, um sich die Sache genauer anzusehen. Nach allerhand Ansätzen und durchstrichenen Zeilen fand er folgende Reimerei, die trotz vieler Verbesserungen zu entziffern war:
Eines, du Trauter, bekenn' ich dir still,
Und das ist, was ich werden will.
Schauspielerin, das möcht' ich werden,
Zeigen der Welt in Wort und Gebärden
Möcht' ich die Frau, wie sie lacht vor Spott,
Leidet und liebt und betet zu Gott,
Wie sie ist, wenn sie reizend blickt,
Wie sie ist, wenn in Sünde verstrickt.
Vater im Himmel, ach, hilf mir zu werden,
Was mein einziger Wunsch auf Erden!
Und ein bißchen weiter unten: