"Ich habe eine Verlobung zu verkünden", fing der Propst wieder an, als werde es ihm schwer, in Fluß zu kommen. "Ich will zugeben, daß sie mir im Anfang nicht nach dem Herzen gewesen ist";—alle Gäste blickten Ödegaard in großer Verblüffung an; diese Verblüffung wuchs ins Grenzenlose, als er ganz ruhig dasaß und den Propst ansah. "Ich dachte, offen gestanden, er sei ihrer nicht würdig."—Jetzt wurden die Gäste so verlegen, daß niemand mehr aufzusehen wagte, und da die jungen Mädchen das schon lange nicht mehr gewagt hatten, so konnte der Propst nur noch zu einem einzigen Gesicht sprechen, zu Ödegaards, der freilich mit der größten Seelenruhe zuhörte. "Aber jetzt," fuhr der Propst fort, "jetzt, da ich ihn näher kennen gelernt habe, ist es so gekommen, daß ich nicht weiß, ob sie seiner würdig ist, so groß erscheint er mir jetzt; denn es ist der Künstlerberuf, die erhabene Schauspielkunst, und die Braut ist meine Pflegetochter Petra, mein geliebtes Kind; möge es Euch gut ergehen miteinander! Ich zittere um Euch, aber was Gott zusammengefügt, das soll der Mensch nicht scheiden. Gott sei mit Dir, meine Tochter!" Sie war im Nu bei ihm und lag an seiner Brust.

Da keiner sich wieder hinsetzte, so verließ die ganze Gesellschaft natürlich die Tafel. Petra aber ging auf Ödegaard zu, der gleich mit ihr in die äußerste Fensternische trat; er hatte ihr etwas zu sagen, aber sie kam ihm zuvor: "Ihnen verdanke ich alles!"—"Nein, Petra; ich bin Dir ein treuer Bruder gewesen; es war eine große Sünde von mir, daß ich Dir mehr sein wollte; denn wäre es geschehen, dann wäre Deine ganze Laufbahn vernichtet worden."—"Ödegaard!"—Sie hatten sich die Hände gereicht, sahen sich aber nicht an; nach einer Weile ließ er sie los und ging. Sie aber sank auf einen Stuhl und weinte.

Am Tage darauf reiste Ödegaard ab.

* * * * *

Gegen den Frühling erhielt Petra einen großen Brief mit einem mächtigen Amtssiegel; sie bekam ordentlich Furcht und brachte ihn dem Propst, der ihn öffnete und las. Er war von dem Amtsvorsteher ihrer Heimatstadt und lautete:

"Pedro Ohlsen, der gestern mit Tode abgegangen ist, hat ein Testament folgenden Wortlauts hinterlassen:

'Alles, was sich nach meinem Tode vorfindet und genau aufgezeichnet ist in dem Kontobuch, das in der blauen Truhe liegt, die in meinem Zimmer im Hause von Gunlaug, der Tochter Aamunds am Berge, steht, und zu der eben diese Gunlaug den Schlüssel hat, wie sie allein auch über alles Bescheid weiß,—hinterlasse ich hiermit, sofern Gunlaug, Tochter Aamunds, ihre Zustimmung dazu gibt, die sie nicht geben kann, wenn sie nicht zuläßt, daß eine Bedingung, die ich daran geknüpft habe und welche sie allein, die die einzige ist, die sie kennt, erfüllen kann, erfüllt wird—der Jungfrau Petra, der Tochter der erwähnten Gunlaug, der Tochter Aamunds, das heißt, wenn Jungfer Petra es nicht für unter ihrer Würde hält, sich eines alten, kranken Mannes zu erinnern, dem sie viel Gutes erwiesen hat, obwohl sie nichts davon wußte, was sie ja auch nicht konnte, und dessen einzige Freude in seinen letzten Lebensjahren sie gewesen ist, wofür er ihr auch einmal eine kleine Freude hat machen wollen, die sie nicht verschmähen möge. Gott sei mir armen Sünder gnädig!

Pedro Ohlsen'

und ich erlaube mir die Anfrage, ob Sie selbst sich deswegen an Ihre Mutter wenden wollen, oder ob ich es tun soll."

Die nächste Post brachte einen Brief von der Mutter, den Propst Ödegaard geschrieben hatte, der einzige, dem sie sich anzuvertrauen gewagt hatte; darin stand, daß sie ihre Zustimmung gebe und die Bedingung erfülle, Petra mitzuteilen, wer Pedro war.