Die Nachricht und das Geld versetzten sie in eine eigene Stimmung; es schien, als komme jetzt alles ins Gleichgewicht; es war eine Mahnung mehr, abzureisen.
Also für ihr Künstlertum hatte der alte Per Ohlsen sich auf Hochzeiten und bei Tanzereien sein erstes Geld zusammengefiedelt, dafür hatten er, sein Sohn und sein Enkel sich auf alle Art gemüht und geplagt. Die Summe war nicht groß, aber sie reichte aus, Petra ein Stück weiter in die Welt hineinzutragen und damit auch schneller vorwärts.
Hell wie die Sonne aber stieg der Gedanke in ihr auf, jetzt könne ihre Mutter zu ihr kommen, jetzt könne sie tagtäglich ihrer Mutter Freude bereiten,—sie könne ihr alles vergelten! Sie schrieb an jedem Posttag einen langen Brief an sie und konnte kaum die Antwort erwarten. Als sie kam, brachte sie eine große Enttäuschung; denn Gunlaug dankte ihr, meinte aber, "jeder bleibe am besten für sich". Da versprach der Propst zu schreiben, und als Gunlaug dessen Brief bekam, da konnte sie es nicht länger bei sich behalten, sie mußte ihren Matrosen und ihren andern Bekannten erzählen, aus ihrer Tochter werde etwas Großes, und sie wolle sie zu sich nehmen. Dadurch wurde die Angelegenheit zu einer ziemlich brennenden Frage; sie wurde am Hafen und auf den Schiffen und in allen Küchen erörtert. Gunlaug, die bis dahin ihre Tochter nie erwähnt hatte, sprach jetzt von nichts anderem als von "meiner Tochter Petra", wie auch die andern fortan über nichts anderes mehr mit ihr sprachen.
Aber als Petras Abreise schon bevorstand, hatte Gunlaug noch immer keine Nachricht gegeben, worüber ihre Tochter sehr betrübt war. Dagegen versprachen ihr der Propst und Signe feierlich, beide hinzukommen, wenn sie zum erstenmal auftreten würde.
* * * * *
Der Schnee auf den Bergen begann zu schmelzen, auf den Feldern schimmerte es grün. Das Leben, das zu Beginn des Frühlings in den Bergtälern erwacht, ist mächtig, wie die Sehnsucht mächtig war; die Menschen werden flinker, die Arbeit geht leichter von der Hand, die Wanderlust schaut über die Berge hinweg. Aber obwohl Petra sich hinaussehnte, hatte sie doch nie diese Stätte und alle Dinge so lieb gehabt wie jetzt, da sie von ihnen Abschied nehmen mußte; ja, es war ihr, als habe sie alles bis dahin gering geschätzt, weil sie es erst jetzt verstand. Nur noch wenige Tage blieben ihr; sie ging mit Signe überall herum und sagte allen und allem Lebewohl,—zumal den Stätten, die ihnen zusammen lieb geworden waren. Da erzählte ihnen ein Bauer, Ödegaard sei oben auf den Öyhöfen und beabsichtige, sie aufzusuchen. Die Mädchen wurden beide ganz verlegen und stellten ihre Ausgänge ein.
Doch als Ödegaard kam, war er so sonnig und fröhlich, wie man ihn nie zuvor gesehen hatte. Er war mit dem Vorhaben ins Dorf gekommen, eine Volkshochschule zu gründen und sie in der ersten Zeit, bis er einen passenden Lehrer gefunden habe, selbst zu leiten; später wollte er noch mancherlei anderes ins Werk setzen. Auf die Weise, sagte er, bezahle er etwas von der Schuld seines Vaters an das Dorf ab, und sein Vater habe versprochen, zu ihm zu ziehen, sobald das Haus fertig sei. Der Propst wie Signe freuten sich ungeheuer über diese Nachbarschaft; Petra auch, aber es befremdete sie doch, daß er sich gerade jetzt hier ansiedelte, wo sie fortging.
