In der Pause, die jetzt folgte, und in der kein Seufzer zu hören war, merkte man, wie die vielen Tücher sich abmühten, und schließlich hörte man ein zaghaftes: "Es steht geschrieben: Was Du aber tust, das tu zu Gottes Ehre;—sind aber weltlicher Gesang, Spiel und Tanz zu Gottes Ehre?"

"Ohne weiteres nicht;—aber können wir dieselbe Frage nicht beim Essen, beim Schlafen, beim Anziehen stellen? Und doch müssen wir das alles tun. Es kann also nur gemeint sein, daß man nichts tun soll, was Sünde ist."—"Ja, ist das denn aber keine Sünde?"

Zum erstenmal wurde Ödegaard ein bißchen ungeduldig. Er beschränkte sich deshalb darauf, zu sagen: "Wir lesen in der Bibel, daß Gesang, Spiel und Tanz Brauch waren."—"Ja, zu Gottes Ehre."—"Nun ja, zu Gottes Ehre. Aber daß die Juden immer und in allem den Namen Gottes im Munde führten, geschah aus dem Grunde, weil sie wie Kinder die Dinge noch nicht eingeteilt hatten. Den Kindern ist jeder fremde Mensch, der Mann",—auf die Frage des Kindes: "Woher kommt dies, woher kommt das?' antworten wir immer dasselbe: 'von Gott'; aber als Erwachsene Erwachsenen gegenüber nennen wir zugleich das Zwischenglied, wir nennen nicht bloß den Geber, Gott. So kann zum Beispiel ein schönes Lied von Gott handeln oder zu Gott führen, auch wenn Gottes Name nicht genannt ist; denn gar vieles führt zu ihm hin, wenn auch nicht auf dem direkten Wege. Unser Tanz, wenn in Wahrheit gesunde, unschuldige Menschen ihre Freude an ihm haben, preist—wenn auch nicht direkt—ihn, der uns die Gesundheit schenkte, und der das Kind in uns liebt."

"Merkt Euch das, merkt Euch das!" sagte der Propst; er war sich klar, daß er lange Zeit diese Dinge mißverstanden und sie andern falsch ausgelegt hatte.

Lars aber hatte lange nachdenklich dagesessen. Jetzt war er fertig. Das Samenkorn hatte sich von der hohen Stirn zu dem kurzen, knorrigen Untergesicht herabgesenkt; hier war es ausgedroschen und gemahlen worden und kam jetzt heraus: "All die Märchen und Erzählungen und Geschichten, all die Gedichte und das erfundene Zeug, wie es heutzutage die Bücher füllt,—ist das auch erlaubt? Steht nicht geschrieben: Jedes Wort, das aus Deinem Munde gehet, sei Wahrheit?"

"Es freut mich, daß Du darauf kommst.—Siehst Du, mit den Gedanken ist es genau wie mit dem Hause, in dem Du wohnst. Wäre es so eng, daß Du kaum mit dem Kopf hineinkönntest und nur eben die Beine ausstrecken, so müßtest Du es auch wohl ausbauen. Und die Dichtung erhebt die Gedanken und baut sie aus. Wäre das Maß der Gedanken, das über das Allernotwendigste hinausgeht, Lüge, so würden bald auch die allernotwendigsten Gedanken Lüge werden. Sie würden Dich so einklemmen in Dein Erdenhaus, daß Du nie die Ewigkeit erreichtest, und doch geht Dein Weg dahin, und die Gedanken sollten Dich im Glauben dahin führen."—"Aber etwas Erdichtetes ist doch etwas, was nicht gewesen ist, und dann ist es doch Lüge?" sagte Randi nachdenklich.—"Nein, es zeigt uns oft eine größere Wahrheit, als die Dinge, die wir sehen", antwortete Ödegaard. Jetzt blickten ihn alle zweifelnd an, und der junge Mensch warf ein: "Ich habe bis jetzt nicht gewußt, daß in den Sagen von Askelad mehr Wahrheit ist, als in dem, was ich mit meinen Augen sehe!"—Alle lachten leise.—"So sage mir, ob Du immer den Zusammenhang dessen begreifst, was Du vor Augen siehst?"—"Ich bin wohl nicht gelehrt genug?"—"Oh, ein Gelehrter begreift ihn gewiß noch viel weniger! Ich meine nämlich solche Dinge des täglichen Lebens, die uns Kummer und Herzeleid machen, und über die wir grübeln, bis wir schwarz werden, wie man so sagt. Kommt so etwas nicht vor?"—Er antwortete nicht; aus den vielen Tüchern heraus aber ertönte es in tiefem Ernst: "Doch, sehr oft."—"Wenn Du nun aber eine erfundene Geschichte hörtest, die Deiner eigenen so gliche, daß Du Deine Geschichte verständest, wenn Du die andere hörtest? Würdest Du von der Geschichte, die Dir Deine eigene klar macht, die Dir den Trost und die Festigung gibt, die im Verständnis liegen,—nicht sagen, die Geschichte habe für Dich größere Wahrheit als Deine eigene?" Die blonde Frau sagte: "Ich habe einmal eine Geschichte gelesen, die mir über einen großen Kummer so hinweggeholfen hat, daß das, was mich bisher so bedrückt hatte, mir fast eine Freude wurde." Aus den Tüchern heraus erscholl ein Räuspern;—"ja, es ist doch wahr", fügte sie ängstlich hinzu.

