Er kam dem Propst und Signe nicht unerwartet; man hatte auf sein Kommen zu Weihnachten gerechnet, obwohl niemand Petra etwas davon gesagt hatte; aber daß er gerade jetzt kam, war eine Fügung des Schicksals,—das empfanden sie alle.

Petra sah und hörte nichts, bis er vor ihr stand und ihre Hand gefaßt hatte. Er hielt sie lange in seiner, sagte aber kein Wort, auch sie nicht; sie konnte nicht einmal aufstehen. Aber während sie ihn anschaute, liefen ihr zwei Tränen die Backen herunter. Er war sehr blaß, sonst aber ganz ruhig und gütig; er zog seine Hand wieder zurück und ging dann durch das Zimmer auf Signe zu, die sich zwischen den Blumen ihrer Mutter in der äußersten Fensterecke verkrochen hatte.

Petra sehnte sich, allein zu sein; deshalb zog sie sich zurück. Signe hatte im Hause zu tun, so daß sich der Propst mit Ödegaard in sein Arbeitszimmer zu einem Glase Wein setzen konnte, das dem Reisenden not tat. Hier erfuhr er in Kürze, was die letzten Tage gebracht hatten; er wurde sehr nachdenklich, äußerte sich aber nicht darüber. Sie wurden übrigens auf seltsame Weise unterbrochen.

* * * * *

Am Fenster kamen zwei Frauen und drei Männer vorbei, je einer hinter dem andern, und kaum sah der Propst sie, als er aufsprang: "Da sind sie wieder!—Jetzt heißt's Geduld haben."—Herein kamen zuerst die Frauen, dann die Männer, langsam und schweigend. Sie stellten sich an der Wand unter dem Bücherregal auf, gerade gegenüber dem Sofa, auf dem Ödegaard saß. Der Propst setzte ihnen Stühle hin und holte noch ein paar aus dem andern Zimmer; sie setzten sich auch alle mit Ausnahme eines städtisch gekleideten jungen Menschen, der dankte und sich mit einem etwas trotzigen Gesicht, beide Hände in den Hosentaschen, an die Tür lehnte. Nach einer langen Pause, während der Propst seine Pfeife stopfte und Ödegaard, der nicht rauchte, die Leute sich näher betrachtete, begann schließlich eine blasse, blonde Frau von vielleicht vierzig Jahren das Gespräch. Ihre Stirn war sehr schmal, ihre Augen groß, aber scheu; sie wußten nicht recht, wo sie hinsehen sollten. Sie sagte: "Der Herr Pfarrer hat heute solch schöne Predigt gehalten; sie paßte so gut zu unsern Gedanken;—denn wir auf dem Hof haben letzthin viel von der Versuchung geredet."—Sie seufzte; ein Mann mit einem etwas kurz geratenen Untergesicht und einem großen, breiten Oberkopf seufzte auch: "Herr, bewache unsere Wege! Wende meine Augen ab, daß sie nicht auf eitle Dinge schauen!"—Und Else, dieselbe, die zuerst gesprochen hatte, seufzte wieder und sagte: "Herr, wie soll ein junges Menschenkind seinen Pfad rein halten, daß es wandelt nach Deinem Worte?"—Das klang in ihrem Munde etwas seltsam, denn sie war nicht mehr jung. Ein Mann in mittleren Jahren aber, der den Kopf schief hielt und sich in einem fort hin und her wiegte, wobei er seine Augenlider nie ganz aufschlug, sagte wie im Halbschlaf:

"Jedwedem, dem der Name Christ
Durch Jesu Tod gegeben,
Dem folget Satans Trug und List
Wohl durch sein ganzes Leben."

Der Propst kannte sie zu gut, um nicht zu wissen, daß dies bloß die Einleitung war; deshalb wartete er, als sei nichts gesagt worden, obwohl wieder eine lange Pause eintrat, die nur von Seufzern unterbrochen wurde.

Eine kleine Frau, die noch kleiner dadurch wurde, daß sie gebückt dasaß, und die in so unglaublich viele Tücher eingemummt war, daß sie wie ein Bündel aussah—ihr Gesicht war völlig verdeckt—fing jetzt an, auf ihrem Stuhl hin und herzurutschen, und gab schließlich ein paar "Hm, hm!" von sich. Sofort schrak die blonde Frau auf und sagte: "Auf dem Öyhof ist jetzt Schluß mit allem Spiel und Tanz;—aber——" sie hielt wieder inne, Lars dagegen, der Mann mit dem großen Oberkopf und der kurzen unteren Gesichtshälfte, fuhr fort: "—aber einer, der Spielmann Hans, der will nicht Schluß machen."—Als auch Lars über das weitere nachgrübelte, kam der junge Mensch ihm zu Hilfe: "Denn er weiß, daß auch der Herr Propst ein Instrument hat, nach dem hier im Pfarrhaus getanzt und gesungen wird."—"Das kann für ihn wohl keine größere Sünde sein als für den Herrn Propst", sagte Lars.—"Es liegt so, daß das Spielen beim Herrn Propst die andern in Versuchung führt", sagte Else behutsam, wie um ihnen vorwärts zu helfen. Der junge Mensch aber fügte kräftiger hinzu: "Es ärgert die Unmündigen, wie geschrieben steht: Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt, und er ersäufet würde im Meer, da es am tiefsten ist." Und Lars löste ihn ab: "Unser Anliegen an Dich ist also, daß Du Dein Instrument forttust oder es verbrennst, damit es nicht zum Ärgernis wird—"—"Für Deine Pfarrkinder", fügte der junge Mensch hinzu.

Der Propst dampfte und paffte und sagte schließlich in dem sichtbaren Bemühen, seine Ruhe zu bewahren: "Mir ist dies Spiel keine Versuchung, mir ist es eine Erquickung und eine Befreiung.—Nun wißt Ihr aber, daß alles, was unsern Geist frei machen kann, uns empfänglicher und verständnisvoller macht; deshalb glaube ich ganz gewiß, daß diese Musik mir eine Hilfe ist."—"Und ich weiß, es gibt Pfarrer, die nach Pauli Wort trotzdem darauf verzichten würden, wenn ihre Pfarrkinder sie darum bäten", sagte der junge Mensch.—"Vielleicht habe ich früher seine Worte auch in diesem Sinne aufgefaßt," antwortete der Propst, "aber jetzt nicht mehr. Man kann wohl auf eine Gewohnheit oder auf einen Genuß verzichten; aber man soll sich hüten, einseitig und beschränkt zu werden mit den Einseitigen und Beschränkten. Ich handle dadurch nicht allein unrecht an mir selbst, sondern auch an den Menschen, denen ich ein Beispiel geben soll; denn ich gebe ihnen ja ein falsches Beispiel, ein Beispiel gegen meine Überzeugung." Der Propst brachte selten außerhalb seiner Kanzel eine so lange Auseinandersetzung zustande. Er fügte hinzu: "Ich werde mein Instrument nicht weggeben und nicht verbrennen; ich will es noch oft hören, weil ich oft das Bedürfnis danach habe, und ich möchte wünschen, daß auch Ihr bisweilen in aller Unschuld Euren Geist freimachtet durch Gesang, durch Spiel und Tanz; denn ich halte das für gut und richtig."

Der junge Mensch beugte den Kopf zur Seite, "Pfui!" er spuckte aus.