Nicht bloß zum Spiel
Such' ich mein Ziel,—
Will mit Sturmwogen ringen—
Will das Weltmeer bezwingen—
Will sehn, wie der Kiel sich zur Seite legt—
Muß versuchen, wie weit und wie lang er mich trägt!

Nein! Jetzt wurde es dem Propst zu bunt! Er riß im Vorbeigehen Signe das Heft aus der Hand; er stürmte nach der Tür; und diesmal hielt sie ihn nicht zurück. Er fuhr wie ein Pfeil auf Petra los, schleuderte das Heft vor sie hin aufs Klavier, machte Kehrt und rannte durchs ganze Zimmer auf und ab. Als er wieder umdrehte, war sie aufgestanden. Sie hielt das Heft an die Brust gepreßt und sah sich mit verstörten Blicken nach allen Seiten um. Er blieb vor ihr stehen, um ihr klaren Wein einzuschenken; aber sein Zorn, die Erbitterung, daß er über zwei Jahre lang sich von diesem verschlagenen jungen Ding hatte mißbrauchen lassen, und vor allem darüber, daß sie sein eigenes, warmherziges, hingebendes Kind zum besten gehabt hatte, empörte ihn so, daß er nicht gleich Worte fand. Und als er sie endlich fand, da fühlte er selber, daß sie zu hart waren. Als er noch einmal durchs Zimmer gestürmt war und ihr wieder gegenüber stand, mit blutrotem Gesicht, da wandte er ihr einfach den Rücken und ging ohne eine Silbe zu sagen in sein Studierzimmer zurück. Als er hinkam, war Signe fort.

Den ganzen Tag blieb jedes auf seinem Zimmer. Der Propst aß allein zu Mittag; keins der Mädchen erschien. Petra hielt sich im Zimmer der Wirtschafterin auf, das man ihr nach dem Brand vorläufig angewiesen hatte. Vergebens hatte sie Signe überall gesucht, um ihr alles zu erklären; Signe schien überhaupt gar nicht im Hause zu sein.

Petra fühlte—sie stand vor einer Entscheidung. Ihres Lebens heimlichster Gedanke war ihr entrissen, und man wollte sich einen Einfluß erzwingen, den sie nicht dulden konnte. Sie fühlte selbst am besten—wenn sie dies ihr Lebensziel aufgab, so war sie allen Winden des Zufalls preisgegeben. Sie konnte froh sein mit den Fröhlichen, vertrauensvoll mit den Vertrauenden; immer und überall sicher,—aber alles nur kraft jenes geheimen Ziels: einmal all das zu erreichen, dem ihre Fähigkeiten in heißem Sehnen entgegenwuchsen. Sich noch einmal jemand anvertrauen, nach jenem ersten, mißglückten Versuch in Bergen—nein, das konnte sie nicht, nicht einmal Ödegaard; sie mußte es allein in sich tragen, bis es so stark geworden war, daß es jedem Zweifel standzuhalten vermochte.

Aber jetzt war alles anders geworden. Unablässig stand das feuerrote Gesicht des Propstes vor ihrem aufgeschreckten Gewissen. Jetzt galt es, sich zu retten! Sie suchte Signe, immer hastiger, immer aufgeregter; aber schon war es Nachmittag, und immer noch war Signe nicht da. Je weiter ein Mensch, den wir suchen, sich uns entzieht, desto mehr vergrößern wir uns selbst die Ursache der Trennung; und so kam es, daß ihr endlich klar wurde: es war ein Verrat gewesen an Signe, ihre Freundschaft heimlich zu etwas zu mißbrauchen, was Signe für eine große Sünde hielt. Gott, der Allwissende, war ihr Zeuge, daß eine solche Auffassung der Dinge ihr bisher überhaupt nicht in den Sinn gekommen war. Wie eine große Sünderin kam sie sich vor.

