Er hatte gegen Signe große Verpflichtungen; denn ihr verdankte er das, was er "seinen neuen Menschen" nannte. Der erste Brief, den er in seinem großen Schmerz von Signe bekam, hatte ihm wie eine weiche Hand über die Stirn gestrichen. So schonend erzählte sie, Petra sei zu ihnen gekommen, mißverstanden und mißhandelt. So fein war ihre Auslegung, daß dies zufällige Kommen wie eine Fügung Gottes erschien, "weil nichts zerbrechen soll", ihm klang es wie fernes Locken aus einem Walde, wenn man noch steht und über den Weg nachsinnt, den man gehen soll.
Signes Briefe folgten ihm überall, wohin er reiste; sie waren der Faden, der ihn hielt. Jede ihrer Zeilen hatte den Zweck, Petra direkt in seine Arme zu führen, und doch erreichte sie gerade das Gegenteil; denn Petras Künstlernatur trat ihm durch diese Briefe klar vor Augen; den Mittelpunkt ihrer Begabung, den er selbst vergebens gesucht, hatte Signe unbewußt stets vor Augen, und sowie er das einsah, sah er auch ihren und seinen Irrtum ein und wurde gewissermaßen ein neuer Mensch dadurch.
Er hütete sich wohl, Signe von dem zu schreiben, was ihre Briefe ihn gelehrt hatten. Das erste Wort durfte nicht von Petras Umgebung kommen, sondern von ihr selbst, damit nichts überstürzt werde. Aber von dem Augenblick an, da ihm dies klar geworden war, hatte er auch Petra in einem neuen Licht gesehen. Natürlich: diese ewig sich jagenden Impulse, von denen jeder einzelne voll empfunden war, alle aber in einem großen Widerspruch zueinander standen, das mußte ja der Anfang eines Künstlertums sein. Es hieß also, dies alles zu einer starken Wesenseinheit zu sammeln; sonst würde alles Stückwerk und ihr Leben selbst nur Kunst. Also: nicht zu früh hinein in die Bahn! Solange wie möglich schweigen, ja Widerstand.
Von all dem ganz erfüllt, merkte er selbst nicht, daß Petra wieder unausgesetzt seine Seele beschäftigte,—diesmal jedoch mit einem fremden Ziel. Er nahm die Kunst um sich herum aufs Korn, besonders aber die Künstler und unter ihnen vor allem die Schauspieler. Er sah vieles, was einen Christenmenschen abschrecken mußte. Er sah die ungeheuren Mißstände. Aber sah er dasselbe nicht überall, sah er es nicht auch in der Kirche? Weil da hohle Pfaffen standen, nannte man ganz dasselbe groß und ewig. Wenn das Streben nach Wahrheit, das überall sich regte, im Leben und in der Dichtung Macht bekam,—konnte es dann nicht auch bis zum Theater vordringen?
Er war allmählich seiner Sache sicher geworden. Mit großer Freude sah er aus Signes Briefen, daß Petra sich sehr heranbildete und daß Signe die rechte war, ihr dabei zu helfen. Jetzt war er gekommen, um diesen Schutzgeist, der selbst nicht wußte, was er ihm gewesen war, zu sehen und ihm zu danken.
Aber er war auch gekommen, um Petra wiederzusehen. Wie weit war sie vorgeschritten? Das Wort war ausgesprochen, er konnte also offen mit ihr darüber reden; das war ihnen auch beiden willkommen; dann brauchten sie ja doch nicht von der Vergangenheit zu sprechen.
