Tag und Nacht lag sie ihrem Mann in den Ohren, er solle das Bettelvolk hinausschmeißen. Der Mann sträubte sich dagegen, solange er Mann war—; aber dann verlegte er sich aufs Saufen, und da kriegte das Weib die Oberhand. Das war ein Elend für die arme Person. Von Jahr zu Jahr ging es mit ihr zurück, und zuletzt war sie mit ihrem Jungen dicht am Verhungern; aber der wollte nicht fort von seiner Mutter, der kleine Junge.
So vergingen allmählich acht Jahre; sie waren vergangen, und noch immer saß sie auf ihrer Stelle, obgleich sie immer weg sollte.———Und schließlich kam sie weg!——Vorher aber stand der Hof in lustigen, hellen Flammen und der Mann verbrannte, weil er besoffen war—das Weib rettete sich mit ihren Kindern und sagte aus, die Dirne, die dicht beim Hofe wohnte, habe den Brand angelegt. Das war wohl möglich.——Aber es war auch was anderes möglich.——Sie hatte so 'nen wunderlichen kleinen Kerl von Jungen. Acht Jahre mußte der sehen, wie sich seine Mutter abrackerte, und er wußte auch, wer schuld daran war; denn seine Mutter sagte es ihm oft, wenn er fragte, warum sie immerzu weine. Das tat sie auch an dem Tage, bevor sie ausziehen sollten, und darum war er fort in der Nacht.—Aber sie mußte auf Lebenszeit ins Zuchthaus, denn sie hatte selbst vor dem Gerichtsschreiber gesagt, daß sie das lustige Feuer auf dem Hofe angesteckt habe. Der Junge zog im Kirchspiel herum und alle unterstützten ihn, weil er so 'ne schlechte Mutter hatte.—Dann zog er weiter, weiter in eine ganz andere Gegend, da wurde er nicht mehr unterstützt; da wußte ja keiner, wie schlecht seine Mutter war. Ich glaube nicht, daß er selbst darüber sprach.—Zuletzt hörte ich, daß er besoffen war, und die Leute sagen, er sei zuletzt gar nicht mehr aus dem Suff herausgekommen; ob das wirklich richtig ist, soll ungesagt bleiben; aber richtig ist, daß ich nicht weiß, was er Besseres hätte tun können. Er ist ein schlechter, gemeiner Kerl; er kann die Menschen nicht leiden, besonders nicht die, die gut zueinander sind; und die gut zu ihm sind, die erst recht nicht. Und er möchte, daß die andern gerade so sind wie er selbst; das sagt er aber bloß, wenn er besoffen ist; und dann weint er, weint er, daß es Tränen hagelt, und über rein nichts;—denn worüber hätte er denn zu weinen? Er hat keinem einen Pfennig gestohlen oder, wie andere, was Böses angestellt,—also warum weint er? Und doch weint er, weint er, daß es Tränen hagelt. Und wenn Ihr das mal sehen solltet, dann glaubt ihm nicht, denn er tut's bloß, wenn er besoffen ist, und da ist er nicht zurechnungsfähig."—Und mit dem letzten Worte fiel Aslak rückwärts vom Schemel und weinte heftig los; aber das ging schnell vorüber; denn er schlief ein.—"Jetzt ist das Schwein voll," sagte der Mann im Bett, "dann heult er sich immer in den Schlaf."—"Das war eine häßliche Geschichte", sagten die Frauen und standen auf, um aus der Stube zu kommen. "Ich habe ihn noch nie eine andere erzählen hören, wenn er sie selbst aussuchen durfte", sagte ein alter Mann, der von seinem Platz an der Tür aufgestanden war: "Gott weiß, warum ihm die Leute so gern zuhören", fügte er hinzu und sah dabei die Braut an.
