Die Granlidener Alm war schön gelegen; von ihr konnte man das ganze Kirchspiel überschauen—zuerst und am deutlichsten Solbakken inmitten seines vielfarbigen Waldes; dann die andern Höfe in ihrem Ring von Wäldern; wie Friedensstätten, die mit aller Macht und Kraft dem wilden Boden abgewonnen waren, erschienen die grünen Grasflächen mit den Häusern darauf. Vierzehn Höfe konnten von der Alm aus gezählt werden; von dem Granlidener waren nur die Dächer sichtbar; und auch sie nur vom höchsten Punkt aus. Nichtsdestoweniger setzten sich die Mädchen öfter hin, um nach dem Rauch zu blicken, der dort unten aus den Schornsteinen aufstieg. "Jetzt kocht Mutter das Mittagessen," sagte Ingrid, "heute gibt's Pökelfleisch und Speck."—"Hörst Du, jetzt werden die Männer gerufen," sagte Synnöve, "wo arbeiten sie denn heut?" und die Augen der beiden verfolgten den Rauch, der wild und wirbelnd in die klare, sonnenheitre Luft emportrieb, aber bald langsamer wurde, sich's überlegte—und dann breit über den Wald hinfloß, immer dünner und dünner, zuletzt nur wie ein fächelnder Flor und dann kaum mehr zu erkennen. So mancher Gedanke wurde bei diesem Anblick in ihnen wach und umkreiste das Kirchspiel. Heute waren sie in Nordhoug beisammen. Die eigentliche Hochzeit war schon ein paar Tage vorbei; aber da die Nachfeier eine Woche dauerte, klangen noch immer Schüsse und allerlei derbe Rufe zu ihnen herauf. "Die sind aber vergnügt", sagte Ingrid.—"Ich beneide sie nicht darum", sagte Synnöve und nahm ihr Strickzeug. "Da möchte man mit dabei sein", sagte Ingrid, die sich hingekauert hatte, um nach dem Hofe zu blicken, wo die Menschen zwischen den Häusern hin- und hergingen—einige zum Schuppen, vor dem wohl die gedeckten Tische standen, andere paarweise in vertraulichem Gespräch etwas weiter. "Ich weiß nicht recht, was einen dahin ziehen sollte", sagte Synnöve. "Ich weiß das auch kaum," antwortete Ingrid, die immer noch dasaß; "vielleicht der Tanz." Synnöve entgegnete nichts. "Hast Du noch nie getanzt?" fragte Ingrid. "Nein!"—"Hältst Du Tanzen für eine Sünde?"—"Das weiß ich nicht recht." Ingrid mochte im Augenblick nicht weiter davon reden; denn es fiel ihr ein, daß der Tanz bei den Haugianern streng verboten war, und sie wollte Synnöves Verhältnis zu ihren Eltern in diesem Fall nicht näher berühren. Aber da ihr nun mal der Gedanke kam, sagte sie nach einer Weile: "Einen bessern Tänzer als Thorbjörn habe ich noch nie gesehen." Synnöve blieb ein Weilchen still, dann sagte sie: "Ja, er soll gut tanzen."—"Du müßtest ihn einmal tanzen sehen", rief Ingrid lebhaft und wandte sich ihr zu. Aber schnell entgegnete Synnöve: "Nein, das möchte ich nicht."
Ingrid war einigermaßen betroffen; Synnöve beugte sich über ihr Strickzeug und zählte die Maschen; plötzlich ließ sie die Arbeit in den Schoß fallen, sah vor sich hin und sagte: "So herzlich vergnügt wie heute bin ich lange nicht gewesen."—"Warum?" fragte Ingrid. "Weil er heute nicht in Nordhoug mittanzt." Ingrid hing ihren eigenen Gedanken nach. "Ja, es sollen Mädchen dort sein, die ihn gern haben möchten", sagte sie. Synnöve öffnete den Mund, als ob sie reden wollte, schwieg aber und zog eine Nadel heraus und eine andere ein. "Thorbjörn möchte wohl selbst gern dort sein, ja, das glaube ich gewiß", fuhr Ingrid fort. Aber kaum hatte sie das ausgesprochen, da fiel ihr ein, was sie damit gesagt hatte; sie sah Synnöve an; die war feuerrot geworden und strickte eifrig. Nun wurde Ingrid mit einem Male alles in ihrem Zwiegespräch klar; sie klatschte in die Hände, kam schnell angelaufen, kniete im Heidekraut dicht vor Synnöve nieder und sah ihr fest in die Augen—Synnöve strickte eifrig. "So, jetzt weiß ich, daß Du mir manchen lieben Tag etwas verheimlicht hast", sagte Ingrid. "Was meinst Du denn?" fragte Synnöve und warf ihr einen unsicheren Blick zu. "Du bist nicht böse, weil Thorbjörn tanzt", antwortete Ingrid—die Freundin entgegnete nichts. Ingrid lachte mit dem ganzen Gesicht, schlang die Arme um Synnöves Hals und flüsterte ihr in das Ohr: "Nein, Du bist böse, weil er mit einer andern tanzt."
