"Was singst Du immer für merkwürdige Lieder?" sagte Synnöve und hörte auf zu tanzen. "Ich weiß gar nicht, was ich singe", antwortete Ingrid, "Thorbjörn hat's mal gesungen."—"Das ist eins von Zuchthaus-Bents Liedern; die kenn' ich."—"Zuchthaus-Bent?" fragte Ingrid und genierte sich etwas. Sie sprach nicht mehr und blickte vor sich hin in die Ferne; plötzlich gewahrte sie ein Gespann unten auf dem Wege. "Du, dort fährt einer von Granliden herunter und lenkt in die Gemeindestraße ein."—Synnöve sah auch hin. "Ist er es?" fragte sie. "Ja, das ist Thorbjörn, er will in die Stadt."——

——Es war Thorbjörn und er fuhr in die Stadt. Sie lag ziemlich entfernt, die Last war schwer und er fuhr deshalb langsam den staubigen Weg hin. Von oben konnte man ein Stück der Fahrstraße übersehen, und als er nun von den Bergen herunter jodeln hörte, dachte er sich gleich, von wem das wohl käme, kletterte auf die Ladung und jodelte wieder, so daß es zwischen den Felsen schallte. Nun wurde oben auf dem Horn geblasen; er lauschte, und als die Töne verklangen, richtete er sich wieder auf und jodelte. Dann fuhr er wohlgemut weiter; er sah nach Solbakken hinüber und meinte es bisher niemals in so hellem Sonnenglanz gesehen zu haben. Aber währenddessen hatte er gar nicht mehr an sein Pferd gedacht; das ging, wie es wollte. Da fuhr er plötzlich auf, der Gaul hatte einen scharfen Seitensprung gemacht, so daß die eine Deichselstange brach, und nun raste das Tier in wildem Trab vom Weg herunter über das Nordhouger Feld. Thorbjörn sprang auf und suchte es zu halten; es kam zu einem richtigen Kampf zwischen beiden; das Pferd wollte über einen Abhang, er riß es mit den Zügeln zurück; endlich zwang er es, sich zu bäumen, sprang ab, schlang die Leine um einen Baum, und nun mußte es stehen. Die Ladung war teilweise herausgeschleudert, die eine Deichselstange zerbrochen und der Gaul stand da und zitterte. Thorbjörn ging hin, faßte ihn am Zaum und redete ihm gut zu; dann wendete er das Pferd, daß es mit dem Rücken gegen den Abhang stand und nicht über ihn hinunter konnte; aber das Tier war zu scheu, um still stehen zu bleiben,—er mußte ihm sprungweise folgen, und so kam er wieder bis zur Straße. Dabei fuhr er an der heruntergefallenen Ladung vorbei; Töpfe und Krüge waren entzwei, der Inhalt größtenteils verdorben. Bisher waren Thorbjörns Gedanken nur auf die Fahrt gerichtet gewesen; jetzt dachte er an die Folgen und wurde wütend; soviel stand fest: zur Stadt konnte er nicht; und je klarer ihm das wurde, um so wütender war er. Als er auf den Weg gekommen, scheute das Pferd noch einmal, und versuchte wieder einen Seitensprung, um sich loszureißen, und nun brach Thorbjörns Wut los. Mit der linken Hand hielt er es an Zaum und Gebiß fest, mit der rechten versetzte er ihm Peitschenhieb auf Peitschenhieb über die Lenden, so daß es rasend wurde und mit den Vorderhufen nach Thorbjörns Brust schlug. Aber Thorbjörn wich ihm aus und hieb nun ärger als zuvor—aus Leibeskräften—mit dem Peitschenstiel. "Ich werde Dir's schon beibringen, Du niederträchtiges Vieh", und er hieb zu. Das Pferd wieherte, schrie,—er hieb zu. "Jetzt sollst Du einen kennen lernen, der stärker ist als Du", und er hieb. Das Pferd schnaubte, so daß der Schaum Thorbjörns ganze Hand bespritzte; aber er schlug weiter: "Das soll das erste und letzte Mal sein, Du Schinder; da! da! und noch einen! Du sollst parieren lernen, Du Luder!" und er hieb. Inzwischen hatten sie sich völlig umgedreht; das Pferd wagte keinen Widerstand mehr, zitterte und bebte bei jedem Hieb und bog sich wiehernd zur Seite, sobald die Peitsche durch die Luft schwirrte. Da schämte sich Thorbjörn ein bißchen; er hielt inne. Im selben Augenblick bemerkte er einen Mann, der auf dem Grabenrand saß, sich auf den Ellbogen stützte und ihn anlachte; er wußte nicht warum, aber ihm wurde fast schwarz vor den Augen und, das Pferd am Zaum haltend, ging er auf den Mann mit erhobener Peitsche zu: "Jetzt sollst Du mal lachen!" Der Schlag fiel, traf aber nur halb, da sich der Mann mit einem Aufschrei in den Graben hinunterwälzte; dort blieb er auf allen Vieren liegen, richtete jedoch den Kopf hoch und schielte nach Thorbjörn. Dabei zog er den Mund schief zum Lachen, aber zu hören war kein Lachen. Thorbjörn wurde betroffen; eine Erinnerung durchzuckte ihn. Jawohl, es war Aslak.