Genau wie damals zu Hause fühlte sie sich wie zerschmettert und hatte doch noch kurz vorher überhaupt keine Ahnung davon gehabt! Daß dies Entsetzliche sich wiederholen konnte, daß sie noch keinen Schritt weitergekommen war, das steigerte ihre unsichere Angst bis zum Grausen. Aber in dem Maß, wie ihre eigene Schuld wuchs, wuchs das Bild Signes an Seelenreinheit und großherziger Hingebung. Ja, Signe hatte in Wahrheit glühende Kohlen auf ihr Haupt gesammelt. Am liebsten hätte sie sich ihr zu Füßen geworfen, sie angerufen, sie angebettelt, hätte nicht abgelassen mit Flehen, bis Signe ihr wieder einen einzigen guten Blick geschenkt!

Es war dunkel geworden. Jetzt mußte Signe doch endlich wieder da sein, wo sie auch sonst gewesen war! Petra lief hinunter, durch den Gang im Flügel, wo Signes Zimmer lag; die Tür war verriegelt. Also mußte sie drin sein! Ihr Herz klopfte, während sie nochmals die Klinke niederdrückte und bettelte: "Signe! Ich muß mit Dir reden! Ich halt' es nicht aus, Signe!"—Im Zimmer kein Laut. Petra bückte sich, horchte, klopfte. "Signe, Signe! Wenn Du wüßtest, wie unglücklich ich bin!"—Keine Antwort. Langes Horchen. Nichts. Wenn man lang gar keine Antwort erhält, so fängt man zuletzt zu zweifeln an, ob überhaupt jemand da ist, selbst wenn man es weiß; und wenn es dazu noch dunkel ist, so wird man noch ängstlich dabei. "Signe! Signe! Bist Du da? So hab' doch Erbarmen! Antworte doch!—Signe!" Es war und blieb still. Sie begann zu zittern und zu frösteln. Da ging die Küchentür auf mit einem breiten Lichtstreifen; leichte lustige Schritte liefen über den Hof. Das gab ihr einen Plan ein. Sie wollte ebenfalls auf den Hof, wollte auf den Vorsprung an der Steinmauer klettern, wo der Seitenflügel lag, und dann auf diesem Sims entlang um das ganze Gebäude gehen bis auf die andere Seite, wo es sehr hoch war. Und dann wollte sie in Signes Zimmer hineingucken!