Der junge Mensch aber wollte es nicht zugeben: "Können die Sagen von Askelad einem Menschen zum Trost gereichen?"—"Nun, je nachdem. Der Humor hat große Macht, und jene Sagen zeigen lustig, daß einer, von dem die Welt am wenigsten hält, oft am weitesten kommt,—daß alles dem beisteht, der selbst guten Muts ist, und daß der Mann vorwärts kommt, der es von ganzem Herzen will. Meinst Du nicht, es ist für viele Kinder gut, wenn sie daran erinnert werden, und für viele Erwachsene auch?"—"Aber es ist doch Aberglauben, wenn man an den Teufel und an Hexerei glaubt."—"Wer hat gesagt, daß Du daran glauben sollst? Das ist Bilderschrift."—"Aber es ist uns verboten, Bilder und Zeichen zu gebrauchen, weil jeglicher Schein dem Teufel zugehört."—"So; wo steht das?"—"In der Bibel."—Hier fiel der Propst ein: "Nein, das ist ein Mißverständnis; denn die Bibel gebraucht selbst Bilder."—Alle blickten zu ihm auf. "Sie gebraucht auf jeder Seite Bilder, wie das überhaupt den morgenländischen Völkern eigen ist. Wir haben selbst auch Bilder in unserer Kirche, wir haben Bilder in unserer Sprache, in Holz, auf Leinwand, in Stein, und wir können uns die Gottheit nur durch Bilder vorstellen. Nicht genug damit: Jesus wendet Bilder an; hat Gott der Herr selbst nicht mancherlei Gestalt angenommen, wenn er sich den Propheten offenbarte? Kam er nicht in Gestalt eines Wanderers zu Abraham nach Mamre und aß mit ihm an seinem Tisch? Kann aber die Gottheit mancherlei Gestalten annehmen und Bilder gebrauchen, so können die Menschen es auch."—Man mußte ihm beipflichten. Ödegaard aber stand auf und schlug den Propst leicht auf die Schulter: "Schönen Dank, da haben Sie eben ganz prächtig aus der Bibel bewiesen, daß das Schauspiel zulässig ist!"—Der Propst blieb erschrocken stehen: der Rauch, den er im Munde hatte, quoll ganz von selbst langsam heraus.

