Er trat wieder ans Bett; Thorbjörn sah ihn mit großen, klaren Augen an; des Vaters Augen waren immer wieder auf den Sohn gerichtet und wurden feucht. "Ich wußte, es würde solches Ende mit ihm nehmen", sagte er, drehte sich um und ging hinaus. Die Mutter setzte sich auf einen Schemel zu Füßen Thorbjörns und weinte, sprach aber nicht. Thorbjörn wollte sprechen, fühlte jedoch, daß es ihm zu schwer fiel, und schwieg darum. Aber beständig sah er seine Mutter an, und sie hatte früher nie einen solchen Glanz in seinen Augen bemerkt, noch empfunden, daß sie so schön wie jetzt waren, und das nahm sie für ein schlechtes Zeichen. "Gott der Herr steh' Dir bei," stieß sie hervor, "ich weiß, es ist Sämunds Tod, wenn Du von uns gehst." Thorbjörn sah sie an; seine Augen, sein Gesicht waren starr. Sein Blick drang ihr tief in die Seele, und sie begann das Vaterunser für ihn zu beten; denn sie hielt seine Stunden für gezählt. Und als sie so bei ihm saß, ging es ihr durch den Sinn, wie überaus lieb sie alle gerade ihn hatten; und jetzt war nicht eins von seinen Geschwistern zu Hause. Da schickte sie zur Alm, um Ingrid und den jüngern Bruder zu holen; dann setzte sie sich wieder an das Bett. Er sah sie unverwandt an; und sein Blick wirkte auf sie wie ein Gesangbuchlied, das sie sanft auf zu Höherem führte; und die alte Ingebjörg wurde andächtiglich ergriffen, nahm die Bibel und sagte: "Jetzt will ich laut zu Deinem Frommen lesen, auf daß es Dir gut ergehe." Da sie ihre Brille nicht bei der Hand hatte, schlug sie eine Stelle auf, die sie von ihrer Kinderzeit noch so ungefähr auswendig konnte, und die Stelle war aus dem Evangelium Johannis. Sie konnte nicht wissen, ob er es höre, denn er lag nach wie vor starr da,—aber sie las,—wenn nicht für ihn, so für sich selbst.
Bald kam Ingrid nach Hause, um die Mutter abzulösen; aber da schlief Thorbjörn gerade. Sie weinte unaufhörlich; sie hatte schon geweint, ehe sie von der Alm fortging; denn sie dachte an Synnöve, die ohne Nachricht blieb.—Dann kam der Doktor und untersuchte. Thorbjörn hatte einen Messerstich in die Seite bekommen und noch andere Verletzungen, aber der Doktor sagte nichts, und es fragte ihn keiner. Sämund begleitete ihn in die Krankenstube, stellte sich neben ihn und blickte ihm beständig ins Gesicht, ging mit hinaus, da der Doktor ging, half ihm hinauf auf seinen zweirädrigen Wagen und nahm den Hut ab, als der Doktor sagte, er werde am nächsten Tage wiederkommen. Dann drehte er sich zu seiner Frau um, die neben ihm stand: "Wenn der Mann nichts sagt, steht es schlecht", seine Lippen zitterten, er drehte sich auf den Hacken um und ging querfeldein.
Niemand wußte, wo er steckte, er kam weder am selben Abend, noch in der Nacht, sondern erst den nächsten Morgen nach Hause, und da sah er so finster aus, daß sich keiner zu fragen getraute. Er selbst sagte nur: "Na?"—"Er hat geschlafen," sagte Ingrid, "aber er ist so von Kräften, daß er nicht die Hand heben kann." Sämund wollte in die Krankenstube, aber dicht vor der Tür machte er Kehrt.
Der Doktor kam am nächsten Tage wieder und auch die folgenden Tage. Thorbjörn konnte sprechen, aber er durfte sich nicht bewegen. Ingrid saß am meisten bei ihm, auch die Mutter oft und sein jüngerer Bruder; aber er richtete keine Frage an sie und sie nicht an ihn. Der Vater war niemals in der Stube. Die anderen sahen, daß der Kranke das merkte; er blickte gespannt hin, sobald die Tür aufging; jedenfalls doch, weil er den Vater erwartete. Schließlich fragte ihn Ingrid, wen er wohl außerdem noch gern sehen möchte? "Ach, mich will ja keiner sehen", antwortete er. Das wurde Sämund wiedererzählt; der entgegnete im Augenblick nichts, und als an diesem Tage der Doktor kam, war er nicht zu Hause. Aber ein Stück Weges vom Hofe erwartete er ihn bei der Rückfahrt; er hatte auf dem Grabenrand gesessen, stand auf, als der Wagen vorbeifuhr, grüßte und fragte nach dem Zustand seines Sohnes. "Sie haben ihm böse mitgespielt", lautete kurz die Antwort. "Wird er durchkommen?" fragte Sämund und bastelte am Bauchgurt des Pferdes. "Danke, der Gurt sitzt ja gut", sagte der Doktor. "Nicht stramm genug", antwortete Sämund. Dann waren beide eine Zeitlang stumm; der Doktor sah ihn an; Sämund arbeitete eifrig an dem Gurt herum, blickte aber nicht auf. "Du hast gefragt, ob er durchkommen wird; ja, das glaube ich wohl", sagte der Doktor langsam; Sämund blickte schnell auf. "Dann ist keine Lebensgefahr mehr?" fragte er. "Seit ein paar Tagen nicht mehr", antwortete der Doktor. Da rollten Tränen aus Sämunds Augen; er wischte sie ab, aber sie kamen wieder, "'s ist 'ne reine Schande, wie lieb ich den Jungen habe," schluchzte er, "aber einen prächtigem Burschen hat's im ganzen Gau noch nicht gegeben." Der Doktor wurde gerührt: "Warum hast Du nicht schon früher gefragt?"—"Ich hätt' es nicht hören können", antwortete Sämund und wollte die Tränen herunterschlucken; aber es gelang ihm nicht; "und dann waren die Frauensleute dabei," fuhr er fort, "die sahen immer hin, ob ich Dich nicht fragen wolle, und da kriegte ich's nicht fertig." Der Doktor ließ ihm Zeit, wieder ordentlich zu sich zu kommen, und nun blickte Sämund ihn fest an: "Wird er wieder ganz gesund?" fragte er plötzlich. "Soweit es möglich ist; übrigens läßt sich darüber mit Sicherheit nichts sagen." Da wurde Sämund ruhig und nachdenklich. "Soweit es möglich ist", murmelte er und blickte zu Boden. Der Doktor wollte ihn nicht stören; es war etwas in dem Mann vor ihm, das es ihm verbot. Plötzlich hob Sämund den Kopf: "Ich danke für die Auskunft", sagte er, reichte dem Doktor die Hand und ging nach Hause.