Thorbjörn überlief es kalt.

"Du hast gewiß beidemal das Pferd scheu gemacht", sagte er. "Ich habe ja nur hier gelegen und geschlafen," antwortete Aslak, "und Du hast mich geweckt, wie Du Dein Pferd verrückt gemacht hast."—"Du bist es gewesen,—vor Dir haben alle Tiere Angst." Und er streichelte den Gaul, von dem der Schweiß herabrann. "Dein Tier hat wohl mehr Angst vor Dir als vor mir;—so bin ich noch mit keinem Pferd umgegangen", sagte Aslak, jetzt kniete er im Graben. "Halt Dein großes Maul", erwiderte Thorbjörn, und drohte mit der Peitsche. Da stand Aslak auf und krabbelte aus dem Graben. "Ich ein großes Maul!? Fällt mir ja gar nicht ein—wo willst Du denn so schnell hin?" sagte er freundlich und kam näher; aber er wankte beim Gehen—er war betrunken. "Mit dem Weiterwollen ist es heut nichts", meinte Thorbjörn und spannte das Pferd aus. "Das ist aber recht ärgerlich", sagte der andere, kam noch näher und nahm den Hut ab.

"Herrjeh, was bist Du für ein großer und hübscher Bursche geworden, seitdem ich Dich nicht gesehen habe." Er hatte beide Hände in die Taschen gesteckt, stand so fest, wie er konnte, auf den Beinen und betrachtete Thorbjörn, der das Pferd nicht von den Wagentrümmern losbekommen konnte. Thorbjörn brauchte Hilfe; aber Aslak darum zu bitten, das mochte er denn doch nicht. Der sah zu eklig aus. Auf seinem Anzug lag der Grabenschmutz, sein Haar hing wirr unter einem blanken, beträchtlich alten Hut hervor; sein Gesicht war zwar noch teilweise das frühere, wohlbekannte; aber jetzt immer zum Lachen verzogen, die Augen schienen noch geschlossener, so daß er sich hintenüber beugen mußte und der Mund etwas offen stand, wenn er jemand ansah; alle Züge waren schlaff, der ganze Ausdruck stier—denn Aslak trank. Thorbjörn hatte ihn schon vorher ein paarmal gesehen, aber Aslak tat, als wüßte er das nicht, er hatte sich im ganzen Kreis als Hausierer herumgetrieben und war am liebsten dort eingekehrt, wo es laut und lustig zuging. Dort trug er seine Lieder vor, erzählte seine Schnurren und bekam zum Lohn Branntwein. Darum war er auch auf der Hochzeit in Nordhoug gewesen; jetzt aber für einige Zeit wohlweislich verduftet, weil er, wie Thorbjörn später erfuhr, nach seiner gewohnten Art die Leute solange zusammengehetzt hatte, bis, eine Rauferei entstanden war, und da hatte er Angst bekommen, selbst verprügelt zu werden. "Binde das Pferd lieber an, das ist besser, als wenn Du's ausspannst," sagte er, "Du mußt doch nach Nordhoug und Dir Hilfe holen." Thorbjörn hatte schon selbst daran gedacht, aber der Gedanke war ihm unangenehm. "Dort ist ja heut eine große Hochzeit", meinte er. "Auch eine große Menge Leute, die helfen können", antwortete Aslak. Thorbjörn überlegte; aber ohne Hilfe konnte er weder vorwärts noch zurück, und so war es doch schließlich das beste, nach dem Hof zu gehen. Er band also das Pferd am Wagen fest und ging. Aslak folgte, Thorbjörn sah sich nicht nach ihm um. "Jetzt habe ich eine gute Begleitung für den Rückweg", sagte Aslak und lachte. Thorbjörn antwortete nicht, sondern schritt schnell aus. Aslak sang hinter ihm her. "Da ziehen zwei Bauern zum Hochzeitshaus" usw., ein altes, überall bekanntes Lied. "Du gehst schnell," sagte er nach einer Weile, "Du kommst noch früh genug hin." Thorbjörn