»Du schlechtes Kind! Rasend könnte man werden mit dir! Da sitzt er nun und ruiniert meine Kleider mit all der Milch! In den Keller sollst du!« So spricht man jetzt zu Paul.
Als sie den Grossvater fortgetragen hatten, zog bald ein fremder Mann in das alte Haus, – sein Vater –, und eine fremde Frau mit einem Säugling brachte er mit. Die Stiefmutter hasste den kleinen Paul. Er stand ihr im Wege. Eine Mutter kann eine Sphinx sein. Weiss auf der einen Seite, die liebt – schwarz auf der andern, die hasst. Die Eifersucht kann sie weich machen gegen das eigne Kind, und hart gegen ein fremdes …
Leiden und dulden, – das kann ein Märtyrer, ein Prophet, ein Apostel. Aber ein kleiner Junge? Hass statt Liebe? Paul konnte das nicht begreifen. Wenn er abends in seine kleine Kammer kam, war es ihm, als sei sie in finsteres Schwarz getaucht. Er weinte lange, wenn er allein war, weinte, bis er endlich einschlief. Und wenn er erwachte, sah er sich immer verwundert um. Es war ihm, als wenn es hier innen im Hause keinen Tag und keine Fenster gäbe. Und wenn er dann hinaus kam, schien ihm auch der Garten verwandelt und fremd geworden, und er hielt sich dort auf, wo dunkler Schatten lag. »Was? – bist du schon wieder da? Und so schmutzig bist du! Mach, dass du fort kommst!«
Nach dem Schelten war die Stiefmutter jedesmal gut zu ihm. Aber das dauerte nicht lange.
Er besann sich nicht mehr auf alle die Worte, die der Grossvater zu ihm gesprochen hatte, aber er wusste: der Grossvater hatte ihn lieb gehabt …
Schweigsam war der Junge geworden, er sprach fast gar nicht mehr. Er weinte auch nicht mehr. Oft aber sass er da und schaute nach der Türe hin …
Eines Abends war er fortgeblieben. Man konnte ihn nicht finden. Es war im Winter. Die kleinen Fussspuren verloren sich im Schnee.
Am Morgen darauf fand man ihn. Viele wollten abends vorher ein Kind weinen und rufen gehört haben: »Grossvater! Grossvater!« – Das ganze Dorf hatte nach ihm gesucht. An der Holztüre zum Kirchhof fand man ihn. Seltsam, wie der Kleine im Dunkeln dorthin hatte finden können …
Er hatte es nicht fertig gebracht, das Holzgitter zu öffnen, und da er nicht zum Grossvater gelangen konnte, den er wecken wollte, hatte er sich endlich niedergelegt und war eingeschlafen …