Ödegaard ging dann durch die Stube auf die Frau mit den vielen Umschlagtüchern zu und bückte sich, um eine Spur ihres Gesichts zu entdecken, allein vergeblich. "Möchtest Du noch mehr wissen?" fragte er; "denn Du scheinst über dies und jenes nachgedacht zu haben."—"O Gott sei mir gnädig, ich denke wohl nicht immer das richtige."—"Ja,—in der ersten Zeit nach der Gnade der Bekehrung ist man so erfüllt von diesem Wunder, daß einem alles andere zwecklos und unrichtig erscheint. Man ist wie ein Liebhaber, der nur nach seiner Geliebten Sehnsucht hat."—"Ja, aber sieh die ersten Christen an, die sollen uns doch ein Beispiel sein."—"Nein, ihre strengen Lebensbedingungen mitten unter den Heiden sind nicht mehr die unseren; wir haben andere Aufgaben, wir müssen das Christentum in unserem heutigen Leben unterbringen."—"Aber im Alten Testament stehen so viele Worte, die dem, was Du sagst, widersprechen", sagte der junge Mensch zum erstenmal ohne Bitterkeit.—"Ja, denn jene Worte sind jetzt tot, sie sind abgeschafft', wie der Apostel Paulus sagt: Welcher auch uns tüchtig gemacht hat, das Amt zu führen des Neuen Testaments; nicht des Buchstabens, sondern des Geistes,—und weiter: Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Und: Ich habe es alles Macht, sagt Paulus weiter, doch er fügt hinzu: Es frommt aber nicht alles.—Nun sind wir so glücklich, das Leben eines Mannes vor Augen zu haben, das uns zeigt, was Paulus gemeint hat. Luthers Leben. Von Luther glaubt Ihr doch, daß er ein guter, aufgeklärter Christ war?" Ja, das glauben sie.—"Luthers Glaube war ein lichter Glaube, es war der Glaube des Neuen Testamentes! Er hatte von dem finsteren Glauben die Ansicht, dahinter liege der Teufel am liebsten auf der Lauer. Er hatte von der Furcht vor der Versuchung die Ansicht, daß der am wenigsten versucht wird, der sich am wenigsten fürchtet. Er nutzte alle Gaben, die Gott ihm gegeben hatte, auch die Fähigkeit, sich zu freuen, er nahm das Leben als Ganzes. Wollt Ihr Beispiele? Der fromme Melanchthon schrieb einmal so eifrig an einer Verteidigung der reinen Lehre, daß er sich die Zeit zu den Mahlzeiten nicht gönnte. Da nahm Luther ihm die Feder aus der Hand. 'Man dient Gott nicht allein durch Arbeit,' sagte er, 'sondern auch durch Ruhe und Erholung; deshalb hat Gott das dritte Gebot gegeben und den Sabbat eingesetzt,' Und weiter: Luther wandte in seiner Rede viele Bilder an, scherzhafte und ernste durcheinander, und er steckte voll von guten, oft sehr lustigen Einfallen. Er übersetzte auch alte, schöne Volkssagen in seine Muttersprache und sagt in der Vorrede, daß er nächst der Bibel kaum bessere Ermahnungen kenne als diese. Er spielte, wie Ihr vielleicht wißt, die Laute, und sang mit seinen Kindern und seinen Freunden,—nicht bloß Choräle, nein, auch alte, fröhliche Lieder; er liebte Gesellschaftsspiele, spielte Schach und ließ die Jugend in seinem Hause tanzen; er verlangte nur, daß alles in Zucht und Ehren geschehe. Dies hat ein alter, treuherziger Schüler Luthers, nämlich der Pfarrer Johann Mathesius, aufgezeichnet und seinen Pfarrkindern von der Kanzel herab erzählt. Er betete, er möge ihnen die Wege weisen,—und wir wollen nun das gleiche beten!"

Der Propst stand auf: "Liebe Freunde, jetzt wollen wir es für heute genug sein lassen!" Alle erhoben sich. "Hier ist manches Wort zur Aufklärung gesprochen worden; möge Gott seinen Segen zu dieser Aussaat geben!—Liebe Freunde, Ihr wohnt an abgelegenen Stätten; Ihr wohnt hoch oben auf den Höhen, wo der Frost das Korn häufiger mäht als die Sichel. Solche Einöden sollte man wieder den Sagen und dem weidenden Vieh überlassen. Das geistige Leben gedeiht spärlich da oben und wird kümmerlich wie die Kräuter. Das Vorurteil drückt auf das Leben wie die Berge, unter denen es heranwächst; sie werfen ihre Schatten darauf und treten trennend dazwischen. Der Herr sammle, der Herr erleuchte Euch!—Ich danke Euch für heute, meine Freunde! Auch mir hat dieser Tag zu größerer Klarheit verhelfen." Er gab jedem von ihnen die Hand, und selbst der junge Mensch streckte ihm seine Hand freundlich hin, ohne jedoch aufzublicken.

"Ihr müßt über die Berge;—wann kommt Ihr denn nach Hause?" fragte der Propst, als sie gehen wollten.—"Ach, in der Nacht wohl," antwortete Lars; "es hat sich jetzt viel Schnee angesammelt, und wo der fortgeweht ist, liegt Höckereis."—"Ja, liebe Freunde, es ist aller Ehren wert, unter solchen Umständen zur Kirche zu kommen. Möget Ihr jetzt auf dem Wege nicht zu Schaden kommen!"—Erik antwortete leise: