Den ersten, besten, den er im Garten traf, fragte er: "Warum sind denn Spielmann Lars und Knud Nordhoug aneinander geraten?"—"Warum, ja—" sagte Per Hausmann und zog sein Gesicht in Falten, als ob er was drin verstecken wollte; "danach kannst Du wohl fragen, denn es war nur um eine Kleinigkeit; Knud fragte Lars, ob seine Fiedel bei der Hochzeit hier auch gut gestimmt sei." In demselben Augenblick ging die Braut vorbei; sie hatte erst ihr Gesicht seitwärts gewendet; aber als sie den Namen Lars hörte, drehte sie es ihnen zu, und da zeigte es sich, daß ihre großen Augen ganz rot waren und flackerten; aber ihre Züge erschienen kalt, so kalt, daß Thorbjörn nichts von ihren früheren Worten mehr herauslesen konnte; da wurde ihm manches noch klarer.

Weiter vorn im Hof stand sein Pferd fertig zur Abfahrt; er schlug den Pflock ein und schaute nach dem Bräutigam, um Abschied zu nehmen. Er hatte keine Lust, ihn aufzusuchen; es war ihm fast lieber, daß der Bräutigam unsichtbar blieb, und so setzte er sich auf den Wagen. Da entstand mit einem Mal ein großer Lärm links von ihm, bei der Scheune; er hörte rufen, ein Menschenhaufen kam herangezogen, ein großer Mann, der voranging, schrie: "Wo ist er?—Hat er sich versteckt?—Wo ist er denn?"—"Dort, dort", riefen ein paar Stimmen. "Laßt ihn nicht hin," riefen wieder andere, "sonst gibt's ein Unglück."—"Ist das Knud?" fragte Thorbjörn einen kleinen Jungen neben seinem Wagen. "Ja, er ist betrunken, und dann will er immer raufen." Thorbjörn hatte sich schon zurechtgesetzt und trieb sein Pferd an.—"Halt! Halt! Kamerad!" rief es hinter ihm; er zog die Leine an, aber da das Pferd im Trab blieb, ließ er es gehen. "Hast Du Angst, Thorbjörn Granliden?" schrie es unweit; da hielt er an, sah aber nicht hinter sich.

"Steig ab, hier triffst Du gute Gesellschaft!" rief einer. Thorbjörn drehte sich um. "Danke, ich muß nach Hause", sagte er. Wie sie ein bißchen hin- und herredeten, war der ganze Haufen herangekommen; Knud ging auf das Pferd zu, streichelte es und faßte es beim Zaum, um es anzusehen. Er war groß, hatte blondes, aber struppiges Haar und eine Stumpfnase, breite, dicke Lippen und milchblaue Augen, doch einen frechen Blick. Seiner Schwester ähnelte er wenig, nur etwas in einem Zug um den Mund; er hatte auch die gleiche gerade Stirn, aber nicht so eine hohe wie sie; alle ihre feinen Züge waren bei ihm vergröbert. "Was willst Du für Deine Schindmähre haben?" fragte Knud. "Mein Pferd ist nicht zu verkaufen", antwortete Thorbjörn. "Du meinst wohl, ich kann's nicht bezahlen?" sagte Knud.—"Ich weiß nicht, was Du kannst oder nicht kannst."—"So,—also Du meinst: nein,—Du! Nimm Dich in acht", sagte Knud. Der Bursche, der vorhin in der Stube an der Wand gestanden hatte und den Mädchen ins Haar gefahren war, äußerte jetzt zu einem Nachbar: "Diesmal hat Knud keine rechte Schneid."

Das hörte Knud.

"Keine Schneid? Wer sagt das? Ich keine Schneid?" schrie er. Mehr und mehr Menschen kamen heran.

