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"Er, der sich vor mir in den Staub hätte werfen müssen und den untersten
Saum meines Kleides küssen!" Das war ihre Empfindung.

Schon gestern abend war das Gefühl von etwas Unfeinem in ihr aufgedämmert. Er wollte sie nicht wieder loslassen. Sie mußte eine List anwenden und ihre Tür verriegeln. Aber sie hatte sich das als eine krankhafte Folge seiner langen Sehnsucht ausgelegt, die zur Besessenheit geworden war.

Jetzt war kein Zweifel möglich! Nur ein "Bewanderter" konnte es in dieser Weise auffassen. Sie war betrogen. Das Allerschönste in ihr, das von ihren feinsten Instinkten geschirmt und großgezogen worden, war hineingelockt in einen widerwärtigen Irrtum.

Sie rang den ganzen Tag damit. Verraten und geschändet nannte sie sich. Zuerst wälzte sie alle Schuld von sich. Dann nahm sie alles auf sich und verdammte sich als unbrauchbar für das Leben. Sie greife doch nur fehl, sie verrate sich selbst. Einen Augenblick sagte sie: Mir ist Gewalt angetan, obwohl ich mich freiwillig hingegeben habe! Im andern Augenblick sagte sie: Das greift gewiß viel weiter zurück, und ich finde mich nicht heraus.

Welch ein Segen, daß ihr Zimmer unberührt und rein geblieben war. Das nebenan wollte sie nie wieder betreten, nie mehr sehen.

Ihm wollte sie nicht gehören.

Aber würde er denn schweigen? Darüber war sie beruhigt. Auf dem Gebiet lagen seine Schwächen nicht, sonst hätte sie wohl irgend etwas erfahren. Aber daß ein einziger Mensch existieren sollte, der—! Sie weinte vor ohnmächtigem Zorn. Das würde ihren Lebensmut zerstören. Das würde wie ein Alp auf ihr liegen. Gerade wenn sie sich am höchsten fühlte.

Sehen wollte sie ihn! Ihm sagen, wofür sie ihn gehalten habe,—und wer er sei. Zu wem sie habe hineingehen wollen,—und zu wem sie hineingekommen sei. Er sollte nicht triumphieren können. Aber dazu mußte sie sein Leben kennen. Wen konnte sie fragen, wer kannte sich darin aus?——

Als sie am nächsten Morgen aufwachte, war sie sich klarer. Einmal darüber, wie sie sich volle Gewißheit über Jörgen verschaffen konnte; das mußte gelegentlich geschehen, so daß keiner etwas merkte. Ebenso war sie sich klar, daß der Bruch mit ihm und die Begegnung, die den Bruch vorbereitete, hingehalten werden mußte—vor allem um der beiden Alten willen. Das zweite und viel wichtigere war: ihr eigenes Leben wieder aufzubauen, aus dieser schwülen Luft herauszukommen, die sie ins Verderben geführt hatte. Da gab es nur einen Weg: ihre Arbeit aufzunehmen, sich brauchbar dafür zu machen und aus den Resultaten neuen Mut zu schöpfen.