Sie ist blass. Sie sieht aus, als hätte sie die grössten Gewissensbisse, und legt endlich den müden Kopf neben die beiden Kleinen und weint.

»Ach Gott, – hatte mein Mann nicht schon genug? Was hab' ich getan! Jemand anders hätte ja auch die beiden nehmen können – einer, der es besser dazu hatte als wir! O, mein Mann – der wird mich nicht begreifen! – Da ist er schon! – Nein … Aber er muss ja bald hier sein! Es wird schon hell. Was soll ich sagen? Hätt' ich gedacht, dass ich mich jemals vor seinem Kommen fürchten müsste?!«

Und sie zerreisst sich das Herz und weiss nicht aus noch ein und kann endlich garnichts mehr, auch nicht mehr sich ängstigen – denn draussen stürmt es, und der Regen klatscht. Seevögel schreien dem erwachenden Tag entgegen. Mögen die nur schreien! Und das kraftlose Weib versinkt in ihren ermatteten Gedanken wie in einem Abgrund.

Da, endlich wird die Tür geöffnet, von einer starken Hand. Und im hellen Tag steht er da, gross und blond, der Fischer. Das Wasser rinnt von ihm, in der Hand hat er sein Netz. »Hier kommt Seevolk!« ruft er.

»Nein – bist du da?« sagt die Frau. Sie steht auf und geht ihm entgegen, befangen wie eine Braut. Er nimmt den Südwester ab, dann öffnet er den Fensterladen. Sie schaut in sein gutes Auge und bekommt wieder Mut. »Was ist das für ein Wetter, du?« – »Ja, das magst du wohl sagen!« – »Und Fische?« – »Traurig!« – »Traurig?« – »Schlimmer kann's nicht werden, denn ich fing nichts. Ich bin froh, dass ich mit heiler Haut davongekommen bin. Na, und du? was hast du getrieben?« – »Ich? – Mein Gott, garnichts. Das Wetter macht einem so angst, weisst du. Da ging ich hier herum und wartete auf dich.« – »Ja, ja, das ist ein böses Wetter.« – »Das ist ja wahr, sie ist nun tot, die Witwe.« – »Und ihre beiden Kleinen?« – »Die Kinder, die – ja, die lagen und schliefen. Das eine kann knapp gehen, und das andere, das Mädel, Marthe heisst es, das kann noch nicht mal sprechen. Ja, Marthe heisst es. Der Junge heisst Willy. Gott, wie arm die doch waren, du!« –

Nun wird der Fischer ganz ernst. Er macht ein paar Schritte, und sieht sich um. Er steckt seine nassen Finger ins Haar und kraut sich. »Warum hat nun der da oben die Mutter von diesen kleinen hungrigen Mäulchen genommen?« Er steht still und schaut sein Weib an, bis sie es wieder mit der Angst bekommt. Dann dreht er sich um. »Da muss der Herr nun mal zusehn, wie das werden soll. Geh, und hol' die Kinder, Frau. Und wenn der da oben es merkt, wie's hier unten bei uns aussieht, dann wird er schon ein Einsehen haben, und dann wird's wohl auch mit den Fischen besser. – Willst du nicht gehen?«

– »Ja doch, aber – die sind schon hier.« Und sie schiebt den Vorhang vor dem Bett zur Seite.


DRUCK VON MÄNICKE & JAHN IN RUDOLSTADT