"Ist Gott für mich, so trete
Gleich alles wider mich,
So oft ich ruf und bete,
Weicht alles hinter sich!"

"Das stimmt, Erik,—diesmal hast Du's getroffen!" "Ja, wartet mal", sagte Ödegaard, als sie sich zum Gehen wandten; "es ist nicht zu verwundern, daß Ihr mich nicht kennt; aber ich dürfte auf den Ödhöfen doch wohl Verwandte haben." Alle wandten sich nach ihm um, selbst der Propst, der es wohl gewußt, aber völlig vergessen hatte. "Ich heiße Hans Ödegaard, der Sohn von Knut Hansen Ödegaard, dem Propst, der damals mit dem Ränzel auf dem Rücken von Euch fortzog."—Da klang es aus den vielen Tüchern heraus: "Herr Gott,—das ist ja mein Bruder."—Sie waren alle stehen geblieben, aber keiner wußte, was er sagen sollte. Schließlich fragte Ödegaard: "Also bin ich damals, wo ich als kleiner Bursch Vater hinaufbegleitete, bei Dir gewesen?"—"Ja, bei mir."—"Und eine Zeitlang auch bei mir", sagte Lars; "Dein Vater ist mein Schwesterkind."—Randi aber sagte wehmütig: "Also Du bist der kleine Hans;—ja, ja, die Zeit vergeht."—"Wie geht es Eise?" fragte Ödegaard.—"Dies ist Eise", sagte Randi und zeigte auf die blonde Frau.—"Du bist Eise!" rief er. "Du hattest damals einen Liebeskummer; Du wolltest den Dorfspielmann haben; hast Du ihn gekriegt?" Niemand antwortete. Obwohl es schon dämmerig war, sah er, wie Eise sehr rot wurde, und wie die Männer zur Seite oder zu Boden blickten,—ausgenommen der junge Mensch, der Eise fest ansah. Ödegaard merkte, daß er etwas Törichtes gefragt hatte; der Propst kam ihm zu Hilfe: "Nein, der Spielmann Hans ist unverheiratet geblieben; Eise hat Lars' Sohn bekommen; aber jetzt ist sie wieder frei, sie ist Witwe."—Wieder wurde sie glühend rot, der junge Mensch sah es und lächelte spöttisch.

Randi aber sagte: "Ja, Du hast wohl weite Reisen gemacht? Du hast viel gelernt, wie ich gehört habe."—"Ja, bis jetzt habe ich studiert oder bin gereist, aber nun will ich im Lande bleiben und mich nützlich machen."—"Ach ja, so geht's—manche reisen weit und kommen zum Licht und zur Gelehrsamkeit; andere kleben an der Scholle." Und Lars fügte hinzu: "Die heimische Erde ist oft schwer zu brechen. Bringt sie aber einen Mann hervor, der Hilfe leisten kann, so zieht er von dannen."—"Der Beruf ist verschieden; jeder muß dem seinen folgen", sagte der Propst.—"Mit unsers Herrgotts Hilfe wird schon Arbeit mehrend zu Arbeit kommen", sagte Ödegaard; "meines Vaters Wirksamkeit wird Euch vielleicht auch noch einmal zugute kommen, so Gott will."—"Ach ja, das mag wohl sein", sagte Randi sanft; "aber das Warten fällt oft schwer; denn es dauert so lange."

Sie schieden; der Propst stellte sich an das eine, Ödegaard an das andere Fenster, um ihnen nachzuschauen; denn jetzt mußten sie über die Berge; der junge Mensch ging hinterher. Ödegaard erfuhr, er stamme aus der Stadt, wo er alles mögliche getrieben habe, doch immer mit den Leuten in Streit geraten sei. Er glaubte sich zu etwas Großem berufen, vielleicht zum Apostel, war aber seltsamerweise auf den Ödhöfen hängen geblieben,—manche meinten aus Liebe zu Eise. Er war ein Feuerkopf, der viele Enttäuschungen erlebt hatte und dessen noch mehr harrten.

Sie kamen jetzt auf dem Berge zum Vorschein; das Dach des Kuhstalls verdeckte sie nicht mehr. Sie arbeiteten sich mühselig empor, verschwanden hinter Bäumen und kamen wieder heraus, immer höher und höher. Es führte kein Weg durch den tiefen Schnee, die Bäume waren die Wegweiser in der Wüste, und zur Seite zeigten die Firnen ihnen die Richtung nach ihrer Wohnstätte.

Drinnen aus der Stube aber kamen ein paar trillernde Akkorde und dann:

Mein Lied ist dem Frühling ergeben,
Bevor er erwachte zum Leben.
Mein Lied ist dem Frühling ergeben,
Wie Sehnsucht ihn sehnet herbei,
Da schließen ein Bündnis die zwei,
Zu locken die Sonne zum Siege,
Damit ihr der Winter erliege,
Das Murmeln der Bäche zu wecken,
Damit sie im Chor ihn erschrecken
Zu bannen ihn flugs aus den Lüften
Mit stetigen Blumen duften.—
Mein Lied ist dem Frühling ergeben!

Elftes Kapitel

Seit diesem Tage war der Propst sehr wenig mit den andern zusammen; teils nahm ihn das Weihnachtsfest in Anspruch, teils konnte er nicht zur Klarheit kommen, ob das Schauspiel den Christen erlaubt sei oder nicht; sowie sich Petra nur sehen ließ, wurde er unruhig.

Während der Propst so in seinem Arbeitszimmer saß, seine Predigten oder eine christliche Ethik vor sich, saß Ödegaard bei den jungen Mädchen, zwischen denen er ständig Vergleiche ziehen mußte. Petra sprühte und war, sich nie gleich; wer ihr folgen wollte, wurde wie bei einem Buch in steter Spannung gehalten. Signe dagegen war so wohltuend in ihrer gleichmäßigen Innigkeit; ihre Bewegungen waren nie überraschend; denn sie spiegelten ihr Wesen wieder. Petras Stimme konnte jede Färbung annehmen, grelle und weiche, und jeden Stärkegrad. Signes Stimme hatte einen eigenen Wohllaut, war aber nicht wechselnd,—außer für den Vater, der meisterlich die Nuancen unterscheiden konnte. Petra blieb bei einer Sache; war sie bei mehr Dingen, so geschah's, um zu beobachten, nicht um zu helfen. Signe hatte auf alles und auf alle ein Auge und verteilte sich, ohne daß man es merkte. Sprach Ödegaard mit Petra über Signe, so hörte er eine hoffnungslos Liebende klagen, sprach er aber mit Signe über Petra, so wurde sie ziemlich einsilbig. Miteinander plauderten die Mädchen häufig und ungezwungen; aber immer nur über Gleichgültiges.