"Aus dem Weg! Achtung, das Pferd", rief Thorbjörn und trieb seinen Gaul an; er wollte fort.—"Hast Du zu mir aus dem Weg gesagt?" fragte Knud. "Ich habe nur zum Pferd gesprochen, ich muß fort", antwortete Thorbjörn, bog aber nicht aus. "Warum fährst Du gerade auf mich los?" fragte Knud. "Weg da!"—und das Pferd reckte sich in die Höhe, sonst hätte es mit dem Kopf Knud vor die Brust gestoßen. Da packte Knud es am Zaum und Gebiß, und das Pferd, das diesen Griff noch frisch im Gedächtnis hatte, fing an zu zittern. Das wirkte auf Thorbjörn; das mahnte ihn daran, was er selbst dem Pferde angetan hatte; den Ärger über sich übertrug er auf Knud. Nun sprang er auf und zog mit der Peitsche diesem eins über den Kopf. "Du schlägst?" schrie Knud und kam auf ihn zu. Thorbjörn sprang ab. "Du bist ein schlechter Kerl", sagte er und wurde dabei totenblaß; die Zügel gab er dem Barschen aus der Stube, der herangetreten war und sich angeboten hatte. Aber der alte Mann, der nach Aslaks Erzählung von seinem Platz an der Tür aufgestanden war, ging nun auf Thorbjörn zu und zog ihn am Arm. "Sämund Granliden ist ein zu braver Mann, als daß sich sein Sohn mit solchem Raufbold abgeben sollte." Das besänftigte Thorbjörn; Knud aber schrie: "Ich ein Raufbold? Das ist er gerade so gut wie ich, und mein Vater ist gerade so gut wie seiner. Komm 'ran! Dumm genug, daß die Leute nicht wissen, wer von uns der Stärkere ist", fügte er hinzu und legte sein Halstuch ab. "Die Probe darauf machen wir noch immer früh genug", sagte Thorbjörn. Da meinte der Mann, der vorhin im Bette gelegen hatte: "Sie sind wie zwei Katzen, erst müssen sie sich anprusten beide." Thorbjörn hörte das wohl, aber antwortete nicht. Einige lachten; andere sagten wiederum, das sei doch zu toll mit den vielen Raufereien auf dieser Hochzeit; sie sollten doch einen Fremden in Frieden lassen, der ruhig seiner Wege ziehen wollte. Thorbjörn sah sich nach seinem Pferd um, es war seine feste Absicht, weiter zu fahren; aber der Bursche, der es ihm abgenommen, hatte es eine ganze Strecke beiseite geführt und stand selbst wieder dicht bei Thorbjörn. "Was siehst Du Dich um?" fragte Knud, "Synnöve ist weit fort."—"Was geht Dich Synnöve an?"—"Nein, so'ne scheinheiligen Frauenzimmer gehen mich gar nichts an," sagte Knud, "aber vielleicht benimmt sie Dir den Mut!" Das war für Thorbjörn denn doch zu viel; die Umstehenden merkten, daß er das Terrain für den Kampf untersuchte. Nun traten wieder ältere Männer dazwischen und meinten, Knud habe bei dem Fest schon genug auf dem Gewissen. "Mir soll er nichts anhaben!" sagte Thorbjörn und darauf verstummten sie. "Laßt sie doch raufen," sagten andere, "dann werden sie gute Freunde; sie haben sich lange genug mit bösen Blicken verfolgt."—"Ja," setzte einer hinzu, "jeder von beiden will der Stärkere sein; jetzt wird sich's ja zeigen."—"Habt Ihr nicht das Bürschchen Thorbjörn Granliden irgendwo gesehen?" fragte Knud laut, "eben war er doch noch hier."—"Hier ist er", sagte Thorbjörn, und in demselben Augenblick bekam Knud einen Hieb über das rechte Ohr, daß er nahestehenden Männern in die Arme purzelte. Nun wurde es still in der Runde. Knud sprang auf—und vorwärts, ohne einen Laut von sich zu geben; Thorbjörn setzte sich zur Gegenwehr. Ein langer Faustkampf entspann sich; beide wollten einander zu Leibe; aber beide waren geübt und jeder hielt sich den andern vom Leibe. Thorbjörns Hiebe fielen dicht und, wie einige sagten, auch recht wuchtig. "Da ist Knud mal an den Richtigen gekommen," sagte der Bursche, der sich des Pferdes angenommen hatte, "macht Platz!" Die Frauen rissen aus, nur eine blieb oben auf der Treppe stehen, um besser sehen zu können; das war die Braut. Zufällig streifte Thorbjörns Blick sie; er zauderte einen Moment, da sah er ein Messer in Knuds Hand, erinnerte sich ihrer Worte: "Gut ist er nicht", und traf mit einem wohlgezielten Hieb Knuds Arm so über dem Handgelenk, daß das Messer auf die Erde fiel, und der Arm kraftlos sank. "Au—das war ein Hieb!" rief Knud. "Spürst Du's?", fragte Thorbjörn und stürzte auf ihn los. Knud war durch den gelähmten Arm in starkem Nachteil; er wurde hochgehoben, weitergeschleppt, aber es dauerte eine ganze Weile, bis er geworfen war. Mehrmals wurde er so hingeschleudert, daß jeder andere mehr wie genug gehabt hätte; aber sein Rückgrat vertrug viel; Thorbjörn zog mit ihm herum, überall wichen die Leute zurück,—aber Thorbjörn schritt immer weiter mit ihm—er trug ihn um den ganzen Hof herum, bis sie vor die Treppe gelangten, dort schwang er ihn noch einmal hoch in die Luft und drückte ihn dann zu Boden; da gaben Knuds Knie nach, und er stürzte auf die Steinfließen, so lang wie er war, und es sang ihm und es klang ihm in den Ohren. Regungslos blieb er liegen, stöhnte tief und schloß die Augen. Thorbjörn richtete sich auf, sein Blick fiel gerade auf die Braut, die noch immer starr dastand und zusah. "Legt ihm etwas unter den Kopf", sagte sie, drehte sich um und ging ins Haus.

