"Plato hatte gegen die Dichtung dieselben Einwendungen wie gegen das Schauspiel, und die Ansicht des Aristoteles steht nicht fest. Ich lasse diese beiden also aus dem Spiel. Die ersten Christen aber taten gut daran, sich den heidnischen Schauspielen fernzuhalten,—sie übergeh' ich ebenfalls. Daß ernsthafte Christen in neuerer Zeit ihre Bedenken auch gegen die Schauspiele gehabt haben, die christliche Stoffe behandeln, kann ich verstehen; ich habe selbst Bedenken gehabt. Aber wenn man zugibt, daß dem Dichter erlaubt sein soll, ein Drama zu schreiben, dann muß dem Schauspieler auch erlaubt sein, es zu spielen. Denn was tut der Dichter beim Schreiben anders, als daß er es spielt,—in seinen Gedanken, feurig, mit Lust, und 'wer ein Weib ansieht ihrer zu begehren' usw.—Ihr kennt Christi eigene Worte. Wenn Schleiermacher sagt, das Drama dürfe nur privatim und von Ungeübten gespielt werden, dann sagt er, daß die Gaben, die wir von Gott bekommen haben, vernachlässigt werden sollen, während es doch Gottes Wille ist, daß sie zur größtmöglichen Vollkommenheit gebracht werden; denn dazu haben wir sie erhalten. Wir alle schauspielern tagtäglich, indem wir andere nachmachen oder im Scherz oder Ernst eine fremde Meinung annehmen. Die Sache überwiegt bei einzelnen Menschen alle andern, und da möchte ich doch sehen, wenn man es unterließe, dies Talent zu pflegen, ob sich nicht bald von selbst herausstellen würde, daß gerade in der Unterlassung die Sünde liegt. Denn wer seinem Beruf nicht nachgeht, wird untauglich zu andern Dingen, wird unredlich, wankelmütig,—kurz, fällt allen Versuchungen viel leichter zur Beute, als wenn er seinem Berufe folgt. Wo die Arbeit und die Freude daran zusammenfallen, wird manche Versuchung ausgeschaltet.—Aber, mag man sagen, der Beruf ist an sich voller Versuchungen. Ja, darüber läßt sich streiten. Für mich liegt in dem Beruf die größte Versuchung, der einem den Glauben vorspiegelt, man sei selbst gerecht, weil man Kunde bringt von dem Allgerechten,—den Glauben, man selbst sei gläubig, weil man zu dem Glauben anderer redet, oder deutlicher: für mich liegt in dem Priesterberuf die größte Versuchung." (Großer Lärm: Ich leugne! Richtig! Ich leugne! Stimmt! Ruhe!) Der Kapitän: "Das habe ich noch nie gehört, daß die Pfarrer schlimmer sind als die Schauspieler!" Gelächter und Rufe von allen Seiten: "Nein, das hat er nicht gesagt." Der Kapitän: "Doch, zum Teufel—"—"Aber, Herr Kapitän, jetzt kommt der Teufel gleich!"—"Gut, mein Kind, schon gut!" Ödegaard nahm den Faden wieder auf: "All die Versuchung, sich vom Augenblick hinreißen zu lassen, in Hörlust und Phantasterei herabzusinken, ohne Arbeit an sich das Leben von Tugendhelden zu seinem eigenen zu machen, all das ist wahrhaftig auch in der Kirche zu finden!" (Derselbe fürchterliche Lärm.)

