Der Propst wurde blutrot im Gesicht, und es entstand eine Pause. Da setzte der Hin- und Herwiegende mit lauter Stimme ein:

"O Herr, wie schwach ist dieser Leib,
Denn nur mit Angst und Zagen
Kann arm und reich, kann Mann und Weib
Sein Kreuz geduldig tragen.
Denn Fleisch und Blut gebrechlich sind,
Das müssen wir alle sagen."—

Und dann Lars mit sanfter Stimme: "Also Du sagst, Spiel und Tanz sei richtig,—na!——Also es ist richtig, den Satan durch die Sinne aufzuwecken, na!—Also das sagt unser Herr Pfarrer,—na, dann wissen wir es ja!——Na, also er sagt, alles, was in Müßiggang und Sinnlichkeit geschieht, ist zur Erlösung und zur Hilfe da,——alles, was einen in Versuchung führt, ist richtig!"—Jetzt mischte sich aber Ödegaard ein, denn er sah dem Propst an, daß die Sache schief gehen würde: "Sag' mal, guter Mann, was führt uns denn nicht in Versuchung?"

Alle sahen dahin, woher diese sicheren, schneidigen Worte kamen. Die Frage an sich war so unerwartet, daß Lars im Handumdrehen nicht wußte, was er antworten sollte, auch die andern nicht. Da klang es wie aus einem Brunnen oder aus einem Keller heraus: "Das ist die Arbeit."—Die Stimme kam von den vielen Tüchern her; es war Randi, die zum erstenmal auch ein Wort sagte. Ein triumphierendes Schmunzeln zog über Lars' kurzes Untergesicht, die blonde Frau blickte zuversichtlich zu ihr hin, selbst der junge Mensch an der Tür verlor für einen Augenblick die spöttische Wölbung der Lippen. Ödegaard war es klar, daß dies das Haupt sein mußte, trotzdem es nicht zu sehen war. Er wandte sich deshalb an sie: "Wie muß denn die Arbeit beschaffen sein, damit sie uns nicht in Versuchung führt?" Sie wollte hierauf nicht antworten; der junge Mensch aber entgegnete: "Der Fluch lautet: im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brot essen; sie soll aber Schweiß und Mühe bringen."—"Und außer Schweiß und Mühe nichts? Zum Beispiel keinen Vorteil?"—Hierauf wollte auch er nicht antworten; aber nun fühlte sich das kurze Untergesicht berufen: "Doch, soviel Vorteil wie möglich."—"Aber dann muß doch auch in der Arbeit eine Versuchung liegen, nämlich die Lockspeise eines zu großen Vorteils." Bei dieser Umzingelung kam Entsatz aus der Tiefe: "So ist es der Vorteil, der uns versucht, und nicht die Arbeit."—-"Ja, aber was will das sagen, wenn die Arbeit um des Vorteils willen übertrieben wird?" Sie verkroch sich wieder; Lars aber wagte sich heraus: "Was heißt die Arbeit übertreiben?"—"Na, wenn sie Dich zu einem Tier macht, wenn sie Dich in Sklaverei bringt."—"Sklaverei muß sein", sagte der, der den Schweiß des Angesichts haben wollte.—"Aber kann Sklaverei zu Gott führen?"—"Arbeit ist Gottesdienst!" rief Lars.—"Kannst Du das von Deiner ganzen Arbeit sagen?" Lars schwieg.—"Nein, sei vernünftig und gib mir zu, daß um des Vorteils willen die Arbeit so übertrieben werden kann, als ob wir nur dafür lebten. Also liegt auch in der Arbeit eine Versuchung."—"Ja, eine Versuchung liegt in allem, Kinder,—eine Versuchung liegt in allem!" entschied jetzt der Propst, indem er aufstand und, als wolle er der Sache ein Ende machen, seine Pfeife ausklopfte. In den vielen Umschlagtüchern seufzte es, aber eine Antwort kam nicht.

"Seht," begann Ödegaard wieder,—und der Propst stopfte sich eine neue Pfeife,—"wenn nun die Arbeit einen Vorteil, das heißt Frucht bringt, so haben wir doch wohl das Recht, diese Frucht zu genießen? Wenn sie uns Reichtum bringt, haben wir doch wohl das Recht, diesen Reichtum zu genießen?"—Das erregte großes Bedenken; einer blickte den andern an. "Ich will antworten, während Ihr darüber nachdenkt", sagte er. "Gott hat uns die Möglichkeit gelassen, seinen Fluch in Segen zu verwandeln; denn er selbst leitete die Patriarchen und sein ganzes Volk zum Genuß des Reichtums an."—"Die Apostel durften nichts besitzen", warf der junge Mensch siegessicher ein.—"Ja, das stimmt; denn die wollte er über alle menschlichen Lebensbedingungen stellen, damit sie nur Gott schauen sollten;—sie waren berufen!"—"Wir sind alle berufen!"—"Aber nicht im gleichen Sinne; bist Du zum Apostel berufen?"—Der junge Mensch wurde leichenblaß, seine Augen unter der Stirnmauer verdüsterten sich; er mußte seinen Grund haben, sich das zu Herzen zu nehmen.

"Aber der Reiche soll auch arbeiten", meinte Lars; "denn Arbeit ist ein Gebot."—"Gewiß soll er das, wenn er auch andere Mittel und andere Aufgaben hat; jeder hat seine. Aber sag', soll der Mensch unaufhörlich arbeiten?"—"Er soll auch beten", fiel die blonde Frau ein und faltete die Hände, als komme ihr jetzt zum Bewußtsein, daß sie es zu lange versäumt habe.—"Also: immer wenn ein Mensch nicht arbeitet, soll er beten?—Kann ein Mensch das?—Was wäre das für ein Beten, und was wäre das für ein Arbeiten?—Soll er nicht auch ausruhen?"—"Wir sollen erst ausruhen, wenn wir nicht mehr können; dann werden wir nicht von bösen Gedanken versucht,—ja, dann werden wir nicht in Versuchung geführt!" sagte Eise wieder, und der Psalmist fiel ein:

"So gehet ein, ihr Müden,
In Jesu süßen Frieden,
Die Arbeit war so groß.
Die Zeit ist nicht mehr weit,
Da man für euch bereit't
Ein Bettlein in der Erde Schoß!"——

"Still, Erik, und hör' zu," sagte der Propst. Ödegaard aber zog jetzt die Schlinge zusammen: "Seht Ihr, die Arbeit trägt ihre Frucht und braucht ihre Rast. Nun aber ist meine Ansicht von Geselligkeit, von Sang und Spiel und dergleichen, daß sie nicht nur eine süße Frucht der Arbeit sind, sondern daß sie zugleich auch dem Geist eine erquickende Muße bieten."

Hier entstand eine Bewegung im Lager; alle sahen zu Randi hin, denn jetzt mußten die Haupttruppen heranrücken; sie wackelte und wackelte und schließlich kam es langsam und still heraus: "Weltlicher Sang und Spiel und Tanz sind keine Muße, denn das entfacht das Fleisch zu sündiger Begierde. Eine Frucht der Arbeit kann auch wohl so etwas nicht sein, das die Arbeit vergeudet und das verweichlicht."—"Ja, in so etwas liegt eine große Versuchung!" sagte die blonde Frau seufzend. Dabei fiel Erik der Vers ein:

"Mit Schmerz erkennen wir,
Daß ständig wachsen hier
Die Laster und Begierden,
Geschmückt gleich Tugendzierden,
Die leise uns umringen
Und sich zum Himmel schwingen—"