Es war ein klarer Sternenabend; Berge und Häuser standen in scharfen Umrissen; sonst war nichts zu sehen; nur diese Umrisse. Der Schnee schimmerte; die dunkeln Pfade zwischendurch hoben seine Helle nur noch schärfer hervor. Von der Landstraße klang Schlittengeläut; das eilige Sausen, der Glanz wirkten ermunternd; Petra sprang auf den Sims. Sie wollte sich an den vorstehenden Balken der Holzverkleidung festhalten; aber sie verlor das Gleichgewicht und fiel wieder herunter. Jetzt holte sie eine leere Tonne und rollte sie an die Mauer, stieg hinauf und von der Tonne auf den Sims. Dort kroch sie auf Händen und Füßen ruckweise weiter, jedesmal etwa ein Viertelmeter. Es gehörten die starken Finger einer starken Hand dazu, um sich festzuhalten; denn die Balken sprangen kaum einen Zoll vor. Auch hatte sie Angst, man könne sie entdecken; denn natürlich würde man das gleich wieder mit der Strickleiter in Verbindung bringen. Wenn sie bloß erst von der Seite, die auf den Hof hinausging, weg und auf der Querwand war! Aber als sie endlich dort anlangte, drohte neue Gefahr: die Fenster waren nicht verhangen, und sie mußte sich ducken, während sie, in steter Angst zu fallen, vor den Fenstern vorüberkroch. An der Längswand wurde es immer höher; darunter, die ganze Mauer entlang, stand eine Stachelbeerhecke, die sie jedenfalls aufnehmen würde, wenn sie fiel. Aber sie hatte keine Angst mehr. Ihre Finger brannten, ihre Sehnen zitterten, der ganze Körper bebte; aber sie kletterte weiter. Jetzt nur noch ein paar Schritte und das Fenster war erreicht. Bei Signe brannte kein Licht, und der Vorhang war nicht herabgelassen. Der Mond schien voll ins Zimmer—sie mußte bis in den äußersten Winkel sehen können! Auch das gab ihr neuen Mut. Sie erreichte den Fenstersims, konnte sich endlich mit der Hand fest anklammern und ausruhen; denn nun, da sie am Ziel war, fing ihr Herz so heftig zu klopfen an, daß es ihr fast den Atem benahm. Aber je länger sie zauderte, desto schlimmer wurde es; also hieß es kurzen Prozeß machen… Und so beugte sie sich rasch entschlossen in voller Höhe gegen das Fenster. Ein gellender Schrei aus dem Zimmer war die Antwort. Signe hatte in der Sofaecke gesessen; jetzt stand sie mit einem Satz mitten im Zimmer, wehrte die grauenhafte Erscheinung in wildem Entsetzen ab und flüchtete. Diese Gestalt vor dem Fenster im Schein des Monds, diese rücksichtslose, widerwärtige Derbheit, das Gesicht, scharf vom Mond umrissen, erhitzt, funkelnd,—Petra begriff selbst mit Blitzesschnelle, daß ihr unglückseliger Einfall Signe nichts als Abscheu hatte einjagen können, ja, daß fortan ihr Bild vielleicht immer ein Schreckgespenst bleiben würde für Signe. Sie verlor das Bewußtsein und fiel mit einem durchdringenden Schrei hinunter. Die Leute im Hause waren auf Signes Ruf herbeigestürzt, hatten jedoch niemand gefunden. Da hörten sie wieder einen solchen Schrei; der ganze Hof lief zusammen, man suchte, man rief, ohne etwas zu finden; es war ein bloßer Zufall, daß der Propst aus Signes Fenster hinausblickte und im Mondschein Petra in den Büschen liegen sah. Eine große Angst überkam alle. Es kostete Mühe, sie von den Dornen loszumachen und hinaufzutragen. Man brachte sie in Signes Zimmer, weil die Stube der Wirtschafterin nicht geheizt war; man zog sie aus und brachte sie zu Bett, man wusch ihr Hals und Hände, die tüchtig zerkratzt waren, während wieder andere es recht warm und hell und behaglich im Zimmer machten. Als sie wieder zu sich gekommen war und sich umsah, bat sie, man möge sie allein lassen. Die ruhige Behaglichkeit des Zimmers, das feine Weiß, womit Fenster, Toilettentisch, Bett und Stühle behängt waren, mahnten unendlich wehtuend an Signe. Petra dachte an ihre reine Lieblichkeit, ihre stille Stimme, die einen so milchweißen Klang hatte, ihr feines Gefühl für die Denkart anderer, ihre weiche Güte. Und all das hatte sie selbst jetzt verscherzt. Bald mußte sie wieder aus diesem Zimmer, wie wohl überhaupt aus dem Hause. Und dann—wohin? Zum drittenmal wird man mich nicht von der Landstraße auflesen, und selbst wenn es geschähe—sie selber wollte nicht mehr. Es würde ja doch nur wieder dasselbe Ende nehmen. Kein Mensch konnte Zutrauen zu ihr fassen; was auch der Grund sein mochte … sie fühlte, es war so. Sie war ja auch noch keinen Schritt weiter gekommen; nie würde sie überhaupt einen Schritt weiter kommen. Denn ohne das Vertrauen der Menschen ging es nicht. Oh, wie sie betete, wie sie weinte! Sie wälzte und wand sich in ihrer Seelenqual, bis sie ganz erschöpft war und einschlief.

Und im Schlaf wurde sofort alles schneeweiß und allmählich auch seltsam hoch. Nie in ihrem Leben hatte sie eine solche Höhe und ein so lichtes Funkeln von Millionen Sternen gesehen.

Zehntes Kapitel