Der Propst wünschte, daß sie am Tage vor Petras Abreise zusammen das heilige Abendmahl nähmen. Dadurch breitete sich eine stille Feierlichkeit über die letzten Tage, und wenn sie zusammen sprachen, taten sie es halblaut. Im Schein dieser Stimmung redete alles, was Petra zum letztenmal ansah, eine gar ernste Sprache zu ihr. Alles Erlebte mußte noch einmal durchdacht werden; sie hielt große Abrechnung, denn bis jetzt hatte sie nie zurück, nur immer vorwärts geschaut. Jetzt rückte alles zusammen, von der Kindheit an bis heute; wieder ertönten die ersten lockenden spanischen Lieder, all die Verirrungen einer verworrenen Sehnsucht, die ihre Kindheit und ihre Jugend in ihr aufgespeichert hatten, nahm sie sich vor, Stück für Stück, wie man alte Kostüme anprobiert. Vergaß sie eins, so erinnerte irgend etwas in ihrer Umgebung sie gleich daran; denn beim Anblick dieses oder jenes Gegenstandes hatte sie einmal an irgend etwas gedacht, und fortan waren Gegenstand und Gedanke eins geworden. Besonders das Klavier brachte überwältigend viele Erinnerungen. Sie blieb daran sitzen, ohne doch den Mut zu haben, die Tasten anzurühren, und spielte Signe, so konnte sie es kaum im Zimmer aushalten. Sie war auch am liebsten allein; Ödegaard und Signe verstanden das und hielten sich zurück; alle Leute sahen sie mit wehmütiger Freundlichkeit an, und der Propst ging in diesen Tagen nie an ihr vorbei, ohne ihr übers Haar zu streichen.
Endlich kam der Tag. Es war ein halbklarer, gedämpfter Tag; es taute auf den Bergen und grünte auf den Äckern. Die vier blieben jeder auf seinem Zimmer, bis die Stunde kam, da sie zusammen zur Kirche gehen sollten. Außer ihnen waren nur der Küster und ein fremder Pfarrer zugegen; der Propst wollte selbst das heilige Abendmahl nehmen; zugleich aber wollte er die Predigt halten, denn er hatte der Scheidenden besonders ein paar Worte zu sagen. Er sprach so, wie wenn sie an einem Heiligen Abend oder einem Geburtstag daheim bei Tisch säßen. Es werde sich bald herausstellen, meinte er, ob die Zeit, die sie heute mit einem Gebet um Gnade abschließe, einen Grundstein gelegt habe. Kein Mensch sei ganz er selbst, bis er zu seinem richtigen Wirken gekommen sei. Es sei ein Beruf der Verkündigung, der ihr geworden sei, und wer die Wahrheit bringe und sich selber dessen wert erhalte, der ernte die reichsten und dauerndsten Früchte. Gott bediene sich ganz gewiß oft auch der Unwürdigen, so gewiß wie wir im höheren Sinne alle unwürdig seien; er bediene sich unserer Sehnsucht. Aber es gebe eine Verkündigung, die kein Mensch aus seiner Sehnsucht allein schöpfen könne, und die wolle sie doch wohl zu erreichen trachten; alle müßten danach streben, das Höchste zu erreichen. Er bat sie, zu ihnen zurückzukehren, denn das sei der Sinn einer Gemeinde, daß Gemeinschaft im Glauben helfe und stärke. Wenn sie fehlgreife, werde sie hier Barmherzigkeit finden, und wenn sie selbst nicht wisse, daß sie vom Wege abgekommen sei, so würden sie ihr das in aller Güte sagen dürfen.
Sie gingen nach der heiligen Handlung zusammen heimwärts, so wie sie gekommen waren; den Rest des Tages aber verbrachte jeder für sich. Nur Petra und Signe waren abends lange auf Petras Zimmer zusammen.