Die Damen aber konnten diesen wiederholten Lärm nicht hören, ohne dabei sein zu wollen. Jetzt wurde die Tür geöffnet. Ödegaard sah Petra zwischen den andern stehen und sagte mit lauterer Stimme: "Freilich gibt es Schauspieler, die sich auf der Bühne rühren lassen und von dort in die Kirche rennen und sich da auch rühren lassen,—und doch schlecht bleiben. Freilich gibt es Schauspieler, die hohle Sprachrohre sind, die sonst im Leben zu nichts zu gebrauchen gewesen wären, in diesem Beruf sich aber doch wenigstens als Sprachrohr nützlich machen. Aber meist ist es so, daß die Schauspieler gleich den Seeleuten oft in den bittersten Nöten stecken,—denn die Augenblicke vor dem Auftreten können entsetzlich sein!—und daß sie oft zu einem Werkzeug Gottes berufen sind, so oft dem Unerwarteten, dem Großen gegenüberstehen, daß sie in ihrem Herzen eine Furcht und eine Sehnsucht tragen, ein großes Gefühl des eigenen Unwertes, und wir wissen, daß Christus zu den Zöllnern und zu den reuigen Sünderinnen am liebsten kam. Ich gebe ihnen keinen Freibrief; wirklich, je größer die Aufgabe ist, die sie meines Erachtens im Lande haben,—was auch daraus erhellt, daß in einem Volke nicht viele große Schauspieler auf einmal leben!—desto größere Schuld laden sie auf sich, wenn ihr Wirken sie zur Gehässigkeit hinreißt oder sie in einen schlappen Leichtsinn hineinschleudert. Aber gleichwie es keinen Schauspieler gibt, der nicht aus einer Reihe von Enttäuschungen gelernt hat, wie nichtssagend Beifall und Schmeichelei sind, obwohl die meisten sich den Anschein geben, als glaubten sie daran,—so sehen wir wohl ihre Fehltritte und ihre Schwächen, aber wir kennen nicht ihr Verhältnis zu ihnen, und darauf kommt es doch an."

Viele meldeten sich zum Wort, sie fingen auch alle zugleich zu reden an, aber:

"Ich mag wohl vierzehn Jahre gewesen sein—" klang es vom Klavier her, und alles strömte ins andere Zimmer; denn Signe sang, und Signes schwedische Volkslieder waren das entzückendste, was man sich denken konnte. Ein Lied folgte dem andern, und als nun diese schönsten Volkslieder der Welt, die treulich Kunde bringen von der Seele eines großen Volkes, alle in erwartungsvolle Weihestimmung versetzt hatten, da stand Ödegaard auf und bat Petra, ein Gedicht vorzutragen. Sie mußte darauf vorbereitet sein, denn sie wurde feuerrot. Aber sie trat sogleich vor, obwohl sie so zitterte, daß sie sich an einer Stuhllehne festhalten mußte, dann wurde sie leichenblaß und fing an:

Ihm ward nicht verstattet, zu fahren hinaus;
Sein Vater war alt, seine Mutter war schwach,
Und die Wirtschaft ward größer allgemach:—
"Was brauchen ihn Wikingerfahrten zu scheren?
Hier hat er, was immer sein Herz kann begehren."

Doch der Bursch sah sehnend die Wolken fliehn,
Sah reisige Recken zur Walstatt ziehn;
Und sehnend gewahrt' er im Sonnenstrahl
Den König in seinem prangenden Saal.
Er stand, er vergaß der täglichen Pflichten,
Er stand und gedachte der alten Geschichten.

Ein Morgen kam, wo die Flucht er ergriff
Zur äußersten Klippe, zum offenen Meer,
Zu schaun auf das Spiel um Strand und Riff,
Zu lauschen dem Dröhnen der Brandung umher.
Es war ein Tag in des Lenzes Beginn,
Wo der Sturmwind ruft übers Land dahin:
Du sollst nicht mehr schlafend im Eise stocken!—
Da mußt' ihn ein Bild zum Wagnis verlocken.

Da lag ein Langschiff in stahlgrauer Bucht,
Ausruhend von feindlicher Stürme Wucht.
Die Segel gerefft vor Anker lag's,
Schien aber sich wenig zu freuen des Tags;
Denn die Segel zuckten, der Mast war gebogen,
Und den schaukelnden Bug umschäumten die Wogen.

Man gönnte sich kurze Rast an Bord;
Wer grade nicht schmauste, der schlummerte dort.
Da hörten sie rufen herab von den Klippen—
Fast klang's wie ein Wort von des Wahnsinns Lippen—:
"Ist keinem auf haushohen Wogen geheuer,
Mich drängt es danach;—drum gebt mir das Steuer!"

Empor zu dem Berghang blickten ein paar;
Sonst wandte sich keiner herum von der Schar,
Und keiner ließ sich die Eßlust rauben.
Da fiel ein Stein; zwei mußten dran glauben.