Erschüttert und durchgraut aber sehen die plötzlich ernüchterten Gäste der Kaisertafel drein, als im selben Augenblick ein Bärenkäfig herangeschleppt wird. Ein Seil schleift nach. Ein Leichenkleidchen liegt auf dem Käfig, zwei dünne weisse Kinderärmchen hangen aus den Ärmeln heraus. Fabrice bebt wie ein Baum im Wirbelsturm … und Ratbert reisst das Totenlaken von dem Kinderantlitz – die kleine Isora ist es, bleich und stumm … ihr Händchen hält noch ein Spielzeug umkrampft … da fährt Riesenkraft in den Greis, los reisst er sich aus den Henkerfäusten und schleppt das Marterwerkzeug mit …
»Erwürgt!« schreit er. »O ich Unseliger! Einem König hatte ich die Tore aufgetan, Rittern und Priestern – und es kam ein Rudel Wölfe … O ich Unseliger! Zertreten konnt' ich dich und deinen ganzen Haufen! nicht einer wär' mir lebendig entwischt! … Jetzt kannst du sagen, das Glück folge deinen Fahnen – bist du doch Sieger über ein fünfjähriges Kind! Verflucht seist du, Ratbert, du Kaiser, du König, du Schurke! Nun hörst du, dass ich sprechen kann! Und nun will ich auch mein letztes Wort sagen auf dieser Erde: Lebt denn wirklich noch ein Gott?? Wagt er es wirklich, seine Gestirne noch einmal aufgehen zu lassen über dieser Erde??«
Da, wie ein tausendfältiger Blitz, schiesst ein furchtbarer Lichtschein hernieder, so blendend und jäh, dass niemand sieht, wie es geschehen – und des Kaisers Haupt, Ratberts Haupt rollt über den Tisch, zwischen Bechern und Kelchen rollt es hinab und liegt auf der Erde. Entsetzt sind alle aufgesprungen und starren nach dem Thronsitz, wo Ratbert der Herrscher noch thront, ohne Kopf … sein Blut spritzt noch wild über die Tafel … in weitem Bogen ergiesst es sich über die Gäste … Und keiner konnte es fassen, wer den Kaiser getötet habe …
Zur selben Zeit, Hunderte von Meilen entfernt, ergeht sich der Abt von Jong-Dieu, Heraklius der Kahle, der Bruder des Erzbischofs von Lyon, in seinem friedlichen Park. Die Nacht ist mondhell, und es tut ihm immer so wohl, nach dem langen Stillesitzen seines gottgefälligen Tages ein wenig im Garten zu wandeln. Da, in jähem Erschrecken, ist ihm, als sähe er einen Riesenschatten aus der Höhe fallen! Er schaut empor … und staunend erblickt er einen Cherub, der ein ungeheures, blutbeflecktes Schwert an einer Wolke wieder blank streicht …
DIE ROSE DER INFANTIN
Sie war ganz klein. Eine Hofmeisterin war bei ihr. Sie hielt eine Rose in der Hand und schaute über das ungeheure Marmorbassin. Pinien standen in der Runde und riesige Birken. Jetzt, im ersten Abenddämmern, schatteten sie auf das Wasser. Tiefer im Park lag ein grosses Schloss. Unter den Bäumen blinkten murmelnde Quellen. Eine Hirschkuh trank daraus. Pfauen stolzierten umher mit ausgebreiteten Sternschwingen.
Auf der einen Seite des Marmorbeckens war der Rasen ganz übersät von Rubinen und Diamanten. Das machten die marmornen Delphine. Die spieen weite Wasserstrahlen gegen den Wind.