Währenddessen saß Ingrid bei dem Kranken. "Wenn Du es hören kannst, will ich Dir etwas vom Vater erzählen", sagte sie. "Erzähle", antwortete er. "An dem Abend, als der Doktor zum ersten Male hier war, war Vater plötzlich weg, und niemand wußte, wo er war. Da war er zum Hochzeitshause gegangen; den Leuten wurde schlecht zumute, als er eintrat. Er setzte sich an den Tisch und trank mit den andern; und der Bräutigam hat später erzählt, er habe geglaubt, Vater sei ins Taumeln gekommen. Aber dann erst hub er an, nach der Rauferei zu fragen, und erhielt auch genauen Bericht. Nun kam Knud; Vater wünschte, Knud solle erzählen, und ging auf den Hof zu der Stelle hin, wo Ihr gerauft hattet. Die ganze Gesellschaft ging mit. Knud erzählte, wie Du mit ihm umgesprungen seist, nachdem Du ihm die Hand lahm geschlagen hattest; aber als er nun nicht weiter mit der Sprache heraus wollte, richtete Vater sich hoch auf und fragte: ob das vielleicht dann so zugegangen wäre—und im selben Augenblick hatte er schon Knud vorn an der Brust gepackt, dann hob er ihn hoch und warf ihn auf die Steinfließen, wo noch Blut von Dir klebte; mit der linken Hand drückte er ihn nieder, mit der Rechten zog er sein Messer; Knud wechselte die Farbe und alle Gäste standen stumm dabei. Einige hatten gesehen, daß Vater geweint hat; aber getan hat er Knud nichts. Der lag da und rührte sich nicht. Vater riß ihn wieder hoch, warf ihn eine Weile darauf wieder zu Boden. 'Es fällt einem recht schwer, Dich entwischen zu lassen', sagte er und nahm ihn scharf aufs Korn, indem er ihn festhielt.
Zwei alte Frauen gingen vorbei und die eine sagte: 'Denk an Deine Kinder, Sämund Granliden', und sofort, so erzählen die Leute, hat Vater den Knud losgelassen, und bald darauf war er herunter vom Hof; aber Knud drückte sich zwischen den Häusern fort von der Hochzeit und wurde nicht mehr gesehen."
Kaum war Ingrid mit ihrer Erzählung fertig, da öffnete sich die Tür; jemand sah hinein, und das war der Vater. Sie ging gleich aus der Stube; Sämund trat ein. Wovon Vater und Sohn miteinander gesprochen haben, das hat niemand erfahren; die Mutter, die an der Tür stand und lauschte, glaubte doch einmal verstanden zu haben, daß sie darüber redeten, ob Thorbjörn wieder ganz gesund werden könne oder nicht. Aber sie war ihrer Sache nicht sicher, und hineingehen wollte sie nicht, solange Sämund drin war. Als er herauskam, waren seine Züge sehr sanft, seine Augen etwas gerötet. "Wir werden ihn wohl behalten," sagte er im Vorbeigehen zu Ingebjörg, "aber unser Herrgott weiß, ob er wieder ganz gesund wird." Ingebjörg fing zu weinen an und ging ihrem Manne nach; auf der Treppe zum Schuppen setzten sie sich nebeneinander, und sie besprachen mancherlei.
Als aber Ingrid leise wieder zu Thorbjörn hineinkam, lag er da mit einem Zettel in der Hand und sagte ruhig und langsam: "Den Zettel gib Synnöve, sobald Du sie triffst." Als Ingrid gelesen hatte, was darauf stand, wandte sie sich ab und weinte, denn auf dem Zettel stand:
"An die hochgeschätzte Jungfrau Synnöve, Tochter des Guttorm Solbakken.
Wenn Du diese Zeilen gelesen hast, so soll es aus sein zwischen uns beiden. Denn ich bin nicht der Mann, der für Dich bestimmt ist. Unser Herrgott sei mit uns beiden.