"Möchtest Du nicht noch ein bißchen bleiben?" brachte er hervor, ohne sie anzusehen. "Ein andermal", lautete die Antwort. "Das könnte lange dauern." Sie blickte auf; er blickte jetzt auch sie an; aber es verging eine Weile, bis sie wieder sprachen. "Setz' Dich doch wieder", sagte er etwas verlegen. "Nein", antwortete sie und blieb stehen. Er fühlte, wie in ihm der Trotz aufstieg; aber da passierte etwas, was er nicht erwartet hatte; sie tat einen Schritt vorwärts, beugte sich zu ihm hin, sah ihm in die Augen und sagte lächelnd: "Bist Du mir böse?" Und als er sie anblickte, sah er, daß sie weinte. "Nein", entgegnete er und wurde feuerrot.

Er streckte ihr die Hand hin; aber da ihre Augen voll Tränen waren, bemerkte sie es nicht, und so zog er die Hand wieder zurück. Endlich sagte er: "Du hast alles mit angehört?"—"Ja", antwortete sie, sah auf und lachte, aber da ihr immer noch mehr Tränen in die Augen traten, wußte er gar nicht, was er tun oder sagen sollte. Da entfuhren ihm die Worte: "Ich habe es doch vielleicht zu arg getrieben." Das kam sehr sanft heraus; sie blickte zu Boden und wandte sich halb ab: "Du sollst nicht richten über Dinge, so Du nicht kennst." Das wurde mit gepreßter Stimme gesagt, und ihm wurde ganz schlimm dabei; er kam sich wie ein kleiner Junge vor und wußte deshalb auch im Augenblick nichts anderes zu sagen als: "Ich bitte Dich um Verzeihung." Aber nun strömten ihre Tränen heftig und heftiger. Das konnte er nicht mit ansehen, er ging hin zu ihr, umfaßte sie und beugte sich über sie: "Liebst Du mich wirklich, Synnöve?"—"Ja", schluchzte sie. "Aber macht Dich das auch glücklich?" Sie antwortete nicht. "Macht Dich das auch glücklich?" wiederholte er. Sie weinte heißer als zuvor und wollte sich ihm entziehen.

"Synnöve, wir wollen ein bißchen miteinander reden", sagte er und half ihr sich in das Heidekraut setzen; er setzte sich neben sie. Sie wischte sich die Tränen ab und machte einen Versuch zu lächeln; aber es gelang nicht. Er hielt die eine von ihren Händen fest und blickte ihr in das Gesicht. "Liebste, warum darf ich nicht nach Solbakken kommen?" Sie schwieg. "Hast Du Deine Eltern nie darum gebeten?" Sie schwieg. "Warum nicht?" fragte er und zog ihre Hand näher an sich. "Ich habe mich nicht getraut", sagte sie ganz leise.

Seine Miene wurde finster; er hob und bog den einen Fuß leicht, lehnte den Ellbogen auf das Knie und stützte seinen Kopf auf die Hand. "Auf die Art werde ich wohl nie hinüberkommen", sagte er. Statt zu antworten, rupfte sie Heidekraut aus. "Nun ja, ich habe wohl manches getan, was ich lieber hätte sollen bleiben lassen,——aber etwas Nachsicht hätten sie doch haben können. Ich bin nicht schlecht," (hier hielt er einen Augenblick inne) "bin auch noch jung—etwas über zwanzig Jahre bin ich"—er konnte nicht gleich weiter reden. "Aber wer mich richtig liebt," sagte er wieder, "der mußte doch——" und nun verstummte er ganz. Da klang es gedämpft von der Seite her ihm ins Ohr: "Rede nicht so,——Du weißt nicht, wie schwer,—ich darf es ja nicht einmal Ingrid sagen—(und nun unter starken Tränen): ich habe so schwer—zu leiden." Er umschlang sie und zog sie dichter an sich. "Sprich mit Deinen Eltern," flüsterte er, "und Du wirst sehen, alles wird gut."—"Es wird, wie Du willst", flüsterte sie. "Wie ich will?" Da neigte sich Synnöve zu ihm und legte den Arm um seinen Hals. "Liebst Du mich, so wie ich Dich?" sagte sie sehr herzlich und mit einem Versuch zu lächeln. "Etwa nicht?" entgegnete er sanft und leise. "Nein, nein, Du nimmst auf mich keine Rücksicht; Du weißt, was uns zusammenbringen kann, tust es aber nicht. Warum tust Du es nicht?" Und da sie gerade im besten Zuge war, fuhr sie eifrig fort: "Lieber Gott, wenn Du wüßtest, wie ich auf den Tag geharrt und gehofft habe, da ich Dich in Solbakken sehen könnte. Aber wenn man immer von etwas hören muß, was nicht ist, wie es sein soll, und wenn es die eigenen Eltern sind, die einem damit in den Ohren liegen." Da kam es wie eine Erleuchtung über ihn; er sah sie in Solbakken herumgehen und auf eine kurze friedliche Stunde warten, in der sie ihn sanft ihren Eltern zuführen könnte; aber nie bescherte er ihr eine solche Stunde.