Zwei alte Frauen kamen vorbei; die eine sagte zu der andern: "Herrgott! Da liegt schon wieder einer; wer ist denn das?" Ein Mann antwortete: "Er—der Knud Nordhoug." Da meinte die zweite Frau: "Dann werden wohl die ewigen Raufereien mal ein Ende nehmen—die Menschen können doch ihre Kräfte zu was Besserem brauchen."—"Da hast Du ein wahres Wort gesprochen, Randi," meinte die erste; "unser Herrgott helfe ihnen, daß sie lernen, weniger an sich als an Besseres zu denken."

Das traf Thorbjörn und ergriff ihn tief; bisher hatte er kein Wort hervorgebracht; er stand nur da und sah den Leuten zu, die für Knud sorgten; einige sprachen ihn an, doch er antwortete nicht. Er wandte sich fort und überließ sich seinen Gedanken. Synnöve kam ihm vor allem in den Sinn, und er schämte sich fürchterlich; er überlegte, wie er ihr die Sache erklären könne, und es fiel ihm aufs Herz, daß er doch sein Leben nicht so leicht zu ändern vermochte, wie er geglaubt hatte. Im selben Nu rief es hinter ihm: "Paß auf, Thorbjörn!" und noch ehe er sich umdrehen konnte, wurde er von hinten an den Schultern gepackt und zu Boden geworfen; dann fühlte er nur noch einen stechenden Schmerz; aber er wußte nicht, an welcher Stelle. Er hörte Stimmen rings um sich her; es war ihm, als ob er weggefahren würde, manchmal glaubte er selbst die Zügel zu führen; aber bestimmt wußte er das nicht.

