Bei dem bloßen Gedanken an ihn zitterte sie. Ohne daß sie es wollte, stand Alice neben ihm in ihrer üppigen Lüsternheit, mit frivolen Augen … In was für einem Verhältnis standen die beiden? Es wurde ihr dunkel vor den Augen, es stach, es kochte in ihr. So stand sie und weinte.
Sie hörte ein dumpfes Brausen von etwas Gewaltigem. Sie wandte sich nach der Richtung. Ein Ozeansteamer kam ihnen entgegen, so unvermutet und so ungeheuer groß, daß sie den Atem anhielt. Er wuchs aus dem Meer heraus ohne Warnungssignal. Er schoß in rasender Fahrt auf sie zu, wurde größer und immer größer, ein Feuerberg von großen und kleinen Lichtern. Unter schäumendem Brausen kam er und zog er vorbei. Nur einen Augenblick, und er war ein Bild in der Ferne.
Wie das sie ergriff!
Dies vorüberrauschende Leben, das von Erdteil zu Erdteil eilt, voll
Arbeit und Gedanken in ewigem, fruchtbarem Austausch.
Während sie hier in einer kleinen Tonne umherschwamm, die von den Wellen des Weltkolosses geschaukelt wurde, daß man sich festhalten mußte.
Sie stand wieder allein in der großen Wüste. Wie verraten. Es war doch wie ein Verrat, wenn alles, was sie in drei Erdteilen gesehen und gehört hatte an Volksleben und Festen, kirchlichen wie nationalen, an Kunstwerken und an Musik,—gewissermaßen zurückblieb, wo sie es gesehen und gehört hatte, während sie einsam in einer unheimlichen, bewegungslosen Einöde stand.
* * * * *
Daheim
Es kam erstaunlich anders.
Schon als sie an Land stieg, sah sie bei Jung und Alt die ungeheucheltste Freude über das Wiedersehen. Alle Gesichter strahlten. Ebenso auf dem Wege zum Marktplatz; jeder freute sich; jeder grüßte. Während sie keinen Gedanken für diese Leute gehabt hatte, hatten sie ihrer gedacht. Vom Haus am Markt wollten sie später am Tage mit dem Küstendampfer nach Krogskog weiterfahren. In der Zwischenzeit bekamen sie Besuch von ihren Verwandten. Die mußten ihnen doch sagen, wie froh sie seien, sie endlich wiederzusehen. Sie mußten auch von der Freude berichten, die das spanische Bild Marys hervorgerufen hatte, erst hier, dann in der Hauptstadt und jetzt auf einer Rundreise durch das Land mit anderen Bildern. Man schreibe,—ja, sie habe doch gelesen, was man schreibe?—Nein, sie habe überhaupt keine Zeitungen gelesen, nur hier und da ein Blatt, das an ihrem jeweiligen Aufenthaltsort erschienen sei. "Liest Du denn keine hiesigen Zeitungen?"—"Doch, wenn Vater sie mir zeigt." Ob ihr denn ihr Vater nichts davon erzählt habe, und Frau Dawes auch nicht?—"Nein."—"Ja, nun sei sie in ganz Norwegen bekannt. Dies sei doch das dritte Bild von ihr; oder gar das vierte? Und dies sei das schönste. Die illustrierten Zeitschriften hätten es gebracht. Ein englisches Kunstjournal, "The Studio", habe es auch reproduziert. Ob sie das nicht wisse?"—"Nein."—Die Jugend sei ganz stolz auf sie. Darum hätten sie mit ihrem Frühlingsfest bis zu ihrer Heimkehr gewartet. "Da soll Staat mit Dir gemacht werden."—"Mit mir?"—"Wir wollen nach Marielyst, der Dampfer von hier und einer aus der Nachbarstadt, wir treffen uns dort. Jörgen Thiis hat von Paris aus den ganzen Plan entworfen."—"Jörgen Thiis?"—"Ja, hat er nichts davon gesagt?"—"Nein."