"Das hättest Du mir früher sagen sollen, Synnöve."—"Hab' ich das nicht getan?"—"Nein, nicht so."—Er dachte ein Weilchen nach, dann sagte sie, während sie ihre Schürzenzipfel in kleine Falten legte: "Dann habe ich es nicht getan, weil—ich mich nicht traute." Da wurde er bei dem Gedanken, sie habe Furcht vor ihm, so gerührt, daß er ihr zum erstenmal in seinem Leben einen Kuß gab.

Vor Verwunderung hielt sie plötzlich mit ihrem Weinen inne; ihre Augen flackerten, sie versuchte zu lächeln, sah zu Boden, sah endlich Thorbjörn an, und nun lächelte sie wirklich. Sie sprachen nicht mehr; aber ihre Hände fanden sich wieder, doch die des andern zu drücken, das traute sich keins von beiden. Dann entzog sie sich ihm sacht, trocknete Augen und Gesicht und strich ihr in Unordnung geratenes Haar wieder glatt. Er saß da, sah sie an und dachte mit beruhigter Seele: "Hat sie mehr Schamhaftigkeit als die andern Mädchen hier, und will danach behandelt werden, so soll keiner was dagegen sagen."

Er begleitete sie zu ihrer Alm, die nicht weit entfernt lag. Er wollte gern Hand in Hand mit ihr gehen, aber er fühlte eine gewisse Scheu, die ihm kaum erlaubte, sie zu berühren; es kam ihm schon merkwürdig vor, daß er neben ihr gehen durfte. Beim Abschied sagte er daher auch:

"Das soll lange dauern, bis Du wieder einen tollen Streich von mir zu hören bekommst."

Im Hause fand er seinen Vater bei der Arbeit, Korn vom Schuppen zur Mühle zu tragen, denn alle Besitzer ringsum mahlten auf der Granlidener Mühle, wenn ihre Bäche kein Wasser mehr hatten; der Granlidener Bach bekam immer neuen Zufluß von den Bergen. Viele Säcke waren hinunterzutragen, manche recht große, manche riesig große darunter. Die Frauen standen unweit davon, hielten Wäsche und wrangen aus. Thorbjörn ging zu seinem Vater hin und packte einen Sack. "Kann ich Dir vielleicht helfen?"—"Das schaffe ich schon allein", sagte Sämund, nahm schnell einen Sack auf seinen Rücken und trug ihn zur Mühle. "Hier sind noch eine ganze Menge", sagte Thorbjörn, packte zwei große, stemmte den Rücken dagegen, griff über die Schultern, faßte mit jeder Hand einen und stützte ihn seitlich mit dem Ellbogen. Auf halbem Wege traf er Sämund, der zurückkam, um mehr zu holen; rasch sah er Thorbjörn an, sagte aber nichts. Als Thorbjörn zum Schuppen zurückging, traf er Sämund mit noch zwei größeren Säcken auf dem Rücken. Diesmal nahm Thorbjörn einen ganz kleinen und zog damit ab; als Sämund ihn traf, sah er ihn an, aber länger als das vorige Mal. Da geschah es, daß sie einmal zu gleicher Zeit vor dem Schuppen waren. "Eine Einladung von Nordhoug ist gekommen," sagte Sämund, "Du sollst Sonntag hin zur Hochzeit." Ingrid sah ihren Bruder bittend an; auch die Mutter sah hin. "Ja so", sagte er trocken, nahm aber diesmal die zwei größten Säcke, die er finden konnte. "Gehst Du hin?" fragte Sämund und runzelte die Stirn.—"Nein."

Viertes Kapitel