antwortete nicht. Bald hörten sie den Lärm von Tanz und das Geigenspiel; Köpfe erschienen in den offenen Fenstern des großen, zweistöckigen Hauses; Gruppen versammelten sich im Garten. Thorbjörn merkte, daß die Leute dort besprachen, wer wohl käme, zugleich, daß mancher ihn erkannte, auch wie kurz nachher das Pferd und die verstreute Ladung entdeckt wurden. Der Tanz brach ab und ein ganzer Menschenstrom wälzte sich aus dem Hause und ihnen entgegen. "Hier kommen Hochzeitsgäste wider Willen", rief Aslak, als sie sich beide der Gesellschaft näherten. Thorbjörn wurde begrüßt, und ein Kreis von Menschen umringte ihn. "Gott segne das Fest, das gute Bier auf dem Tisch, die hübschen Frauensleute auf dem Tanzboden und den wackern Spielmann auf dem Schemel!" rief Aslak und drängte sich schnell in die Menge. Einige lachten, andere blieben ernst, einer sagte: "Hausierer-Aslak ist immer gut aufgelegt." Thorbjörn traf gleich Bekannte, denen er von seiner verunglückten Fahrt erzählen mußte; sie litten nicht, daß er selbst zu dem Pferd und den Sachen zurückging, und schickten andere hin. Der Bräutigam, ein junger Mann und früherer Schulkamerad von Thorbjörn, lud ihn ein, das Hochzeitsbräu zu kosten, und nun zog der ganze Haufen wieder in die Stube. Ein Teil, besonders Frauen und Mädchen, wollte wieder tanzen, ein anderer lieber ein Stündchen trinken, und Aslak, da er nun doch mal wieder da war, sollte etwas erzählen. "Aber sei vorsichtiger als vorhin", fügte einer hinzu. Thorbjörn fragte, wo die übrigen Gäste seien. "Es ging ein bißchen laut und derb hier zu," wurde ihm geantwortet, "da haben sich ein paar hingelegt und ruhen sich aus; wieder welche sitzen in der Scheune und spielen Karten, und welche sitzen mit Knud Nordhoug zusammen". Thorbjörn erkundigte sich nicht, wo Knud zu finden sei.

Der Vater des Bräutigams, ein alter Mann, der auf einer Bank saß, aus einer Pfeife rauchte und trank, sagte jetzt: "'raus mit Deiner Geschichte, Aslak, einmal kann man sich sowas schon gefallen lassen."

"Bitten noch mehr darum?" fragte Aslak, der sich auf einen Schemel gesetzt hatte, etwas abseits von dem Tisch, um den die andern saßen. "Jawohl," sagte der Bräutigam und gab ihm ein Glas Branntwein, "ich bitte Dich auch darum."—"Bitten mich noch mehr auf die Art?" fragte Aslak wieder. "Ja, das tun sie", sagte eine junge Frau auf einer Seitenbank und reichte einen Becher Wein hin; es war die Braut, ein Frauenzimmer von zwanzig Jahren, blond, mager, mit großen, schwarzen Augen und einem strengen Zug um den Mund.—"Ich höre Deine Geschichten gern", setzte sie hinzu. Der Bräutigam sah sie, sein Vater sah ihn an. "Ja, die Nordhouger haben immer gern meine Geschichten gehört," antwortete Aslak, "auf Ihr Wohl!" und er leerte sein Glas, das ihm ein Brautführer gebracht hatte. "Vorwärts, los!" riefen mehrere. "Von Sigrid, der Herumtreiberin", schrie einer. "Nein, das ist eine zu eklige Geschichte", entgegneten andere, hauptsächlich Frauen. "Von der Lierer Schlacht", bat Svend Tambour. "Lieber was Lustiges", sagte ein schlanker Bursche, der die Jacke ausgezogen hatte, sich an die Wand lehnte, und dabei immer mit der rechten Hand ein paar jungen Mädchen, die vor ihm saßen, in die Haare fuhr. Die Mädchen schimpften, aber dachten nicht daran, fortzulaufen.

