Aber gerade, als sie draußen stand, kam Franz Röy dahergestürmt. So eilig, als sei er hinbestellt und habe sich verspätet. Franz Röy riß den Hut vom Kopf, bekam aber kein Nicken als Antwort, nur ein paar kühle Augen. "Aber nein, jetzt müssen Sie auch nicht mehr böse sein!" sagte er gutmütig und knabenhaft in seinem breitesten Ostländisch. Sie taute auf, ja, sie konnte nicht anders, sie lächelte sogar und war tatsächlich nahe daran, seine ausgestreckte Hand zu fassen,—als sie sah, wie seine Augen blitzschnell an ihr vorbeiglitten und mit einem ganz, ganz kleinen Triumph wieder zurückkehrten. Da wandte auch sie den Kopf und begegnete Alices Augen. In ihnen lag eine ganze Welt von Schelmerei und Freude. Eine abgekartete Sache also! Da ging eine Verwandlung mit Mary vor. Wie von der höchsten Kirchturmspitze blickte sie auf die beiden hinunter—und ließ sie stehen. Ihr Wagen hielt in einiger Entfernung; sie winkte, und er kam in großem Bogen heran. Ihr Vater hatte auf seinem Wagen keinen Diener; sie machte sich selbst den Schlag auf, ehe Franz Röy hinzuspringen konnte. Sie stieg ein, als sei kein Mensch da. Von ihrem Sitz aus sah sie sich nach Alice um,—an Franz Röy vorbei. Die korpulente Alice kam langsam herangewatschelt. Schon von weitem war zu sehen, daß sie einen harten Kampf mit unterdrücktem Lachen zu bestehen hatte. Und als sie herangekommen war und Mary vornehm dasitzen sah, den Kopf nach der andern Seite gewandt, während auf dieser Seite Franz Röy, der Riese, wie ein verdonnerter Rekrut stand, da konnte sie sich nicht länger halten, sie brach in ein Gelächter aus, das ihre ganze behäbige Person von Grund auf erschütterte. Sie lachte, daß ihr die Tränen über die Backen liefen. Sie lachte so, daß sie nur mit Not und Mühe und nicht ohne Hilfe das Trittbrett fand und sich hinaufzog. Sie sank laut lachend neben Mary auf den Sitz, daß der Wagen wackelte. Sie hielt das Taschentuch vors Gesicht und prustete hinein. Sie sah Marys purpurrotes Beleidigtsein und Franz Röys blasses Entsetzen, sie lachte nur immer mehr. Sogar der Kutscher mußte mitlachen; er wußte den Teufel warum. So fuhren sie ab.
Wieder eine mißglückte Expedition nach den kühnsten Hoffnungen! Es dauerte lange, bis Alice etwas sagen konnte. Natürlich fing sie damit an, Franz Röy zu bedauern. "Du bist zu streng gegen ihn, Mary. Gott, wie unglücklich er aussah!" Und wieder überkam sie das Lachen. Mary aber, die die ganze Zeit über dagesessen und nur auf eine Gelegenheit gewartet hatte, brach jetzt los: "Was geht mich Dein Protégé an?" Und als sei das nicht genug, beugte sie sich vor und sah in Alices lustige Augen hinein. "Du verwechselst uns beide wohl. Du bist selbst in ihn verliebt. Meinst Du, ich habe das nicht lange gesehen? Ihr müßt ja selbst am besten wissen, in was für einem Verhältnis Ihr zueinander steht. Mich geht es nichts an. Aber das 'Sie', an dem Ihr festhaltet,—ist doch wohl nur ein Deckmantel?"
Alices Lachen erstarb. Sie wurde blaß, so blaß, daß Mary erschrak. Mary wollte die Augen wieder abwenden, konnte es aber nicht. Alices Augen hielten sie während des schmerzlichen Überganges fest, bis sie erloschen. Da sank Alices Kopf mit einem langen, schweren Seufzer hintenüber. Wie das Stöhnen eines verwundeten Tieres.
Mary saß daneben, erschrocken über den eigenen Schuß.
