Der war ein frommer Mann, ein guter Mann, des Königs Almosenverteiler.
In jungen Jahren hatte er sich vorgenommen, Einsiedler zu werden. So früh schon hatte er sich von der Welt und ihrer Eitelkeit abgewandt. Ein grosser Theologe, besonders bewandert in der Gewissenslehre. Eine grobe Kutte war sein Gewand mit einem Strick als Gurt. In demutsvoller Bescheidenheit stand er da. Er bat erst Gott um Erleuchtung, und sprach dann also:
»Eine Kriegslist hat es Ratbert ermöglicht, seine Fahnen auf Anconas Mauern zu pflanzen. Vom Standpunkt der Kirche ist das gutzuheissen. Denn Ancona hatte sich töricht betragen. Es lässt sich nur billigen, wenn bürgerlichen Zwistigkeiten mit bewaffneter Hand ein Ende gemacht wird, auch wenn dabei eine List den Ausschlag gibt. Solche List an Stelle von Blutvergiessen und anderen Gewalttätigkeiten zu setzen, heisst die Kriegskunst mildern und den Sieg von vornherein sichern. Ich bin ja nur ein Mann der Kirche, ich verstehe mich besser darauf, im Hause Gottes – gelobt sei sein Name – die Messe zu lesen, als zu einer so vornehmen Versammlung zu sprechen. Aber soviel verstehe doch auch ich, dass man in dieser Welt auf verschiedene Weise seinen Weg macht. Der König panzert seinen Streithengst mit Eisen und füttert ihn mit frischem, fettem Hafer. Der Erzengel reitet auf einem Drachen. Der Apostel auf einem Esel. Und so ist es auch mit dem Recht. Auch das ist nicht gleich für alle. Für den König ist es dehnbarer als für das gemeine Volk. Es ist notwendig, dass der König Freiheit hat. Es ist notwendig, dass das Volk in strammer Zucht gehalten wird. Das Volk ist Herde. Der König ist sein Hirte. Der König führt die Befehle Gottes im Volke aus. Der König darf zum Wohl seines eigenen Volkes ohne besondere Kriegserklärung andere Völker überfallen, besonders wenn es sich um Türken handelt. Die Türken stehen ausserhalb des allgemeinen Völkerrechts, denn sie sind keine Christen. Aber die Christen, die sich dem König widersetzen und sich wie jene betragen, sind ja im Grunde auch nichts anderes als Türken und können ganz ebenso behandelt werden. Gilt es das Wohl des Staates, so dürfen den König keine Bedenken zurückhalten. Jede Sache hat ihr besonderes Gesetz und fordert eine besondere Einsicht. Die Tochter des Grafen von Final ist ein Kind, und es ist nicht recht, dass Minderjährige den Thron innehaben. Nun sitzen ja wohl auch in anderen Reichen Minderjährige auf dem Thron. Da erhebt sich die Frage: darf man den einen absetzen, und den andern nicht? Ja gewiss, das darf man. Sind doch die Sitten und die Verhältnisse so grundverschieden. Das salische Erbfolgegesetz mag anderswo heilsam sein, aber in Final ist es verwerflich.«
»Bischof,« sprach der König, »du sollst Kardinal werden!«
Auf einem Felsen an der genuesischen Küste lag die Feste Final. Eine treue Besatzung wachte über das Kind, über die Erbin der Freigrafschaft. Bei der Kleinen war ihr Grossvater. Sie lebten dort einsam zwischen Mauern und Schluchten. Das Mädchen war fünf Jahre alt, der Grossvater achtzig.
Sie hiess Isora von Final, er Fabrice Graf von Albenga, ein wackerer Mann, von allen geliebt, einst als gewaltiger Feldherr gefürchtet, als Admiral und General, seine Zeitgenossen durch Charakterstärke und Lauterkeit der Gesinnung überragend. Nun war er ein Greis. Und wie alle Hochsinnigen war er rückhaltlos vertrauensselig gegen jedermann. Denn er stammte aus einem besseren Jahrhundert als dieses war, das er nun noch miterlebte. Für diese Zeit hatte er eigentlich kein Verständnis. Er kam sich darinnen vor wie ein Landflüchtiger. Alle seine Altersgenossen waren dahin. Die betagteren Leute erinnerten sich wohl seiner noch ein wenig, die jungen aber hatten ihn ganz und gar vergessen. Oft schritt er wie im Traum einher, ohne zu hören oder zu sehen. Man konnte glauben, seine Seele weile in solchen Augenblicken im Jenseits, um zu erfahren, wann ihre Stunde schlagen würde. Das Einzige wohl, was ihn noch eine Weile hienieden zurückhielt, war Liebe. Er lebte für seine Umgebung. Man muss lieben, wenn man in den Ruinen der Vergangenheit Wurzeln schlagen will. So wie es der Efeu macht. Seine Blätter haben alle die Form eines Herzens …
In seiner Enkelin lebte ihm noch einmal die alte, versunkene Zeit auf. Ihm war, als sähe er sein Weib und seine Tochter in der Kleinen wieder. Ungestört lebte er sein Traumleben. Jeden Morgen gürtete er sich sein Schwert um, obschon er es kaum mehr aus der Scheide ziehen konnte. Jeden Abend nahm er das Kind mit in die Kapelle und betete dort, indes er mit klaren Augen auf die Grabsteine im Chor schaute. Das Kind frug. Und er erzählte. Manchmal spielte die Kleine frühmorgens allein in den Türmen, ihren alten guten Freunden. Wenn er sie dann fand, entsprang sie ihm und lief lachend hinter Schmetterlingen her, rund um die Grüfte …
In diesem räuberischen Jahrhundert hatte jedes Volk seine Grossen, die es ausplünderten. Und über den Grossen sassen wieder die Könige als gierige Geier. Aber die Grafschaft Final war eine Freistatt für Rechtschaffenheit und Wohlfahrt. Die Einkünfte der Domänen und die Abgaben der Herrensitze wurden Jahr für Jahr auf zwanzig Maultieren in die Feste gebracht. Gold und Silber lag in einem Keller verwahrt, den nur der greise Graf wusste. Uralt war der Keller, und er barg noch grosse Schätze aus den Zeiten Wittekinds und der Ottonen. Am ganzen Mittelmeer erzählte man von seinem Reichtum. Viele, die an Final vorbeisegelten, hatten schon die Stärke des Turmes bewundert, der hoch in den Himmel ragend über diesem Keller Wache hielt. Die vier Evangelisten standen geschnitzt und vergoldet auf vier Wurfmaschinen. Ausserdem war der Zugang zu dem Felsgelass geschützt durch zwei stolze, riesenhafte Kriegergestalten aus Stein, die im hohlen Innern ihrer gewaltigen Sturmhauben viele lebendige, eisenbewehrte Hüter verbargen. Uneinnehmbar war die Feste.