Fünftes Kapitel
Einige gingen heraus, andere suchten den Spielmann, um wieder zu tanzen; aber der war in einem Winkel des Flurs eingeschlafen, und da baten einige, man möge ihn in Ruhe lassen: "seitdem sein Kamerad Lars hier zuschanden geschlagen worden ist, hat Ole die ganze Zeit über aushalten müssen." Unterdes war Thorbjörns Pferd angelangt; es wurde vor einen andern Wagen gespannt, da er trotz allen Zuredens weiter wollte. Besonders der Bräutigam gab sich alle Mühe, ihn zurückzuhalten: "Hier ist nicht soviel Freude für mich, wie mancher glaubt", meinte er; und das brachte Thorbjörn auf eigene Gedanken; aber fort wollte er doch noch vor Abend. Als die anderen sahen, daß er darauf bestand, ließen sie ihn nach und nach allein; es waren viele Menschen da; aber es ging recht still zu, und das Ganze machte gar nicht den Eindruck einer richtigen Hochzeit. Thorbjörn brauchte einen Pflock für sein Pferdegeschirr, und suchte danach; auf dem Hof war nichts Rechtes zu finden, so ging er weiter, kam zu einem Holzschuppen und trat dort ein—langsam und nachdenklich; die Worte des Bräutigams klangen ihm noch immer in den Ohren. Er fand, was er suchte, und setzte sich ganz zufällig, mit Messer und Pflock in Händen, an die Wand. Da hörte er neben sich ein Stöhnen; das mußte von der Innenseite der dünnen Wand kommen, hinter der die Wagen standen; Thorbjörn lauschte. "Du bist es?—Du?" brachte mit langen Zwischenräumen und mühsam eine Stimme heraus; eine Männerstimme. Darauf vernahm er, wie jemand weinte; aber das konnte kein Mann sein.—"Warum mußtest Du auch noch herkommen?" wurde gefragt; und jedenfalls von der Person, die weinte; denn Tränen klangen aus den Worten.—"Hm—zu welcher Hochzeit sollte ich denn aufspielen, wenn nicht zu Deiner?" sprach die erste Stimme. Das kann kein andrer wie Lars, der Spielmann, sein, dachte Thorbjörn.—Lars war ein ansehnlicher, hübscher Gesell, dessen alte Mutter in einer Kate unweit vom Gutshof zur Miete wohnte. Aber die andere Stimme, das mußte die Braut sein!—"Warum hast Du nie gesprochen?" sagte sie gedämpft, aber so gedehnt, als ob sie sehr bewegt sei. "Ich glaubte, das sei zwischen uns beiden nicht nötig", lautete die kurze Antwort. Einige Augenblicke blieb es still, dann sagte sie wieder: "Du wußtest aber doch, daß er meinetwegen herkam,"—"Ich habe Dich für stärker gehalten."—Dann hörte Thorbjörn nur, daß sie weinte; endlich stieß sie die Worte hervor: "Warum hast Du nicht gesprochen?"
"Es hätte wohl dem Sohn der alten Birthe viel genützt, wenn er mit der Tochter von Nordhoug gesprochen hätte", erwiderte er nach einer Pause, in der er schwer Atem geholt und oft gestöhnt hatte. Die Antwort ließ auf sich warten;—"wir haben doch so manches Jahr ein Auge aufeinander gehabt", klang es endlich.
—"Du warst so stolz, man konnte gar nicht richtig mit Dir reden."——"Es war doch nichts auf der Welt, was ich lieber gewollt hätte.—Ich wartete jeden Tag darauf;—wo wir uns trafen—mir kam es fast vor, als drängte ich mich Dir auf. Da dachte ich, Du machtest Dir nichts aus mir."—Es wurde wieder ganz still; Thorbjörn hörte weder eine Antwort, noch weinen; er hörte nicht einmal den Kranken Atem holen.
Thorbjörn dachte an den Bräutigam; er hielt ihn für einen braven Mann, und er tat ihm leid; und im selben Augenblick sagte auch sie:
"Ich fürchte, er wird wenig Freude an mir haben,—er, der—"
"Er ist ein braver Mann", erwiderte der Kranke, und dann fing er an, unruhig zu werden, da ihm die Brust schmerzte. Es war, als ob sie die Schmerzen mitfühlte, denn sie sagte: "Mir ist schwer ums Herz Deinetwegen,—aber—wir hätten uns wohl nie ausgesprochen, wenn das nicht dazwischen gekommen wäre. Erst als Du Dich mit Knud gerauft hast, habe ich alles begriffen."—"Ich konnte es nicht länger ertragen", antwortete er, und einen Augenblick darauf: "Knud ist ein schlechter Kerl."—"Ja, gut ist er nicht", sagte sie, Knuds Schwester.
Sie blieben eine Weile stumm, dann sprach er: "Ich bin gespannt, ob ich wieder mal aufkomme; ach, das ist auch jetzt ganz einerlei."—"Geht's Dir schlecht, so geht's mir schlechter," darauf lautes Weinen. "Willst Du fort?" fragte er.—"Ja, ach, Du lieber Gott,—Du lieber Gott, was wird das für ein Leben werden!"—"Weine nicht so," sagte er, "unser Herrgott macht hoffentlich bald ein Ende mit mir, und dann, wirst Du sehen, geht es auch Dir besser."—"Jesus, Jesus, wenn Du nur gesprochen hättest!" rief sie mit verhaltener Stimme und schien die Hände zu ringen; Thorbjörn meinte, sie sei fortgegangen, oder nicht mehr imstande, weiter zu sprechen; er hörte eine ganze Zeitlang nichts mehr, und ging dann selber.