Noch als sie aufwachte, war sie dort oben; die Gedanken des Tages, die sofort auf sie einstürmten, wollten nach, wurden aber eingefangen und fortgetragen von etwas, das die ganze Luft erfüllte—von dem Glockengeläut des Sonntagmorgens. Sie sprang auf und zog sich an, holte sich aus der Speisekammer etwas Frühstück, packte sich warm ein und machte sich eilig auf den Weg,—so gedürstet nach Gottes Wort hatte sie noch nie! Als sie hinkam, hatte der Gottesdienst gerade angefangen, und die Tür war verschlossen; es war ein kalter Tag, und die Finger erstarrten ihr, als sie den Schlüssel anfaßte und umdrehte. Der Pfarrer stand gerade am Altar, sie blieb an der Tür stehen, bis er fertig war und der Küster ihm das Meßgewand abgenommen hatte; dann ging sie hinüber nach dem sogenannten Bischofsstuhl, der im Chor stand und mit Vorhängen versehen war. Der eigentliche Pfarrstuhl lag auf der Empore; wollte man aber aus irgendeinem Grunde lieber versteckt und allein sitzen, so nahm man seine Zuflucht zu dem Bischofsstuhl. Als sie gerade hineinschlüpfen wollte, sah sie Signe schon darin sitzen, in der äußersten Ecke. Sie trat einen Schritt zurück, aber gerade da drehte der Propst sich um, um vom Altar an ihr vorbei in die Sakristei zu gehen; sie ging eilig wieder in den Stuhl hinein und setzte sich ganz hinten in eine Ecke; Signe hatte ihren Schleier heruntergelassen. Das tat Petra weh. Sie schaute über die Gemeinde hin: in hohem Holzgestühl saßen rechts die Männer, links die Frauen eng nebeneinander; ihr Atem lag wie zitternder Nebel über ihnen, an den Fenstern war das Eis zolldick; die plump geschnitzten Holzstatuen, der schleppende, eintönige Gesang, die vermummten Menschen—das alles harmonierte miteinander; es war hart und unnahbar; ihr fiel der Eindruck ein, den die Natur an jenem Nachmittage, als sie Bergen verließ, auf sie gemacht hatte; sie war auch hier nur ein furchtsamer Wanderer.

Der Propst bestieg die Kanzel; auch er machte ein strenges Gesicht. Er betete: Führe uns nicht in Versuchung! Wir wissen, daß alle Gaben, die Gott uns verliehen hat, eine Versuchung bergen; er möge gnädig sein und uns nicht über unsere Kraft versuchen; wir sollen nie vergessen, ihn darum zu bitten; denn nur, wenn wir unsere Fähigkeiten ihm unterordnen, gereichen sie uns zum Heil. Die Predigt behandelte dieses Thema weiter, indem sie von unserer doppelten Lebensaufgabe ausging, daß erstens ein jeder seinen Lebensberuf da ausfüllen müsse, wohin ihn seine Fähigkeiten und seine Verhältnisse gestellt hätten,—und zweitens, daß man Christentum heranbilden müsse in sich selbst und in denen, die unserer Obhut anvertraut seien. Man müsse vorsichtig sein in der Wahl seines Lebensberufs, denn es gebe leider Berufe, die in sich selbst sündig seien, es gebe auch welche, die uns zur Sünde werden könnten, weil sie entweder nicht für uns paßten, oder doch unseren bösen Gelüsten allzusehr entgegenkämen. Weiter: so gewiß ein jeder versuchen müsse, nach seinen Fähigkeiten zu wählen, so gewiß könne eine solche Wahl, auch wenn sie richtig und gut sei, uns doch zur Versuchung werden, wenn wir, weil der Beruf uns zusage, unsere ganze Zeit und unsere ganzen Gedanken in seinen Dienst stellten. Das Christentum in uns dürfe nicht vernachlässigt werden, so wenig wie unsere Elternpflichten gegen unsere Kinder. Wir müßten uns in uns selbst konzentrieren können, damit der Heilige Geist ständig in uns wirke. Wir müßten die gute Saat des Christentums in unsere Kinder pflanzen und sie pflegen können. Es gebe keine Pflicht, keinen Vorwand, der uns hiervon zu befreien vermöchte, auch wenn die Gelegenheit abgewartet werden müsse.

Und dann ging er weiter,—ging auf die Berufe derer ein, die da saßen, ging in ihre Häuser, behandelte ihre Verhältnisse, ihre Ansichten. Dann führte er Beispiele aus anderen Lebensbedingungen an, aus höheren Wirkungskreisen, die ihre Streiflichter hierherwarfen. Der Propst war allen, die ihn im täglichen Leben kannten, ganz fremd von dem Augenblick an, da er auf der Kanzel auftauchte. Auch in seinem Äußern war er anders; sein verschlossenes, energisches Gesicht hatte sich geöffnet und ließ die Flut der Gedanken durchscheinen; sein Auge war lebhaft, es schaute fest und zielbewußt und brachte erhabene Kunde; all das Zottige, das wie zusammengerollt in seiner Natur lag, trat jetzt hervor gleich der Mähne eines Löwen; seine Stimme rollte wie ein langgezogener Donner dahin oder in kurzen, heftigen Wendungen, sank zuweilen auch einmal zu sanften Tönen herab, aber nur, um gleich wieder die Höhe zu erklimmen. Er konnte im Grunde nur in einem großen Räume reden, und wenn er für seine Gedanken die Unendlichkeit hatte; denn seine Stimme hatte keinen Wohllaut, bis sie laut sprach, sein Gesicht keine Klarheit, seine Gedanken keine treffende Deutlichkeit, bis sie in Feuer gerieten. Nicht als ob er das Thema dann erst gefunden hätte; nein, so gewiß wie der Schmerz große Schätze in diese Seele zusammengetragen hatte, so gewiß hatten das auch die Gedanken getan; er war ein strenger, verschlossener Arbeiter. Aber er war nicht immer gerüstet, er konnte im Gespräch keine Gedanken prägen; er mußte allein das Wort haben, mußte wenigstens auf und ab laufen können. Ein Wortgefecht mit ihm anzufangen, kam fast einem Überfall auf einen Wehrlosen gleich, war aber doch gefährlich; denn seine Überzeugung stand sofort und mit solcher Heftigkeit fest, daß er keine Zeit hatte, sie zu begründen; zwang man ihn doch dazu, so konnte zweierlei geschehen: entweder er übersprühte seinen Gegner so, daß dem Gegner ganz bange werden konnte, oder er schwieg eigensinnig, weil er sich selbst nicht traute. Keiner war leichter zum Schweigen zu bringen als dieser energische, beredte Mann.

