Eines Morgens stiess die Torwache ins Horn. Ein Geistlicher, von einem Läufer begleitet, überbrachte einen Brief des Königs von Arles. Ratbert schrieb: Bevor er nach Tarent segle, fühle er sich gedrängt, seine Base Isora zu begrüssen und ihr die Stirne zu küssen. Der Geistliche verneigte sich vor dem Grafen und betonte, es sei das eine Ehre, wie sie der König sonst nur Königinnen erweise.
Dem Briefe hatte Ratbert einen Wagen mit Geschenken und kostbarem Spielzeug vorausgesandt. Isora klatschte entzückt mit den Händchen. Der fromme Gottesmann wurde gut aufgenommen, und als er schied, erwies er der Kleinen Ehren, wie sie nur einem grossen Souverän zukommen.
Dem alten Grafen schmeichelte es sehr, seine Enkelin so hoch geschätzt zu sehen. Er gelobte Ratbert gastlichste Aufnahme.
Wie Fabrice nun eines Tages so stand und gerührt wieder und immer wieder das gnädige Handschreiben des Königs durchlas, flog ein Rabe vorbei und warf seinen dunklen Schatten über den Brief. Diese schwarzen Vögel folgten einst auch Judas, als er dem Herrn Jesus den Weg wies.
»Habt acht auf den Raben!« mahnte die Wache. Der Vogel hatte sich auf einen der Türme gesetzt. »Den Raben dort«, sagte der Graf, »kenne ich seit meiner Knabenzeit. Der hat ganz in der Nähe sein Nest. Der ist mindestens hundert Jahre alt, und krächzte von jeher so wunderlich. Aber erschreckt hat er mich noch nie!«
Nun bekam man in Final alle Hände voll zu tun. Das Gras auf den gepflasterten Wegen und an den Steintreppen wurde ausgejätet, die Türme wurden gesäubert, Wände getüncht, reife Gartenfrüchte aufgehäuft, Fässer mit Öl und Wein aus den Kellern heraufgeschafft, grünes Laub und Salbeiblüten über alle Stufen und Gänge gestreut. In den Küchen brieten Wildschweine an Spiessen. Aus allen Winkeln scholl Lachen bei fröhlicher Arbeit. Köstliche Teppiche hingen von den Balkonen nieder.
Der grosse Tag war gekommen …
Die kleine Gräfin wird noch angekleidet. Ihre Kemenate ist voll von dienenden Frauen, und bei ihr weilt der alte Graf. Mit blossen Füsschen sitzt sie auf ihrem Bette. Er vor ihr in einem alten Lehnstuhl, und schaut auf die weisse Kinderstirn, die nun bald ein König zu küssen kommt. Und goldenes Haar leuchtet fromm um das kleine, feine Gesichtchen. Er spricht mit ihr und mit den Dienerinnen und mit sich selbst allerlei, was ihm gerade einfällt – Altes, Neues, Trauriges, Lustiges.
»Ja, nun musst du auch richtig Staat machen! Nun kommt ein grosser Herr, dich zu begrüssen, dich zu küssen, hörst du? Vergiss aber nicht, ihn ›Monseigneur‹ anzureden. – Nein, schau, das hat er dir auch noch geschenkt: die heilige Jungfrau mit dem Silberdiadem! Und diesen Ritter! Du, der war gewiss einer von Attilas Bogenschützen! Und dieser Kerl da von Gold! Was für eine Pracht! – Nun kommen schon die Bauersleute von weit her. Die halten viel von dir, weisst du! Und Goldzechinen sollst du auf sie niederwerfen! Und dann sollst du nur sehen, wie die ihre Mützen von den Köpfen reissen, um deine Münzen zu erhaschen! Ei, wird das ein Fest werden! Dass ich den Tag noch erleben darf! – Nein nein – nun muss ich der Kleinen helfen. Das ist mein Amt! Als ihre Mutter noch klein war – ja, damals war ich schon ein alter Geselle – da habe ich sie auch immer angekleidet. Ja ja – ich dachte, der Tod könnte mit grauen Haaren zufrieden sein – ja, das dacht' ich so oft, und dass er nicht dunkles und blondes Haar mit sich zu nehmen brauchte! Das Kind sollte seine Mutter noch haben – und ich mein Weib! Aber da die beiden nun meinen Platz eingenommen haben, muss ich eben an ihre Stelle treten!«
Und dabei knöpfte er das Kinderkleidchen zu, indes andere der süssen Kleinen die Schuhe banden. Aber gewiss hatte er sich ehedem den Panzer besser umgelegt als jetzt das Seidenkleidchen der Kleinen.