Dann gingen sie zusammen hinunter. Bei Tisch—sie hatten einen für sich allein—nahm Jörgen Thiis das Thema natürlich wieder auf. Das könne nicht so abgetan werden. Die Offiziere, sagte er, bedauerten, daß Franz Röy zum Geniekorps übergegangen sei. Er sei ein hervorragender Stratege. Ihre Übungen, sowohl die theoretischen wie die praktischen, hätten ihm Gelegenheit gegeben, sich auszuzeichnen. Jörgen führte Beispiele an, die sie aber nicht verstanden. Da wartete er mit Anekdoten über Franz Röy auf. Aus dem Leben mit den Kameraden, aus seinem Beruf. Die sollten beweisen, wie beliebt und wie schneidig er sei; Mary aber fand, sie bewiesen eher, wie jungenhaft er sei. Jörgen trat also den Rückzug an: er habe es nur erzählen hören; Franz Röy sei ja älter als er. "Wie finden Sie ihn denn?" fragte er plötzlich sehr unschuldig. Mary zögerte, die ändern blickten auf. "Er redet so sehr viel."—Jörgen lachte. "Ja, was soll er machen? Er hat soviel Kraft."—"Muß die sich an uns andern auslassen?" Darüber lachten sie alle, und damit war die Spannung gelöst, in der bis jetzt alle befangen waren. Krog und Frau Dawes fühlten sich sicher vor Franz Röy. Auch Jörgen Thiis.
Sie kamen um halb neun wieder nach oben. Mary entschuldigte sich,—sie sei müde. Von ihrem Zimmer aus hörte sie Jörgen Thiis spielen. Sie lag und weinte.
* * * * *
Der nächste Abend auf dem weiten, stillen Meer. Es dämmerte leise der Sommernacht entgegen; zwei Rauchsäulen in der Ferne,—sonst nichts. Ein ununterbrochenes helles Grau oben und unten. Mary lehnte sich an die Reeling. Kein Mensch weiter war zu sehen; das Stampfen der Maschine war der einzige Laut.
Sie war eben unten beim Konzert gewesen, war aber vor den andern nach oben gegangen. Ein Gefühl unsäglicher Einsamkeit trieb sie hinauf zu diesem inhaltlosen Ausblick. Überall Wolken als Grenze.
Nichts als Wolken; nicht einmal ein Widerschein der untergegangenen
Sonne.
Was war ihr selbst von dem Glanz der Welt geblieben, aus der sie kam? War nicht in ihr und um sie herum die gleiche Leere? Das Wanderleben war jetzt vorbei; weder ihr Vater noch Frau Dawes konnten oder wollten es fortsetzen; das wußte sie. In der Bucht, wo sie wohnten, war kein Nachbar, an dem ihr lag. In der Stadt eine halbe Stunde davon kein Mensch, an dem sie hing. Sie hatte sich keine Zeit dazu gelassen. Sie war nirgends heimisch. Ihr Leben war keins, das aus der Scholle herauswächst und mit allem verknüpft ist, was daran hängt. Wo sie hinkam, schien die Unterhaltung zu stocken, damit ein anderes Thema, das ihr angepaßt war, aufgenommen werden konnte. Die Globetrotter, die mit ihr durch die Welt zogen, sprachen von Reiseerlebnissen, von Museen und Musik an den Orten, die sie zusammen aufgesucht hatten. Manchmal auch über Probleme, die mit ihnen schwammen, wohin sie auch fuhren. Aber kein einziges darunter, das ihr nahe ging. Die Redensarten, auf die es ankam, konnte sie auswendig. Es war eigentlich eine Art Sprachübung oder ein zweckloses, müßiges Geschwätz.
Die Huldigungen, die ihr dargebracht wurden, und die bisweilen in einen Kultus ausarteten, fingen schon an, als sie noch ein Kind war und es für Spiel ansah. Später war es ihr so zur Gewohnheit geworden wie die Touren eines Kontres. Ein einzelner Zwischenfall, der die ganze Familie in Aufregung gebracht hatte, ein paar Fälle, die weh getan hatten, waren längst vergessen; das ganze war jetzt Alltäglichkeit ohne Ernst. Sie stand einsam und mit leeren Händen da.
Es ging ein Zucken durch ihren Körper, als ihr Franz Röys riesige Gestalt vor Augen trat. So deutlich, so scharf in allen Einzelheiten, daß ihr war, als könne sie sich nicht vom Fleck rühren.
Er war nicht wie die anderen. Hatte das sie in Aufregung gebracht?