Paul beherrschte seinen Grossvater. Mit unumschränkter Macht, mit der Macht, die Kinder über uns haben, wenn sie uns lieben. Der Grossvater wurde zum Sklaven des Jungen. – »Warte, Grossvater!« – und der Grossvater wartete. »Nein, komm'!« – und der Grossvater kam. – O, wie gut sich die beiden vertrugen, der kleine Tyrann und der alte kujonierte Sklave! Der eine drei Jahre alt, der andere weit über achtzig. Aber gleich grosse Kinder waren sie beide dort unter den Vogelliedern des Gartens. Der Grossvater lehrte seinen Enkel das Denken, und Paulchen lehrte den alten Mann das Glauben. Den ganzen Tag waren sie beisammen. Nachts schliefen sie in demselben Zimmer. Sie sprachen miteinander wie die blauen Vögel im Märchen.
Dem Vater Pauls wurde von seiner neuen Frau bald ein neuer Knabe geschenkt. Paul wusste nichts davon. Er war bei dem Grossvater. – »Nimm dich vor dem Wasser in acht, Paul! – Geh nicht so nah ans Wasser! – Aber Paul, nun hast du nasse Füsse bekommen!« – »Ja, Grossvater.« – »Nun müssen wir nach Hause und uns umziehen!« – Paul kannte keine Sorgen. Der Grossvater war seine ganze Welt. –
Und da starb der Grossvater.
Der Kleine verstand das nicht. Sein Auge suchte. Seine Stirn grübelte. Aber er verstand es nicht. Mitunter war der alte Mann wohl müde gewesen und hatte gesagt: »Ja ja, Paul – ich muss nun bald sterben, dann siehst du deinen alten Grossvater nicht mehr – und er hat so viel von dir gehalten.«
Wer aber könnte das vertrauensselige Licht löschen, das »Nichtverstehen« heisst?
Die Kirche lag draussen zwischen den Äckern. Eine kleine, armselige Kirche, die sich nun unter Glockengeläut auftat. Es war ein schöner Tag. Der Pastor, die Verwandten, die Freunde kamen mit dem toten Grossvater vom Trauerhause. Sie beteten laut auf dem ganzen Wege. Barhäuptig gingen sie dahin … Es war Frühling, und alles ging in leichten Kleidern. Und der Kleine pilgerte dicht hinter dem Sarg her. Öde lag der Kirchhof. Keinen Baum gab es da. Alle Gräber glichen sich in ihrer Schmucklosigkeit. Die Friedhofsmauer war baufällig. Eine Holztüre führte durch sie hinein. Die tat sich so schwer auf. Paul beschaute aufmerksam die Türe. Er war nun drei Jahre alt.