Sie nimmt eine Handlaterne, steckt sie an und legt ein breites Tuch um. Sie will hinaus und aufs Meer schauen und nachsehen, ob die Signale für die Boote in Ordnung sind. – Hier aussen regnet es. Kalt und nass treibt es ihr ins Gesicht. Und dunkler kann es nicht sein als hier bei Regenwetter in einer Winternacht. Aus keinem Fenster dringt ein Licht.
Plötzlich bleibt sie stehen. Da ist ein verfallenes Häuschen. Der Nordwest pfeift durch das Gebälk, und die Türen zittern. Das Strohdach ist halb abgedeckt.
Oh, ich hab' ja die arme Witwe heut' ganz vergessen! denkt sie. Das Unwetter hat sie ganz verwirrt. Ihr Mann hatte noch am Abend gesagt, wie krank die Arme sei; sie sollte einmal nach ihr sehen.
Sie klopft an die morsche Haustür. Keine Antwort. Sie friert. Der Nordwest ist eisig kalt. Die Arme drinnen hat wohl kaum etwas zu essen! Und dazu noch die beiden Kinder! Sie klopft noch einmal und ruft. Wieder keine Antwort. Die schlafen fest, denkt sie. Und wie sie sich gegen die Tür lehnt, springt die von selber auf. Manchmal scheint es, als könnten die Dinge mit uns fühlen …
Sie tritt ein. Das Licht erhellt den elenden Raum. Das Dach ist so entzwei, dass Regenwasser herniederrinnt.
Da sieht sie die Witwe auf dem Bett liegen, zusammengekauert mit nackten Füssen. Das Gesicht ist verzerrt. Eine Leiche – ein Gespenst! Die Arme hängen fahl und kalt vom Stroh. Die Hände sind schon blau. Der Mund steht noch offen vom letzten Schrei, der sie in die Ewigkeit hineintrug. – Neben dem Bette der Mutter steht die Wiege. Darinnen liegt ein kleines Mädchen und ein kleiner Knabe. Die schlafen beide. Wie das Licht auf sie fällt, lächeln sie im Schlaf.
Als die Mutter den Tod gefühlt, hat sie die Decke von sich genommen und über die Wiege gelegt. Das war das Letzte, was sie noch tun konnte …
Das Unwetter wütet. Es tropft vom Dach auf die Stirn der Toten, und rinnt dann über die bleichen Wangen wie Tränen.
Was hat die Frau des Fischers getan? Sie hat etwas mitgenommen.
Sie rennt wie von Sinnen. Hat sie gestohlen? Gab es hier etwas zum Wegnehmen? Unter ihrem Tuch hat sie's verborgen und läuft damit und läuft. Ihr Herz schlägt wild. Sie sieht nicht zurück, lässt die Tür offenstehen und im Sturm hin- und herschlagen. Endlich ist sie vor ihrer eignen Tür. Sie stürzt hinein, schliesst sie hinter sich – und hin zum Bett! Dort legt sie's nieder und zieht die Decke darüber. Es sind die beiden Kinder der toten Witwe. Die sind erwacht, die schreien. Sie gibt ihnen zu essen. Sie wirft mehr Holz ins Feuer, setzt Wasser auf, wäscht die Kleinen und legt die Müden wieder in die Kissen ihres Ehebetts …