Endlich stand da, mit großen Buchstaben, deutlich und mehrmals wiederholt, folgende Strophe, die sie irgendwo aufgestöbert haben mußte und hatte auswendig lernen wollen:
Ach, dem Großen gilt mein Drängen;
Schier die Brust will mir's zersprengen.
Höchstes Denken kühn zu wagen,
Kraft, um's kraftvoll vorzutragen,
Die verborgnen Quellen finden,
Balder lösen, Loke binden—
Dies in deiner Gnade gib
Du, der mir verlieh den Trieb!
Noch vieles andere stand da; aber der Propst las nicht weiter.
Also um Schauspielerin zu werden, war sie in sein Haus gekommen und hatte sich von seiner Tochter unterrichten lassen. Um dieses heimlichen Zieles willen hatte sie Abend für Abend so begierig gelauscht und nachher selber auswendig gelernt. Zum besten gehabt hatte Petra sie die ganze Zeit. Noch gestern, da sie ihnen alles zu offenbaren schien, hatte sie etwas verheimlicht; während sie am herzlichsten lachte, hatte sie gelogen.
Und dieses heimliche Ziel! Was der Propst so oft in ihrer Gegenwart verdammt hatte, schmückte sie zu einem göttlichen Beruf aus und wagte, Gott um seinen Segen dazu zu bitten! Ein Leben voller Äußerlichkeit und Eitelkeit, voll Eifersucht und Leidenschaft, voll Trägheit und Sinnlichkeit, voll Lüge und zunehmender Charakterlosigkeit, das alle Geier umkreisten wie ein Aas,—einem solchen Leben sich zu weihen, das war ihr Sehnen, das ihr Gebet zu Gott! Und dazu sollten er und sein Kind ihr verholfen haben, hier, in ihrem stillen Pfarrhause, unter der strengen Obhut einer erweckten Gemeinde.
Als Signe eintrat, klar, leicht wie der Wintermorgen, um dem Vater guten Tag zu sagen, fand sie das Studierzimmer ganz voll Rauch. War dies schon immer ein Zeichen von Gemütsverstimmung, so war es das doppelt so früh am Morgen. Er sagte auch kein Wort, sondern gab ihr nur das Heft. Sie sah sogleich, daß es Petra gehörte. Die Erinnerung an den Verdacht und den Kummer von gestern abend durchzuckte sie; sie mochte gar nicht hineinsehen; ihr Herz klopfte so heftig, daß sie sich setzen mußte. Doch dasselbe Wort, das der Propst zuerst wahrgenommen hatte, fiel auch ihr auf, sprang auch ihr in die Augen; sie mußte näher hinsehen; und dann las sie. Ihr erstes Gefühl war Scham, nicht für Petra, sondern weil der Vater das auch gelesen hatte.
Bald aber empfand sie die tiefe Demütigung, die darin liegt, sich von jemand, den man lieb hat, getäuscht zu sehen. Einen Augenblick will uns der Mensch, der das fertig gebracht hat, größer, klüger, erfinderischer als wir erscheinen, ja, er streift geradezu ans Geheimnisvolle. Bald aber sammelt sich die Seele wieder in Empörung; die Ehrlichkeit gewinnt Macht durch Kräfte, die, wenn auch unsichtbar, doch nicht geheimnisvoll sind; man fühlt in sich die Stärke, mit einem Schlag hundert kleinliche Ausflüchte zu zermalmen; man verachtet das, wodurch man sich eben, noch gedemütigt fühlte. Drin im Wohnzimmer hatte Petra sich ans Klavier gesetzt, und eben hörte man sie singen:
Auf ist der Tag und die Freude entbrannt,
Und des Mißmuts Wolkenburg stürmisch berannt,
Über den glühenden Bergen im Klaren
Lagern in Zelten des Lichtkönigs Scharen.
"Auf nun! Auf nun!" Vogel im Hag,
"Auf!" was singen und jubeln mag,
Auf zum Licht, meine Hoffnung!
Dann jagte es wie ein Sturm übers Klavier, und mitten heraus brauste ein zweites Lied:
Gut ist dein Rat!
Doch auf lockendem Pfad
Treib' ich mein Boot hinaus
In der Brandung Gebraus.
Und führt auch die Fahrt durch des Todes Tor—
Laßt mich kosten, was nie ich gekostet zuvor.