"Wie kannst Du nur solchen Unsinn reden", sagte Synnöve, riß sich los und stand auf. Ingrid stand gleichfalls auf und ging ihr nach. "Sünde ist es, daß Du nicht tanzen kannst," sagte sie und lachte, "eine wahre Sünde! Komm her, ich will's Dir gleich beibringen", und sie legte ihren Arm um Synnöves Hüfte. "Was willst Du?" fragte Synnöve. "Dir's Tanzen beibringen, Dir den Kummer vertreiben, daß er mit einer andern als mit Dir tanzt!" Nun mußte Synnöve auch lachen, oder wenigstens so tun. "Hier können wir gesehen werden", sagte sie. "Gott segne Dich für die Antwort, wenn sie auch herzlich dumm war", rief Ingrid, fing darauf an zu trällern und Synnöve im Takt herumzuführen. "Nein, nein, das geht ja nicht!"—"Du hast ja selbst vorhin gesagt, Du bist lange nicht so vergnügt gewesen wie heute."—"Ach, wenn es nur ginge!"—"Probier' es nur, dann wirst Du schon sehen, daß es geht."—"Du bist außer Rand und Band, Ingrid."—"Ja, so sagte auch die Katze zum Sperling, als er nicht stillhalten und sich fangen lassen wollte; komm nur."—"Ich hätte schon Lust; aber—"—"Jetzt bin ich Thorbjörn und Du bist seine junge Frau, die nicht will, daß er mit einer andern als mit ihr tanzen soll."—"Aber—" Ingrid trällerte, "aber", entgegnete Synnöve noch; doch sie tanzte schon. Es war ein Springtanz. Ingrid ging mit großen Schritten und Armbewegungen wie ein Mann voraus; Synnöve folgte mit kleinen Schritten und niedergeschlagenen Augen. Ingrid sang:
Und der Fuchs unter Wurzeln der Birke lag,
Abseits vom Heidekraut,
Und der Hase sprang lustig im grünen Hag,
Über das Heidekraut.
Die Sonne gießt Licht aus üppigem Born,
Und glitzert hinten und glitzert vorn,
Über dem Heidekraut.
Und es lacht der Fuchs im Wurzelversteck,
Abseits vom Heidekraut,
Und der Hase sprang unbändig keck
Über das Heidekraut.
Mir ist heut gar so fröhlich zumut,
Juchhei, mein Häslein, wie springst Du gut
Über das Heidekraut.
Und es lauert der Fuchs im Wurzelversteck,
Abseits vom Heidekraut,
Und der Hase hüpft just zum gleichen Fleck,
Über das Heidekraut.
Daß Gott sich erbarme, Du bist hier?
Ei, Freundchen, wer heißt Dich tanzen vor mir,
Über dem Heidekraut?
"Na, ging's nicht schön?" fragte Ingrid, als sie stehen blieben, um
Atem zu schöpfen.
Synnöve lachte und sagte, sie möchte lieber Walzer tanzen. "Ja, warum denn nicht?" meinte Ingrid, und sie setzten sich gleich in Positur; Ingrid erklärte ihr, wie sie die Füße stellen müsse. "Pass' auf, der Walzer ist schwer, sehr schwer ist er."—"Ach, es wird schon gehen, wenn wir erst in Takt kommen." Nun sollte gleich die Probe gemacht werden. Ingrid sang und Synnöve sang mit, anfangs leise vor sich hin, dann lauter und lauter. Aber plötzlich hielt Ingrid inne, ließ ihre Gefährtin los, klatschte erstaunt in die Hände: "Du kannst ja schon Walzer tanzen!" rief sie.
"Still, nicht sprechen!" sagte Synnöve und faßte Ingrid um die Taille, "wir wollen weitertanzen."—"Aber wo hast Du das gelernt—?"—"Tralla, tralla"—und Synnöve schwang Ingrid im Kreis; die tanzte jetzt nach Herzenslust und sang dabei:
Schau', die Sonne tanzt auf dem Hankelidfjell,
Tanz', meine Liebste, der Abend naht schnell;
Schau', der Bergbach hüpft zum Meere fort,
Hopp, wilder Gesell, dein Grab wartet dort,
Schau', die Birke schwingt sich beim Windesspiel,
Schwing dich, Dirnlein!—Was brach dort, was fiel?
Schau',——