Petra war erzittert, als der Propst sein Gebet begonnen, denn sie fühlte, woher er es genommen hatte. Je weiter er im Text kam, desto näher rückte er ihr; sie kroch in sich zusammen, und sie sah, wie Signe dasselbe tat. Aber unbarmherzig legte der Gewaltige los; der Löwe war auf Beute aus; sie kam sich wie von allen Seiten verfolgt, wie umzingelt und eingefangen vor,—aber was in Strenge angepackt wurde, hielt die Hand des Erbarmens milde fest. Es war, als werde sie—ohne ein Wort der Verdammung—von der allgütigen Liebe in den Arm genommen. Und da betete sie und weinte, und sie hörte Signe dasselbe tun und hatte sie lieb deswegen!

Als der Propst von seinem Thron der Wahrheit herunterkam, um sich in die Sakristei zu begeben, lag noch der Glanz der Begegnung mit dem Höchsten auf seinem Gesicht. Seine Augen fielen forschend gerade auf Petra, aber als sie ihn groß ansah, da glitt ein Strahl von Milde zu ihr hin; im Weitergehen blickte er rasch nach der Ecke, wo seine Tochter saß.

Signe erhob sich gleich darauf; den Schleier hatte sie vorm Gesicht, so daß Petra nicht zu folgen wagte. Deshalb ging sie später. Aber heute saßen sie wieder alle drei bei Tisch; der Propst sprach ab und zu, Signe aber war scheu. Sobald der Propst, der augenscheinlich die Rede auf das Vorgefallene bringen wollte, die leiseste Andeutung machte, wich Signe so schüchtern und zart aus, daß der Propst an ihre Mutter erinnert wurde,—er verstummte und wurde allmählich schwermütig. Dazu gehörte sehr wenig.

Nun gibt es nichts Peinlicheres als einen mißglückten Versöhnungsversuch. Man stand auf, ohne sich in die Augen blicken und sich gesegnete Mahlzeit wünschen zu können. Im Wohnzimmer wurde die Stimmung schließlich so gedrückt, daß sie alle drei gern hinausgegangen wären,—aber niemand mochte zuerst gehen;—Petra für ihr Teil hatte das Gefühl: wenn sie jetzt gehe, so gehe sie für immer. Sie konnte Signe nicht wiedersehen, wenn sie sie nicht liebhaben durfte; sie konnte es nicht ertragen, den Propst traurig zu sehen um ihretwillen. Aber mußte sie fort, dann ohne Abschied; denn wie hätte sie von diesen Menschen Abschied nehmen können? Schon der Gedanke peitschte sie in eine Erregung hinein, die sie nur mit äußerster Anstrengung zurückzuhalten vermochte.

Jede Minute, die eine solche drückende Stille verlängert, in der wir aufeinander warten, macht sie unerträglicher. Man kann sich nicht rühren, weil man fühlt, es wird bemerkt; jeder Seufzer ist zu hören; man hört sogar, wenn einer ganz ruhig ist; denn das hört sich an wie Härte. Man kommt in Spannung, weil nichts gesagt wird, und man zittert davor, daß etwas gesagt werden wird.

Jeder fühlte, dieser Augenblick komme nie wieder. Die Mauern, die man zwischen sich aufbaut, wachsen, unsere eigene Schuld wächst, die der andern wächst auch, wächst mit jedem Atemzuge; bald sind wir verzweifelt, bald empört; denn wer sich so gegen uns benimmt, ist unbarmherzig, ist schlecht; wir ertragen es nicht, wir können es ihm nicht verzeihen,—Petra hielt es nicht länger aus, entweder mußte sie aufschreien oder davonlaufen!

Da klang Schlittengeläut auf der Straße; bald sah man einen Mann im Wolfspelz auf einem Rennschlitten, auf dem hinten der Postillon saß, am Garten vorbei und in den Hof hineinsausen.—Alle atmeten erleichtert auf und lauschten der Erlösung entgegen! Sie hörten den Ankömmling auf dem Flur, wo er die Reisestiefel und den Pelz ablegte und mit dem Mädchen sprach, das ihm behilflich war; der Propst stand auf, um ihm entgegenzugehen,—kehrte aber wieder um, weil er die beiden Mädchen nicht allein lassen wollte;—wieder sprach der Fremde auf dem Flur, jetzt schon mehr in der Nähe, so daß beim Klang dieser Stimme alle drei aufsahen, Petra aber sich erhob und die Augen auf die Tür heftete.—Es klopfte;—"herein!" sagte der Propst aufgeregt,—ein Mann mit einem lichten Gesicht und einer Brille stand in der Tür, Petra stieß einen Schrei aus und sank wieder auf ihren Stuhl:—das war ja Ödegaard.