Für den nächsten Morgen war die Abreise angesetzt. Bei der letzten Mahlzeit nahm der Propst sehr zärtlich von ihr Abschied. Er sei mit ihrem Freunde einig darin, sagte er, daß sie so beginnen müsse, wie sie nun einmal sei, und allein beginnen. In dem Kampf, der ihr bevorstehe, werde sie erfahren, wie gut es tue zu wissen, daß da irgendwo ein paar Menschen beieinander säßen, auf die sie sich verlassen könnte. Schon mit Bestimmtheit zu wissen, daß sie beständig für sie beteten,—das allein würde schon helfen, werde sie sehen!—Nach den Abschiedsworten an Petra bot er Ödegaard einen Willkommengruß. "In Liebe zu einem Menschen vereint zu sein, sei die schönste Einleitung, einander zu lieben." Der Propst dachte bei diesem Trinkspruch ganz gewiß nicht an das, was bei diesen Worten erst Signe und dann Petra erröten ließ; ob auch Ödegaard errötete, wußten sie nicht, denn keine wagte ihn anzusehen.
Aber als die Pferde vor der Tür standen und die drei Freunde das junge
Mädchen und alle Mägde und Knechte den Wagen umringten, da flüsterte
Petra, als sie Signe zum letztenmal umarmte: "Ich weiß, ich werde bald
eine große Neuigkeit von Euch hören; Gott segne Euch!"
Eine Stunde später zeigten ihr nur noch die weißen Gipfel, wo die Stätte war.
Zwölftes Kapitel
Eines Abends, kurz vor Weihnachten, war das Theater der Hauptstadt ausverkauft; eine neue Schauspielerin sollte auftreten, von der alles mögliche erzählt wurde. Aus dem Volke stammend—ihre Mutter sei eine arme Fischerfrau—sei sie mit Unterstützung anderer, denen ihre Fähigkeiten aufgefallen seien, jetzt soweit gediehen und solle zu den größten Hoffnungen berechtigen. Das Publikum tuschelte sich, bis der Vorhang aufging, mancherlei in die Ohren. Sie solle eine schreckliche Range und, seit sie erwachsen war, mit sechs Leuten auf einmal verlobt gewesen sein, und das ein halbes Jahr lang durchgeführt haben. Sie habe unter polizeilichem Schutz aus ihrem Heimatsort geleitet werden müssen, weil um ihretwillen die Stadt in hellen Aufruhr geraten sei; es sei merkwürdig, daß die Direktion eine solche Person auftreten lasse. Andere behaupteten, es sei kein Körnchen Wahrheit daran; sie sei von ihrem zehnten Jahre an bei einer stillen Pfarrerfamilie im Stifte Bergen erzogen worden; sie sei ein gebildetes, liebenswürdiges Mädchen, sie kennten sie genau, sie müsse ein unvergleichliches Talent haben; sie sei doch so hübsch.
Es gab aber Leute, die mehr wußten. Zunächst der über das ganze Land bekannte Fischgrossist—Yngve Vold. Er war ganz zufällig auf einer Geschäftsreise hier; man sagte freilich, die glutvolle Spanierin, mit der er verheiratet war, mache ihm zu Hause die Hölle so heiß, daß er nur reise, um sich abzukühlen. Heut hatte er sich die größte Loge des Theaters genommen und seine zufälligen Tischgenossen aus dem Hotel eingeladen, sich mal "was ganz Höllisches" anzusehen. Er war in glänzender Stimmung, bis er—war er das denn wirklich?—in einer Loge des zweiten Ranges, inmitten einer ganzen Schiffsmannschaft,—nein! doch!—ja natürlich, das war Gunnar Ask! Gunnar Ask, der mit dem Gelde seiner Mutter Eigentümer und Kapitän der "Norwegischen Verfassung" geworden war, hatte bei der Ausfahrt aus dem Fjord neben einem Schiff hergesegelt, das den Namen "Dänische Verfassung" führte; da kam es Gunnar vor, als wolle dies Schiff ihn überholen, und das konnte doch nicht gut angehen; er hißte alle Segel, die er hatte, es krachte in der alten Verfassung, und die Folge war, daß er, um so lange wie möglich den Wind auszunützen, das Fahrzeug an einer ganz ungeeigneten Stelle auf Grund rannte. Jetzt lag er unfreiwillig in der Stadt, während "Die norwegische Verfassung" geflickt wurde. Er hatte in der Stadt eines Tages Petra getroffen, die hinter ihm herkam und diesmal und später auch so lieb und nett zu ihm war, daß er nicht nur seinen Groll vergaß, sondern sich selbst das größte Hornvieh nannte, das aus ihrer gemeinsamen Vaterstadt je hervorgegangen sei, weil er sich habe einbilden können, er habe ein Mädchen wie die Petra verdient. Er hatte heute für seine ganze Schiffsmannschaft Billets zu erhöhten Preisen gekauft und saß nun da mit dem stillen Vorsatz, sie zwischen jedem Akt zu traktieren, und die Matrosen, die alle aus Petras Heimatstadt und in der Wirtschaft ihrer Mutter, diesem Paradies auf Erden, wohlgelitten waren, empfanden Petras Ehre als ihre eigene und nahmen sich gegenseitig das Versprechen ab, so zu klatschen, wie kein Mensch es je gehört habe.
Unten im Parkett aber sah man das harte, dichte Haar des Propstes. Er saß in aller Gemütsruhe da; er hatte ihre Sache einem Höheren anvertraut. Neben ihm saß Signe, jetzt Signe Ödegaard. Ihr Mann, sie und Petra waren gerade von einer dreimonatlichen Auslandsreise zurückgekommen; sie sah sehr glücklich aus und saß und lächelte zu Ödegaard hinüber; denn zwischen ihnen saß eine alte Frau mit schlohweißem Haar, das wie eine Krone über dem braunen Gesicht lag. Sie überragte alle Umsitzenden, sie konnte vom ganzen Hause gesehen werden, und bald waren auch alle Gläser auf sie gerichtet; denn man sagte, dies sei die Mutter der jungen Schauspielerin. Sie, die einen männlichen Namen führte, machte auch jetzt einen so gewaltigen Eindruck, daß sie ein Licht des Friedens auf die Tochter warf. Junge Menschen sind voller Erwartung; sie haben den Glauben an die Urkräfte ihrer Natur, und der Anblick dieser Mutter weckte den Glauben.
Sie selbst sah nichts und niemand; was das alles für Geschichten waren, kümmerte sie wenig; sie wollte bloß gern mit dabei sein, um zu wissen, ob die Leute gut gegen ihre Tochter seien oder nicht.
Jetzt mußte es gleich beginnen; das Geplauder erstarb in einer Spannung, die nach und nach alle erfaßte und sie gütig stimmte.
Mit einem starken Paukenschlag, mit Trommeln und Hörnern zugleich setzte die Ouvertüre ein. Adam Oehlenschlägers "Axel und Valborg" wurde gegeben, und Petra hatte selbst um diese Ouvertüre gebeten. Sie saß hinter einer Kulisse und hörte zu. Vor dem Vorhang aber saß der kleine Teil ihrer Landsleute, den das Haus fassen konnte, voll Sorge um sie, wie immer vor einem Anfang, der uns erwartungsvoll macht, weil er einen köstlichen Besitz offenbaren soll. Es war, als müsse jeder von ihnen selbst vor die Rampe; in solchen Augenblicken steigen viele Gebete empor, auch aus Herzen, die sonst selten beten.