Indessen, sie wurden bald durch Gäste aus der Stadt gestört, gebetene und ungebetene! Die Dinge standen da aber schon so, daß ein einziger, wohlgenutzter Zufall Klarheit bringen konnte,—und dazu verhalfen die Gäste. Es wurde nämlich eine große Gesellschaft veranstaltet, und auf dieser Gesellschaft, gleich nach Tisch, als die Herren im Arbeitszimmer saßen, kam das Gespräch auf die Schauspielkunst; denn ein Stiftskaplan hatte auf dem Schreibtisch eine christliche Ethik aufgeschlagen gesehen und war auf das entsetzliche Wort "Schauspiel" gestoßen. Es entspann sich ein heftiges Wortgefecht, und mitten hinein kam der Propst, der nicht mit bei Tisch hatte sein können, weil er zu einem Kranken gerufen worden; er war sehr ernst gestimmt, er aß nicht, er nahm auch nicht an dem Gespräch teil, aber er stopfte seine Pfeife und hörte zu. Sowie Ödegaard merkte, daß der Propst still da saß und dem Gespräch folgte, mischte er sich hinein, versuchte aber lange vergeblich, Zusammenhang in die Sache zu bringen; denn der Stiftskaplan hatte die Angewohnheit, so oft ein Glied in der Beweiskette geknüpft werden sollte, zu rufen: "Ich leugne!" (er wollte nicht sagen: verleugne), und dann mußte das, was beweisen sollte, erst selbst bewiesen werden; es ging infolgedessen rückwärts; man war vom Schauspiel schon auf die Schiffahrt gekommen und wollte, um in der Schiffahrt einen Beweis führen zu können, eben zum Ackerbau übergehen.
Nun, da ernannte Ödegaard den Propst zum Wortführer. Außer ihm waren noch einige Pfarrer anwesend, sowie der Kapitän, ein kleiner schwarzhaariger Mann mit einem riesigen Bauch und ein paar kleinen Beinen darunter, die wie Trommelschlägel wirbelten. Ödegaard erteilte dem Stiftskaplan das Wort, damit er alles vorbringen könne, was er gegen das Schauspiel einzuwenden habe. Der Stiftskaplan nahm das Wort:
"Schon rechtschaffene Heiden waren gegen das Schauspiel wie Plato und Aristoteles, weil es die Sitten verderbe. Sokrates sah sich freilich ab und zu ein Schauspiel an, will aber jemand daraus den Schluß ziehen, daß er es billigte, so leugne ich das, denn man muß vieles sehen, was einem nicht gefällt. Die ersten Christen wurden eindringlich vor dem Schauspiel gewarnt, siehe Tertullian! Seitdem das Schauspiel in neuerer Zeit wieder aufgelebt ist, haben ernste Christen dagegen gesprochen und geschrieben. Ich nenne Namen wie Spener und Francke; ich nenne einen christlichen Ethiker wie Schwarz, ich nenne Schleiermacher. ('Hört, hört!' rief der Kapitän, denn diesen Namen kannte er.) Die letzten beiden räumen die Zulässigkeit dramatischer Dichtung ein, Schleiermacher ist sogar der Ansicht, in Privatgesellschaften dürfe von Dilettanten eine gute Dichtung aufgeführt werden; er verurteilt aber den Schauspielerberuf. Der Stand der Schauspieler hat für einen Christen so mannigfaltige Versuchungen, daß er ihn meiden soll.—-Aber ist es nicht auch für die Zuschauer eine Versuchung? Von erdichtetem Leiden gerührt, von erdichtetem Tugendheldentum erhoben zu werden, dessen man sich beim Lesen leichter erwehren kann, verlockt zu dem Glauben, man selbst sei das, was man sieht; das schwächt den Willen, die Arbeit an sich selbst, das zieht uns herab zu Hörlust, Schaulust und Phantasterei. Habe ich nicht recht? Wer ist hauptsächlich in der Komödie zu finden? Müßiggänger, die sich unterhalten wollen, Wollüstige, die aufgereizt, Eitle, die selbst gesehen werden wollen, Phantasten, die aus dem wirklichen Leben, mit dem sie's nicht aufzunehmen wagen, hierherflüchten. Sünde hinter dem Vorhang, Sünde vor dem Vorhang! Ich habe nie einen ernsthaften Christen anders reden hören!"
Der Kapitän: "Da kann einem ja angst und bange vor einem selbst werden. Bin ich immer, wenn ich in der Komödie war, in so einer Wolfshöhle gewesen, dann soll der Teufel—"—"Pfui, Herr Kapitän", sagte ein kleines Mädchen, das mit ins Zimmer geschlüpft war; "Du darfst nicht fluchen, denn sonst kommst Du in die Hölle!"—"Ja, mein Kind, natürlich, natürlich."—Ödegaard aber nahm das Wort: