Hier finden sie alle Futter genug, die nach Menschenaas gierenden Vögel: Raben, Eulen, Gabelweihen und Adler … Grausig ist es, einem Geier zuzusehen, der über einer Leiche hockt, sie zerfleischt, zerreisst, und, wenn er gesättigt ist, alles wieder hinter sich säubert und sich ableckt – oder einem Habicht, der kreischend zerschmetterte Gliedmassen daherschleppt …
Aber ihr Mahl ist noch lange nicht so grauenvoll wie das Gelage des Kaisers …
Wenn Raben mit ihren kreisrunden Augen die Nacht durchspähen, wenn Spinnen in ihren blassen Netzen lauernd hangen, treibt sie dazu das Gesetz des Hungers, das Gesetz des Lebens, der Erde, dessen dunkles Geheimnis nur dem Himmel enthüllt ist. Aber dass der Mensch, der Erkorene, der das Gute gesucht und gewollt und erkannt hat, dass der seinen Bruder aus dem Weg räumt mit Lachen und Jubel – davor erschrickt der ewige Lebenszeuger, auch wenn das Verbrechen sich feig in die Nacht verbirgt. Ob der Himmel blau oder schwarz ist – dass Kain seinen Bruder erschlägt, davor erschrickt Gott …
Mit einem Mal verstummt die trunkene Orgie … So jäh und tief ist das Schweigen, dass sogar die Hunde von den Knochen, daran sie nagen und knacken, aufschauen … Ein Greis steht mitten unter den Zechern, ein Gefangener, mit weissem Haar, mit auf dem Rücken gefesselten Händen wie ein Dieb, doch mit einer Miene und in einer Haltung, die Ehrfurcht gebietet … Lanzenträger führen ihn vor. Es ist Graf Fabrice.
Ratbert spricht zu ihm: »Du allein weisst, wo der Schatz verborgen liegt – nur deshalb lebst du noch. Und bei Gott! sagst du, wo der ist, so rettest du dein Leben.«
Fabrice sieht ihn an und schweigt.
Der König ruft: »Bist du taub, Kamerad? Gib Antwort, Graf, oder du alter Löwe sollst dich krümmen wie ein Hund!«
Der Greis steht regungslos zwischen den blanken Lanzen, als hätte er schon seinen Platz in dem ewigen Schweigen.
Und er schaut den König mit solchen Augen an, dass der auffährt und schreit: »Ein dummes altes Schaf warst du, dass du uns in deine Burg hereinliessest! Und all das Kinderspielzeug, das ich sandte, war für dich bestimmt – denn du lebst ja in einer zweiten Kindheit! Heraus jetzt mit dem Schatz, den du zusammengestohlen hast, und reize mich nicht länger! Denn sonst werde ich deinen Kopf aufpflanzen lassen, droben auf dem Turm auf einem Pfahl – dann hast du Zeit genug zum Schweigen!«
Der Greis bleibt stumm. Der Henker kommt grinsend mit Schraubschuhen, legt sie ihm an und schraubt sie fest, dass die alten Knochen krachen.