Aber es war geschehen.
Unerwartet und hastig hob Alice den Kopf und ließ den Kutscher halten.
"Ich muß in dies Hôtel." Der Wagen hielt, sie öffnete die Tür, stieg aus
und schloß sie hinter sich. Mit einem langen Blick auf Mary sagte sie:
"Good bye!"—"Good bye!" war die leise Antwort.
Beide fühlten, es war für immer.
Mary fuhr weiter. Sowie sie zu Hause war, ging sie geradenwegs in den Salon; sie wollte ihrem Vater etwas sagen. Schon draußen vor der Tür hörte sie Klavierspiel und wußte, daß Jörgen Thiis da war. Aber das hielt sie nicht zurück. In Hut und Sommermantel stand sie plötzlich unerwartet im Zimmer. Jörgen Thiis sprang vom Klavier auf und ging ihr entgegen, seine Augen waren voll Bewunderung; sie glühte nämlich vor Erregung. Aber etwas Stolzes und Abweisendes in all dem Funkeln bewirkte, daß er es aufgab, sich ihr zu nähern. Da bekamen seine Augen das Saugende, Gierige, das sie so tief verabscheute. Mit leichtem Gruß ging sie an ihm vorbei auf den Vater zu. Er saß wie gewöhnlich in einem großen Stuhl mit einem Buch auf den Knien. "Du Vater, was meinst Du, wollen wir jetzt nach Hause reisen?"
Alle Gesichter hellten sich auf. Frau Dawes rief: "Denk nur, Jörgen Thiis hat gerade gefragt, wann wir reisen; dann will er mit."—Mary wandte sich nicht zu Jörgen Thiis, sondern fuhr fort: "Ich glaube, das Schiff fährt morgen von le Havre ab."—"Ja, ganz recht," antwortete ihr Vater, "aber bis dahin werden wir wohl nicht fertig?"—"Doch, das werden wir," sagte Frau Dawes, "wir haben ja den ganzen Nachmittag."—"Ich will mit Vergnügen helfen", sagte Jörgen Thiis. Dafür bekam er einen freundlichen Blick von Mary, ehe sie über den Preis Bericht erstattete, den Alice für die holländische Küstenlandschaft, die ihr Vater haben wollte, angesetzt hatte. Dann ging sie hinaus, um ihre eigenen Sachen einzupacken.
Sie trafen sich alle vier um halb acht im Hotel beim Diner. Mary fand sich, etwas abgespannt, auch ein; Jörgen Thiis ging ihr entgegen und sagte: "Gnädiges Fräulein haben doch diesmal Franz Röy kennen gelernt?"—Der Vater und Frau Dawes waren ganz Aufmerksamkeit; sie verrieten dadurch, daß Jörgen soeben mit ihnen darüber gesprochen haben mußte. Immer wenn sie die Bekanntschaft eines Herrn machte, bekamen nämlich die beiden Angst. Mary wurde rot; sie fühlte es, und daher vertiefte sich das Rot noch. Die beiden starrten sie an. "Ich habe ihn bei Miß Clerq gesehen", antwortete Mary. "Miß Clerqs Mutter und sie sind mehrere Sommer in Norwegen gewesen und dort mit Franz Röys Familie zusammengetroffen; sie sind aus einer Stadt. Soll ich noch weitere Aufklärungen geben?" Jörgen Thiis erschrak. Die andern starrten sie an. Er sagte eilig: "Ich habe gerade zu Ihrem Vater und zu Frau Dawes gesagt, daß unter uns jüngeren Offizieren Franz Röy als der beste gilt, den wir überhaupt haben. Ich habe es also nicht böse gemeint."—"Das habe ich auch nicht von Ihnen gedacht. Aber wenn ich selbst von dieser Bekanntschaft hier nicht gesprochen habe, darf es auch von keinem Fremden zugetragen werden, finde ich."—Ganz erschrocken sagte Jörgen Thiis, daß … daß … daß er keine andere Absicht dabei gehabt habe als, als, als … "Das weiß ich", schnitt sie ihm das Wort ab.