"Jetzt erzähle ich, was mir paßt", sagte Aslak. "Schwerenot", murmelte ein älterer Mann, der auf dem Bette lag, rauchte, sein eines Bein herunterbaumeln ließ und mit dem andern wiederholt gegen eine Sonntagsjacke stieß, die über dem Bettpfosten hing. "Weg mit Deinem Bein von meiner Jacke!" rief der Bursche an der Wand. "Weg mit Deiner Hand von meinen Töchtern", rief der Alte. Da liefen die Mädchen fort. "Ja, ich erzähle, was mir paßt," sagte Aslak wieder, "Branntwein ist gut, der schießt ins Blut!" Und er schlug klatschend die flachen Hände zusammen.

"Du sollst erzählen, was uns paßt," wiederholte der Mann im Bett; "der Branntwein kommt von uns."—"Was meinst Du damit?" fragte Aslak und riß die Augen weit auf. "Das Jungschwein, das wir fett machen, schlachten wir auch," sagte der Mann und baumelte mit dem Bein. Aslak schloß die Augen wieder; aber hielt den Kopf noch hoch; dann ließ er ihn sinken und antwortete nichts. Verschiedene redeten ihn an; aber er hörte es gar nicht. "Der Branntwein hat ihn untergekriegt", sagte der Mann im Bett. Da sah Aslak auf und fing wieder an, das Gesicht zum Lachen zu verziehen. "Ja, jetzt sollt Ihr ein lustiges Stückchen hören," sagte er, "Herrgott, ist das lustig!" setzte er hinzu und lachte mit weit geöffnetem Munde, aber hören konnte keiner irgend welches Lachen. "Er hat heute seinen guten Tag", sagte der Vater des Bräutigams. "Hat er auch," entgegnete Aslak, "doch erst einen Schluck auf den Weg!" und er streckte die Hand hin. Er bekam ein Glas Branntwein, trank es langsam hinunter, bog den Kopf zurück, kostete den letzten Tropfen aus und wandte sich zu dem Mann im Bett: "So, jetzt bin ich Euer Schwein", und er lachte wieder unhörbar wie vorher. Dann legte er seine Hände um das eine Knie, hob den Fuß auf und nieder, schaukelte den Oberkörper dabei hin und her—und dann fing er an:

"Ja, es war einmal ein Mädchen da drüben in einem Tal. Wie das Tal hieß, geht Euch nichts an, und auch nicht, wie das Mädchen hieß. Aber hübsch war die Dirne, und das fand auch der Besitzer des Hofs—psst, keinen Namen!—und bei dem diente sie. Sie kriegte guten Lohn, und sie kriegte mehr als sie kriegen sollte, nämlich ein Kind. Die Leute sagten, es sei von ihrem Herrn, aber er sagte das nicht; denn er war ein verheirateter Mann; und sie sagte es auch nicht; denn sie war stolz, die arme Trude. So logen sie denn was bei der Taufe zusammen—es war ja ein Elend für den Jungen, daß sie ihn geboren hatte,—da war's auch gleich, ob er mit 'ner Lüge getauft wurde. Sie kriegte einen Unterschlupf dicht beim Hof, und das paßte der Besitzersfrau natürlich nicht. Kam das Mädchen ihr mal nahe, dann spuckte sie es an, und kam der kleine Junge auf den Hof und wollte mit ihrem Jungen spielen, dann ließ die den Hurenbengel fortjagen: 'Besseres ist er nicht wert', sagte sie.