So ging es eine lange Zeit fort; ihm wurde kalt, dann wieder warm, und dann mit einem Male ganz leicht; so leicht, daß er zu schweben meinte, und nun begriff er: Baumkronen trugen ihn, eine zur andern, endlich hinauf zum Hügel; und wieder höher—zur Alm, und noch höher—hoch auf die höchste Felsenspitze, und Synnöve beugte sich über ihn und weinte und fragte: warum er nicht gesprochen habe? Sie weinte heftig und sagte dann, er habe doch gesehen, wie ihm Knud in den Weg getreten sei, und jetzt habe sie doch Knud nehmen müssen. Und dann streichelte sie ihn sanft auf der einen Seite, so daß er dort ganz warm wurde, und weinte so, daß sein Hemde ganz feucht wurde. Aber Aslak kauerte hoch oben auf einem großen, spitzen Stein und zündete die Baumkronen ringsum an; sie zuckten, sie zischten, Zweige flogen um ihn her, Aslak aber lachte mit weit aufgerissenem Mund: "Ich bin's nicht gewesen, meine Mutter hat's getan!" Und auf der andern Seite stand Vater Sämund und warf Kornsäcke hoch, so hoch, daß die Wolken sie auffingen und das Korn wie Nebel verstreuten, und Thorbjörn wunderte sich, daß das Korn über den ganzen Himmel hinfliegen konnte. Und wie er wieder herunterblickte, war Sämund mit einem Male ganz klein geworden, so klein wie ein Punkt; aber er warf noch immer die Säcke, höher und höher und rief: Das mach' mir mal nach! Hoch, hoch oben in den Wolken stand die Kirche, und auf ihrer Turmspitze die blonde Frau aus Solbakken, die schwenkte in der einen Hand ein rotes Taschentuch, in der anderen ein Gesangbuch und sagte: "Hierher kommst Du mir nicht, solange Du noch raufst und fluchst!"—und als er schärfer hinsah, war es gar nicht die Kirche,—nein, es war Solbakken, und die Sonne strahlte so hell auf all die hundert Fensterscheiben, daß ihm die Augen davon weh taten und er sie schließen mußte.

"Vorsichtig, vorsichtig, Sämund!" hörte er mit einem Male rufen; er erwachte wie aus dem Schlummer, wie wenn er fortgetragen würde, und er sah sich um. Er war zu Hause in der Stube von Granliden; ein tüchtiges Feuer brannte im Herde; er erblickte neben sich die Mutter; sie weinte, der Vater wollte ihn eben aufnehmen—um ihn in eine Seitenkammer zu bringen, da ließ er ihn sacht wieder nieder: "Es ist noch Leben in ihm", sagte er mit bebender Stimme und wandte sich zur Mutter; die schrie: "Lieber, lieber Gott, er schlägt die Augen auf! Thorbjörn, Thorbjörn, barmherziger Himmel, was haben sie mit Dir gemacht!" und sie beugte sich über ihn, streichelte ihm die Backen, und ihre Tränen fielen dabei warm auf sein Gesicht. Sämund wischte sich mit dem einen Ärmel die Augen, schob die Mutter sacht beiseite: "Ich möchte ihn doch jetzt gleich 'rübertragen", sagte er, und legte die eine Hand vorsichtig unter Thorbjörns Schultern, die andere unter das Rückgrat. "Stütz' ihm den Kopf, Mutter, wenn er ihn nicht hochhalten kann." Sie ging voran und stützte den Kopf, Sämund suchte gleichen Schritt mit ihr zu halten, und bald war Thorbjörn umquartiert. Nachdem sie ihn gut gebettet und ordentlich zugedeckt hatten, fragte Sämund, ob der Knecht schon fortgefahren sei. "Da kannst Du ihn noch sehen", sagte die Mutter und zeigte nach dem Hof hinaus; Sämund machte das Fenster auf und rief: "Wenn Du es in einer Stunde schaffst, kriegst Du doppelten Jahreslohn—und sollte das Pferd auch dabei drauf gehen!"